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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden · 1935-06-01 · 11 (1.6.1935) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
Volume
11 (1935)
Issue
11 (1.6.1935)
Date
1935-06-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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-er Israelitischen Religionsgemeinde Dresden Amtliches Organ -es Semeindevorstandes > * Mitteilungsblatt des Sächsischen Israelitischen Gemeindeverbandes * Verantwortliche Schriftleitung: Leo Anschel, Dresden / Verlag: Israelitische Religionsgemeinde Oresden-A. l, Zeuahausstraße 3 / Ruf 14051 und 17SSI / / verantwortlich für den Inseratenteil: Iac. Sternlicht, Dresden«A. IS, Gtübel-Allee 35 / / Ruf 34185 / / Annahmestelle flr Inserate ebenda / Die 4mal gespaltene 4ü.mm>Zeile kostet 22 Pfennig, laufend Rabatt / Druck: A. Gruhnrrt, Dresden-A. i, Ammonstr. 61 Dresden, den 1. Juni 1935 XI. Iahrg. Rümmer 11 GchownavS / Wochenfest Don Or. Bernhard Isaak An keinem Tage des Jahres drängt sich uns der Eegensspmch über die Thora, »Dank sei Gott für die Lehre der Wahrheit und des ewigen Lebens", so siark auf die Lippen, wie am Wochenfeste, der Zeit unserer Gesetzgebung. Das Wissen um unser Werden und Sein, das Judentum als die Sinngebung' unseres Lebens ttttt in neuer Klarheit vor unsere Seele. Oie Offenbarung am Sinai, der Abschluß und die Krönung des Auszugs aus Ägypten, darf als bas bebeuffamste und weittragendste Ereignis angesehen werden, das die Menschheitsgeschichte kennt. Iahrtausenbe sind seit jenem Tage vergangm, da der Herr unsere Däter berief, ein priesterlicheS Reich zu sein, ein heiliges Leben zu führen. Diese Verheißung ist an keine Zeit gebunden, sie hat Geltung, solange die Menschheit besteht, und ebensowenig können die »Zehn Worte", die diese Verheißung erläutern, je ihre Bedeutung verlieren. Das größte und heiligste Gelübde, bas je ein Volk getan, ..Kol ascher dibber adaunai naaße". »Alles was der Herr geredet, wollen wir <un"-li.B. Mose, K.1S,D. 8), läßt uns innewerben, daß wir das Volk sind, das Gott in der Vorzeit erwählt hat, nicht um größere Rechte zu beanspruchen, sondern um andem Völkern in allen Tugenden als Beispiel und Vorbild voranzuleuchten. Wie die Offenbarungssicktte, der Sinai, als der niedn'gste unter den Bergen, so sieht Israel unter den Völkern da. Als bas kleinste und unscheinbarste wurde es von der göttlichen Vorsehung mit der erhabensten Sendung an die Menschheit betraut, das Licht der Gotteserkenntnis auf Erben zu verbreiten. Warum warb zu solch heiliger Verpflichtung nicht eines jener Völker berufen, das kraft seines Ansehens und seiner Macht der Verwirklichung der göttlichen Wahrheit viel nachhaltiger hätte dienen können? Israel, die kleinste undschwächste unter den Rationen, ward von Gott zum Träger und Verkünder seines Wottes auserwählt, weil die Gotteslehre nicht durch äußere Gewalt, sondern durch die ihr eigene Kraft der Wahrheit bei den Menschen sich Eingang verschaffen sollte. Unsere Voreltern, die an kahler und öder Stätte, ln der Wüste Sinai, der Offenbarung gewürdigt wurden, nahmen es auf sich, die göttliche Lehre zum Gemeingut der gesamten Menschheit zu machen. In der Wüste, die jedem zugehört, der ln ihr weilt ober sie durchzieht, und nicht in Palästina fand nach einem Worte unserer Weisen die Gesetzgebung statt, damit das Iudentum, dessen Lehren geistiger Besitz aller werden sollten, nicht als jüdische Rationalreligion erscheine. Tönte doch nach altfrommer Überlieferung die Gottesstimme am Sinai in so wunderbarer Welse, daß sie in den Sprachen aller Völler vernommen wurde. Oie sinaittschen Worte waren nicht für Israel allein bestimmt, sie sind zum Fundament geworden, auf dem die ganze sittliche Welt beruht. Ieman mattan taurosenu. die Zeit unserer Gesetzgebung, ist nicht allein der Geburtstag unserer Religion, sondem der Religionen überhaupt. Dem an heiliger Stätte übernommenen Zehnwort verdankt>I)srael seine unvergängliche Bedeutung in der Geschichte aller Zeitenmch^ Völler. Es in die Welt hinauszutragen, daß es ein Segen für die Menschheit werde, bleibt seine ewige Sendung. »Die Worte der Offenbarung sotten uns stets neu sein, als wären sie erst heute uns kund geworden", lautet daher die Mahnung des Festes. Wir sollen die Thoraworte immer wieder in die lebendige Gegenwart hineintragen und in frischer belebender Kraft auf unS wirken lassen, um uns Pen vergangenen Geschlechtern in unlöslicher Treue zu verbinden. An keiner Stelle der heiligen Schrift wird uns die Macht dieser Treue so eindringlich veranschaulicht als in dem Buche Ruth, welches wir am zweiten Tage des Festes lesen und das mit der Geschichte der Offenbarung uns in keinem Zusammenhänge zu stehen scheint. Oie Treue gegen die Vergangenheit, die als leitender Gedanke der lieblichen Erzählung das Gepräge gibt, ist die große Kraft, die dem Iudentum seit jeher Dasein und Dauer verliehen und dem innigen jüdischen Familienleben Grundlage und Festigkeit gab. Unsere Generation, der vom Geschick Schweres auferlegt ist, muß ln der Treue zur Vergangenheit die innere Kraft erlangen, die uns in Rot und Leid aufrecht erhäll und uns mit Vertrauen an die Zukunft erfüllt. Ieber, der die Zeichen der Zeit versteht, weiß, wie er sich zum Iudentum zu stellen hat. Sein Iudesein muß in Leben und Wirklichkeit seinen posittven Ausdruck finden, muß dem Alltag in der Arbeit, dem Sabbat und den Festen in der Feier seine Weihe geben. Oie Frage der jüdischen Erziehung, eine unserer schwersten Sorgen, betrifft nicht nur die Iugend, sondern auch das Alter. Auch die besten Erziehungsabsichien vermögen nur wenig zu bewirken, wenn nicht auch die ältere Generation im Derantwortungsbewußtsein für die Zukunst des Iudentums, dessen Geschichte ein einzig dastehendes Beispiel von Standhaftigkeit und Überzeugungstreue bietet, von gleichem Wollen, aber auch von gleicher innerer Überzeugungskraft durchdrungen'ans Werk geht. Darauf kommt es an, dem jüdischen Hause den Ehärafter zu erhalten, den ftomme Vorfahren ihm einst gegeben. Das Eltern- Haus muß der religiösen Indolenz, in der die Iugend erzogen wird, entsagen, wenn wir die Hoffnung auf das Iudentum nicht verlieren wollen. Oie, jüdische Erziehung darf nicht Vereinen und Bünden allein überantwortet werden, die Familie muß die ihr verloren gegangene Erziehungskrast durch Beobachtung der Sabbate und Feste wieder zurückgewinnen, muß ihren Kindern durch Vermittlung religiösen Erlebens im Elternhaufe die seelische Heimat bereiten, die ihnen den unerschütterlichen Glauben an die Ewigkeitswerte des Iudentums verleiht. Rur so wird es gelingen, die Iugend als Trägerheiliger Tradittonen der Gemeinschaft Israels eknzugliedem und sie, ihrer Ahnen würdig, ungeachtet des beengten Lebensraumes und der erschwerten Oaseinsbedingungen,zu befähigen, an der Kultur und Zivilisation der Menschheit erfolgreich mitzuwirken.

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