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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden · 1935-12-01 · 23 (1.12.1935) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
Volume
11 (1935)
Issue
23 (1.12.1935)
Date
1935-12-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Gemeind evlatl der Israelitischen Religionsgemein-e Dresden Amtliches Organ des Semeindevorstandes * Mitteilungsblatt des Sächsischen israelitischenGemeindeverbandes * Verantwortliche Schrlstleitung: Leo Anschel, Dresden / Verlag: Israelitische Religionsgemeinde Oresden-A. l, Zeughausstraße 3 / Huf 14051 und 17887 / / Verantwortlich für den Inseratenteil: Zac. Sternlicht, Oresden-A. 19, Stübel-Allee 35 / / Huf 34185 / / Annahmestelle für Inserate ebenda / Die 4 mal gespaltene 48-mm-Zelle kostet 22 Pfennig, laufend Rabatt / Druck: A. Sruhnert, Oresden-A. l, Ammonstr. üi XI. Zahrg. f Dresden, den 1. Dezember 1935 j Nummer 23 4 NEUE JÜDISCHE DICHTUNG I Von Julius Ba b. v Mau hatte mich aufgefordcrt, über die neue jüdische Dich tung in Deutschland etwas zu sagen. Ich habe lange und ernstlich darüber nachgedacht und bin nicht weiter als bis zu der Frage gekommen: gibt cs denn eine neue jüdische Dichtung? Gibt es seit zwei Fahren in deutscher Sprache eine Dichtung, die nach der Wahl ihrer Bilder, nach der rhythmischen Verbindung ihrer Worte, nach der geistigen Anordnunglihrer Vorstellungen — kurz nach allem, was den eigentlichen Gehalt, die innerste Wirkung einer Dichtung ausmacht, jüdisch ist? Natürlich, ich bekomme beinahe jede Woche ein neues Theaterstück zu lesen/das entweder ein biblisches Thema hat oder von der Zerstörung Jerusalems durch Titus oder vom Aufstand des Bar Kochba oder auch einmal von den spani schen Juden oder, ganz selten, von der Geschichte der polnische,. Juden bandelt. Diese. Stücke sind allermeist undiskutabc, dilettantisch. Aber wenn ein Funke von Talent in ihnen glimmt, so ist es Nachklang von Shakespeare, von Schiller und am häufigsten von Hebbel. Also doch wohl im besten Fall noch keineswegs jüdische Dichtungen! Tenn Hebbels „Judiths und Otto Ludwigs „Makkabäer" gehen gewiß die Juden besonders an, weil sie bezeugen, daß große jüdische Tradition aus Dichter anderer Herkunft befruchtend wirken konnte — aber es sind doch durchaus und ganz und gar d e u t s ch e Dramen. Gewiß: es erscheinen seit geraumer Zeit Novellen und Romane, die von jüdischen Menschen und von jüdischen Schicksalen handeln. Einige haben sogar lebhaften Erfolg. Aber sofern sie überhaupt etwas wie eine eigene Form zeigen, so ist es einmal der feierliche Ton einer alten Chronik (christlichmittelalterlichen Gepräges) und das andere Mal die sprunghafte Nervosität moderner Impressionisten. Aber „jüdische" Dichtung? Inwiefern? Wenn man etwa — eine wohl aufzuwerfende und vielleicht zu bejahende Frage — die melancholische Melodie des Erzählers Georg Hermann als jüdischen Stil kennzeichnen wollte, dann ist jedenfalls sein Roman „Grenadier Wordelmann" ebenso viel und ebenso wenig „jüdische" Dichtung wie „Jettchen Gebert"; obwohl der eine von friderizianischen Grenadieren und der andere von Berliner Juden handelt. _Dichten — das ist eine sehr bestimmte Art, die Wett zu sehen und muß auf schlechthin jedes Stück der Welt angewendet werden können. Und nun die Lyrik? Lyrik, das ist im idealen Falle der unmittelbare, im Wort auftauchende Gesang der Seele; Lyrik im höchsten Sinne hat gar keinen Stoff in der logischen Bedeutung deS Wortes, nicht einmal einen „Sinn". Man kann eine vollkommene Lyrik so viel oder so wenig „erklären" wie eine Beethovensche Sonate. Und Goethe hat zum Beispiel von einem seiner vollkommensten Gedichte gesagt, daß er cs durchaus nicht erklären könne. Also hier ist ivvhl die Verwechselung des Stosfes mit der dichterischen Form, die den eigentlichen, den höchsten Inhalt der Poesie ausmacht, gar nicht möglich? O doch! Ich jprach ja vom höchsten, vom idealen Fall der Lyrik. Ter wird ungeheuer selten verwirklicht; die inelsten Gedichte bleiben auf yalbem Wege zum Epischen stehen: sie haben einen Inhalt, sie erzählen nach Art der Ballade eine Geschichte, oder sie erhalten nach Art des Sinngedichtes oder der Hymne eine sittliche Weisung. Wenn es gute Gedichte sind, so ist sür die Wirkung dabei ausschlaggebend die sprachliche Melodie, die unser Gefühl trägt — aber einen Stoff haben sie immerhin. Run gibt es allerdings in letzter Zeit eine große Menge von Gedichtbüchern, die sich als jüdische vorsleUcn. Aber der Grund ist fast ausschließlich, daß sie einen jüdischen Stosf haben; sie handeln von David oder Laul oder Moses, sie betrachten die gegenwärtige Sisualion der Juden oder rufen zur Schaffung von Neuland in Palästina auf. Gewiß, dagegen ist nichts zu jagen, und keineswegs sind all diese Gedichte unbegabt; aber sind es denn nun jüdische Gedichte? Man kann bei der Lyrik, weil sie ja die dichterische Urform ist, leichter oder jedenfalls mit geringerem Aufwand, deutlicher werden als bei der dramatischen oder erzählenden Form der Dichtung. Also da schließt ein Gedicht, das die jüdischen Siedler auf neuer Erde Yerherrlicht, mit diesen Zeilen: Wir geben die Pflüge in ihre Hand. Als lebendes Erbe das blühende Land. Tie Heimat unsrer Geschlechter. Es liegt bestimmt, nicht nur an der Gleichheit deS letzten Wortes, wenn mir da drei sehr bekannte Zeilen von Schiller einfallen: So mögen sie, rief er begeistert aus, Sechs Kronen euch bringen in euer Haus, Und glanzen die spät'sten Geschlechter. Diese Prophezeiung aus dem „Grafen von Habsburg" hat nämlich genau den gleichen Rhythmus, wie die Ekstase des Siedler-GedichteS. Die Melodie, die hier unser Gefühl tragen soll, stammt ganz zweifellos aus großer deutscher Tradition; es ist nichts Jüdisches an ihr. Man kann es noch deutlicher machen: da fängt, aus einem ganz neuen Bande, deffen Autor sich sogar einen hebräischen Namen zulegt, ein Gedicht „Ahasver" mit folgender Strophe an: Ich bin der Dunkle, der Verwaiste, Dem nie ein Tu aus liebem Munde ward, Ich bin der Einsame, der Weitgereiste, Ich bin der Suchende auf ewiger Fahrt.

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