Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 8 (15.4.1935)
- Date
- 1935-04-15
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/4892693-5739429-5770128--2217-4894785- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2 Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden Nr. 8 Oer Abschluß -es Gemeindehaushattes für 4934 Oer Jahresabschluß des Rechenwerkes der Gemeinde für 1034 zeigt genau die eigenartige finanzielle -tage, in welcher sich unsere Gemeinde unter den gegenwärtigen Verhältnissen befindet. «Schon beim vorjährigen Abschluß war darauf hingewiesen worden, in welche Rotlage die Finanzen durch den Umschwung gekommen waren. Oie Abwanderung vieler Steuerzahler hatte die Einnahmen vermindert, die plötzlich aufgetretene Rotwendigkeit, vielen Ge> meindemitgliedern wirtschaftlich zu helfen, hatte die Ausgaben bedeutend erhöht. Rur durch die Opferwilligkeit der-Mitglieder, welche nicht nur die Steuern pünktlich entrichtet sondern darüber hinaus freiwillige Gaben für das große Hilfswerk gegeben hatten, war es gelungen, dieser Schwierigkeiten Herr zu werben. Fm Fahre 1934 hat sich diese Entwicklung fortgesetzt. Oie Ordnung und Genauigkeit, welche seht in der Verwaltung der Gemeinde gepflegt werden, hat bewirkt, daß der Voranschlag, der für 1934 aufgestellt war, fast genau eingehalten wurde. Oie Überschreitung einzelner Ausgabenposifionen, welche notwendig wurde, konnte durch Ersparnisse bei anderen Ausgaben wieder ausgeglichen werdm. Sin Fehlbetrag, der leider nicht vermieden werben konnte, trat durch einen Minderertrag der veranschlagten Steuem in Höhe von RM 14 000. - ein. Es zeigt sich also, daß das gesamte Steueraufkommen unserer Gemeindemitglieder, da ja unsere Gemeindesteuer als Zuschlag zur Reichseinkommensteuer erhoben wird, rückläufig ist, und es kann keinem Zweifel unterliegen, daß diese rückläufige Bewegung auch im laufenden Fahre anhalten wird. Oie gleiche Rückbildung zeigt sich auch in der Vermögenslage der Gemeinde. Oie Aktivwerte, welche unsere Bilanz ausweist, verringem sich, sodaß sich als wichtigste Ausgabe für die Finanzverwaltung ergibt, auch für entsprechende Verminderung der passiven zu sorgen. Vor allen Dingen ist hierzu erforderlich, daß die Außenstände der Gemeinde, welche in Steuerrückständen,;um kleinen Teil auch in Betplatzmieten und Grabstellengebühren bestehen, auf jede nur mögliche Weise eingezogen und zur Tilgung der Gemeindeschulden verwendet werden. Oie große Schwierigkeit besteht hierbei dann, daß die Gemeinbemitglieder als Schuldner der Gemeinde sich vielfach zur Entrichtung des von ihnen geschuldeten Betrages unter Hinweis auf ihre eigene schlechte Wirtschaftslage außerstande erklären und um Erlaß bitten, während die Gemeinde bei ihren Gläubigern natürlich nicht auf Rachlaß rechnen kann, sondern ihre Schulden und Zinsen in voller Höhe abtragen muß. Oie Aktiven der Gemeinde bestehen außer ihren Kultstätten, Synagoge und Fn'edhof, in den beiden Gemeindehäusern Zeughausstraße 1 und 3 und dem Kinderspielplatz hinter der Synagoge am Hosenberg, welche mit einem Wert von RM 222000. - in der Bilanz aufgeführt sind und den Außenständen von RM 120 000.-, fast sämtlich Eteueraußenstänbe. Den Bankguthaben und Wertpapieren, welche am Äilanztage vorhanden waren, stehen laufende Verbindlichkeiten in größerer Höhe gegenüber. Oie Schulden der Gemeinde zerfielen am Fahresschluß in RM 182 000. - fundierte und RM 86 000. - laufende Verbindlichkeiten. Oke finanzielle Lage der Gemeinde, welche sich sowohl in der Vermögensübersicht als auch im Abschluß der laufenden Einnahmen und Ausgaben genau wiederspiegelt, zeigt also den Rückgang von Einnahmen und Vermögenswerten trotz Opferwilligkeit der Mitglieder und größter Bemühung der Verwaltung. Über die Rotwendigkeit, die Arbeit der Gemeinde aufrechtzuerhalten und ihr die dazu notwendigen Mittel zuzusühren, braucht wohl nicht mehr gesprochen zu werden. Wenn jemals, so muß in den Zeiten der Rot der Zusammenschluß durch Opfer der Einzelnen aufrecht erhalten werden. Daß die Arbeit der Gemeinde heute für jeden Einzelnen viel wichttger ist als in früheren Zeiten, sollte nicht erst betont werden. Rach den eingettetenen Veränderungen in der Lage, des Einzelnen ist es eine Kurzsichtigkeit, q wenn Gemeindemitglieder heute glauben, daß sie die Einrichtungen der Gemeinde und ihre Arbeit niemals benötigen werden und daß deshalb die Erfüllung ihrer Steuerpflicht und die freiwillige Spende von Wohlfahrtsleistungen ein unnöttges Opfer sei. Oe» Sinn - einer jeden Gemeinschaft liegt dann, daß ein Teil der Mitglieder Leistungen gibt und der andere empfängt. Wenn der gebende Teil Leistungen nur nach dem Ruhen berechnen wollte,'den er selbst aus der Gemeinschaft ziehen kann, dann ist ein Wirken der Gemeinschaft nicht möglich. Oie Leistungen für den hilfsbedürfttgen Teil müssen durch die Opfer des anderen Teiles voll aufgebracht werden, wie dies in den uralten Religionsgesehen unserer Gemeinschaft vorgeschrieben und durch die Fahrtausende jüdischer Geschichte auch erfolgt ist. Sicherlich sind in der Vergangenheit von unseren Vorfahren größere Opfer zur Erhaltung ihrer Gemeinschaft gefordert und gebracht worden als von uns, nicht nur Opfer an Geld und Gut, sondern an Leib und Leben, Opfer jeder Art und jedes Ausmaßes. Wer in der heutigen Rotzeit die von allen geforderten Geldopfer nach seinem Gutdünken beschränken oder sich ihnen entziehen und so seine Schicksalsgenossen in der Rot verlassen wollte, um Geld zu sparen, hat den Anspruch auf die Achtung aller anständig Denkenden verwirkt. Or. Gr. Zur Gemeinderatssitzung vom 28. März 4938 Oie Sitzung war in erster Linie der Beratung des Rechnungswerkes für 1934 gewidmet, lftnsere Leser finden an anderer Stelle des Blattes einen Überblick über den Fahresabschluß.) Rechnung und Dermögensübersicht sind von der Allgemeinen Treuhand- Aksiengesellschast'erstellt bzw. geprüft worden. Diese hat bestätigt, daß die Verwaltung in Ordnung und zur Beanstandung kein Anlaß ist. Oer Fahresabschluß wurde vom Kollegium einstimmig genehmigt, dem Vorstand wurde Entlastung erteilt. Oer Verwaltungsbericht hatte besonders die Arbeit der Wohlfahrtsstelle und ihrer Fnstutionen im abgelaufenen Winterhalbjahr zum Gegenstand. Hierbei konnte auch der opferfreudigen Arbeit der Wohltättgkeitsvereine und der Leistungen des allgemeinen Winterhilfswerfes gedacht werden. Von Fnteresse dürste sein die Gemeindestatistik für 1934- Geburten 19 (1933: 19) Trauungen 12 (1933: 16) Sterbefälle 64 (1933 : 66) Austritte 22 (1933 : 51) siehe unten! Übertritte 7 (1933: 8) Wiedereintritte 13 (1933: l) Wenn einer Geburtenziffer von 19 eine Zahl der Sterbefälle von 64 gegenübersteht, so prägt sich darin die ganze Tragik der jüdischen Bevölkerungsentwicklung aus, wie sie leider bereits seit längeren Fahren in Deutschland beobachtet werden muß, in solch krassen Ausmaß aber bisher nicht zutage getreten ist. Oie deutsche Fudenheit hat nicht nur einen Eterbeüberschußr ein Verhältnis der Särge zu den Wiegen von fast 3,5 :1 muß vielmehr schon zu den emstesten Befürchtungen Anlass geben. Es darf dabei nicht außer Acht bleiben, bas die Zahl der deutschen Fuden durch die stetig andauemde Auswandemng außerdem eine Schwächung erfährt. Diese aber ist nicht nur eine ziffernmäßige: da gerade ja die jungen Menschen die Heimat verlassen, muß mit einer besonders rasch zunehmenden Vergreisung der deutschen Fudenheit gerechnet werden. Auffallen muß die verhältnismäßig hohe Zahl von Austritten, welche allerdings durch die im Fahre 1934 einsetzende Wiedereintrittsbewegung, um deren Verstärkung die Gemeindeverwaltung bemüht ist, teilweise wieder kompensiert wird. Hier ist zu sagen, daß es sich fast ausschließlich um Menschen handelt, die bisher um ihre formell« Zugehörigkeit zum Fudentum (z. B. bei Abstammung aus