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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden · 1935-06-01 · 11 (1.6.1935) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
Volume
11 (1935)
Issue
11 (1.6.1935)
Date
1935-06-01
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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S«tt* 2 Gemeindeblatt der Israelitischen Religlonsgemeinde Dresden Nr. tt Ist das Judentum lehrbar? Don Semeinberabbiner Gustav Lohn, Leipzig Über den Wert der Unterweisung in der Religion gehen die Ansichten weit auseinander. Wöhrend die einen, nach altem Brauch«, die Einführung ihrer Kinder in die religiösen Fragen sehr früh beginnen und sie nicht weit genug fassen können, wünschen andere den Religionsunterricht chrer Kinder hinauszuzögern, und erst dann, wenn sie die ersten Schulschwierigkeiten überwunden haben, die Kunde der Religion an sie heranzubn'ngen. Wenn Eltern damit Gleichgültigkeit oder gar bewußten Widerstand gegen eine ernsthaste Teilnahme ihrer Kinder am Religionsunterrichte zeigen, so geschieht das nicht selten, weil sie der Meinung sind, es sei ja doch vergebliches Mühen, religiöse Haltung durch Belehrung Hervorrufen zu wollen. Solche Bewertung der „Religion* als Unterrichtsfach wurzelt in der an sich richtigen Erkenntnis, daß religiöse Kräfte nicht von außen her in dm Menschen gegeben werden können; sie müssen innerlich, wachsm. Wahre Religiosität, das Gefühl der Beziehung zum Göttlichen, der demüttge Glaube an Gott als den Schöpfer und den Lenker allen Geschehens, die ehrfürchttge Verehrung der Schöpfung selbst als Ausfluß dieses göttlichen Waltens, das hoffmde Vertrauen und die Me Ergebung in alle Fügung des Schicksals, das alles muß urtümlich in der Seele des Menschen sich bilden, mit ursprünglicher Gewalt vom Menschen Besitz ergreifm. Das kann in der Tat nicht gelehrt werden, wie etwa die Fertigkeit im Schreiben und Lesen und Rechnen. Und doch schreiten alle auf Irrwegen, die sich aus solchen Gedanken heraus gegen die religiöse Unterweisung wenden. Kein Religionslehrer mutet sich die Kraft zu, Religion lehren zu wollen; ,'eder sieht vielmehr seine Aufgabe, aber auch die Möglichkeit lediglich dann, Religion zu wecken. Religiosität ist ein Urgefühl, das im Menschen schlummert. Wir sagm, ohne Einschränkung, in jedem Menschen schlummert. Sie wirft sich verschieden aus, stärker oder schwächer, früher oder später, anhaltend oder nur zeitweise. Eie hat durchaus nicht immer die gleichen Erscheinungsformen, kann hier in einem Menschen herrschend werden und jeder Lebmsbetätt'gung ihren Stempel aufdrücken» und kann dort, nicht minder mächtig, im nie sich äußerlich bekundenden Gefühl ihre heimliche Beseligung verleihen. Aber: sie schlummert in jedem, vom Kindesalter an, ist ihm als Funke eingegeben. Wenn Menschen meinen, sie hätten nie Religion besessen, könnten nie religiös sein - sie täuschen sich über ihre innere Natur: es kommt in jedem der Augenblick, da ihm das Göttliche und seine seellche Beziehung zu Gott bewußt wird. Wenn Menschen von sich sagen, sie hätten sich vom Religiösen innerlich befreit - Irrtum,- es bricht wieder durch, wenn die Hemmungen geschwunden sind, die sich ihm entgegenfiellten. Wir stehen am Ende einer Geisteshaltung, die den überlieferten Religionsformen feindlich war. Fasscher Individualismus verleitete dazu, Anschauungen, die sich auf angeblich unumstößliche wkffenschafiliche Erkenntnisse beriefen, an die Stelle der alten Religionen zu setzen, um sich von den Bindungen zu befreien, die sie auferlegten. Viel, sehr viel Religiosität lag ost auch in solchem Euchen. Heute wird immer deutlicher, baß man dort nicht fand, was man erhofft hatte. Tausende von Iuden fühlen diese Sehnsucht, es^ beschäftigt sie das Problem, wie sie Zugang zum alten Iudentum finden können. Eie möchten für sich selbst die Leere ausfüllen, die ihnen bewußt geworden ist, schon, um auch ihren Kindern Wegweiser sein zu können, um Fragen, die ihre Söhne und Töchter beschäftigen, beantworten zu können. Sie kennen das Ziel: sie wollen lebendiges Iudentum. Doch wie dahin gelangen! Kann man es lernen? Gewiß, bas religiöse Fühlen, die religiöse Gesinnung kann keiner lehren. Aber bewußt gemacht kann es durch die Unterweisung werden. Vor allem bei dem Kinde, auch bei der Iugend, und selbst der Erwachsene, der ersthasten Willen dazu hat, kann viel Verschüttetes wieder freilegen. Verkümmertes kräftigen, Unentwickeltes zur Enssaltung bn'ngen. Das ist die Aufgabe der Belehrung, sie wirft anregend, befruchtend. Sie stellt den unterbrochenen Zusammenhang her. Sie spricht von den alten Erscheinungsformen jüdischer Lebenshaltung und läßt aus ihnen den Funken jüdischer Religiosität auf die suchende Seele überspringen und zünden, läßt die durch Vernachlässigung spröde gewordenen Saiten geschmeidig werben und mitftingen. Gerade im Iudentum hat das Lehren seine besondere Stellung. Thora bedeutet ja Lehre. Unendliche Weisheit liegt in dleseip Begriff: lemen muß der Iube, um sein Verhältnis zu Gott bewußt zu machen, lemen: das alte jüdische Brauchtum, lernen ln unseren Schn'sten, in unserer Geschichte. Aus alledem strömt der Hauch jüdischer Glaubenskrast, jüdischer Demut, jüdischer Ergebung - jüdischer Religiosität. »Du sollst die Worte der Thora deine Kinder lehren*, „jie sollen nicht weichen aus deinem Munde, aus dem Munde deiner Kinder und Kindeskinder* - das sind die Grundsätze, nach denen lange Geschlechterreihen sich n'chteten, um Iudentum lebendig zu machen. Und wir wissen, wie stark das religiöse Fühlen auf diesem Grunde gewachsen ist. So hat bas Iudentum das Lehren verstanden. Und so soll heute der abgen'ffene Faden des Lehrens wieder geknüpft werben. Überall regt sich's. Doch müssen die sich bietenden Möglichkeiten willig und sinnvoll genützt werden, wenn ein wahrer Erfolg erzielt werden soft. Es darf nicht Unmögliches gefordert werben: wenn der Ackerboden Palästinas, auf dem die Trümmer der Iahrhunderte liegen, wieder fruchtbar gemacht werden soll, muß mühereich«, langwierige Arbeit geleistet werden. Auch die religiöse Belehrung kann ihre Früchte nicht von heute auf morgen zeittgen, denn auch der seelische Boden, in dem die Saat aufgehen soll, muß sorgfältig frei* gelegt werden. Ungeduldiges Vorwärtstreiben kann hier, wo es um das Zarteste geht, nur hemmen. Auch dieses Mühen erfordert seine Zeit. Nicht minder aber muß eine Aufnahmebereisschafi die Empfänglichkeit für die Lehre schaffen. Wer von vornherein mit hundert x

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