Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 7 (1.4.1935)
- Date
- 1935-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. - Gemeindeblatl der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden i Bankhaus *(flK° Sebr.-krnhold VresSea Verltn Dre«Vn«r 3<nietf jrfAift: »«rifenbau»*™#« 10-22 Rerlmer Ha«»: Jf^rlin w 8 JVbrenflrafe 62-63 Sir Ib-en ZInHchrloe unb OEiofte Ptixtt in ber IKqel fbtfenfrei ein nnb halten -xi»er,ii>«Iiche Anlagewerte stet« o»rr4ttq wir von den Juden hier keine exaktere Vorstellung mit, als daß sie aus Spanien stammen, spaniolisch sprechen und in ihren Gebeten das Hebräische so aussprechen, wie es heute in Palästina geschieht. Was die spanische Herkunst anbetrifft, so hat sie zwar im Verein mit der jahrhundertelangen Trennung von den jüdischen Zentren Europas zu einer deutlich spürbaren geistigen Differenzierung ge» führt, nicht aber einen besonderen jüdischen Typus entwickelt. Man findet hier im Tempel dieselben Gesichter wjeder, die einem in der Heimat begegnet sind. Oie eigene Sprache, das Spaniolische, hat die Zuden nicht gehindert, ihr angeborenes Sprachtalent zu entwickeln und besonders das Französische zu pflegen, das in der Levante eine ungeheure Volle spielt. Zn Smyrna, einer Stadt von mehr als 100 000 Einwohnern, -leben zirka 10 Prozent Juden, die zum größten Teil in ganz bestimmten Stadtteilen zusammenwohnen. Was dem deutschen Zuden sofort auffällt, ist die einseitige Äe'rufsschichtung, die, auch hier eilt Vermächtnis der Vergangenheit, von der Zugend kaum noch empfunden, geschweige denn abgelehnt wird. Stark ist die Äetätigung im Handel und im Dankwesen,- außerdem findet man erstaunlich viele jüdische Handwerker. Dagegen kennt die Jugend noch nicht den Ehrgeiz zu studieren: der jüdische Prozentsatz in den akademischen Berufen erreicht die Vorm nicht. Ein Ätld vom jüdischen Smyrna: an Vosch Haschonoh sind die Dazarstraßen mit ihren zahllosen kleinen Läden wie ausgestorben, und wenn wirklich ein Geschäft offen hat, so ist es vielleicht auch ein jüdisches, daß sich ausnahmsweise schon über die Tradition hinweggeseht hat. An Zom Kippur haben sogar die meisten europäischen Danken chre Schalter geschloffen, um eine gewisse Parität gegenüber den beiden anderen hier vertretenen Schwesterreligionen zu wahren. Diese eindrucksvolle Demonstration kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß man hier eher gewillt ist, eine gewiffe äußere Form zu wahren, als die religiösen Traditionen mit neuem Inhalt zu erfüllen. 95 Prozent der Gemeindemitglieder reflettieren noch auf die Versorgung mit Koscherfleifch. So bildet die Schechitah hier keinen Zuschußbetrieb, sondern die Haupteinnahmequelle der Gemeinde, die zur Erhebung direkter Steuern nicht berechfigt ist. Ein Gemeindeleben dagegen in dem Sinne, wie man es in Deutschm? i » land jetzt aufgebaut hat, existiert hier nicht. Frestich gibt es noch einige Gemeindeinstituttonen, ein Krankenhaus, ein Waisenhaus und einige Schulen, die sich eines starken DesucheS erfreuen, aber sie sind alle finanziell in ziemlich bedrängter Lage. Oie religiöse Unterweisung der jüdischen Zugend, die z. T. der Form nach an den ostjübischen Sheder en'nnert, ist von nicht sehr nachhaltiger Wirkung. Oie Erwachsenen beschäftigen sich nicht mehr mtt jüdischem Schrifttum. Man betrachtet dies vielmehr ganz und gar als Aufgabe des Ehachams, der Vabbiner und Vorbeter in einer Person ist. Um so mehr ist man auf jede Welse bedacht, ber Form zu genügen: im Deth Hamidrasch sitzen tagaus tagein zehn Datlanim oder Müßiggänger, sozusagen zur Repräsentation, eine Einrichtung, die man auch im Osten antrifft. Oer Gabbatgottesdienst findet eifrigen Zuspruch, obwohl er im Gommer schon um 7 Uhr beginnt. Er dauert übn'gens nicht sehr lange, da die zunehmende Tageshihe den Aufenthalt im Tempel ttotz geöffneter Fenster und Türen zu einer Qual machen würbe. Für das tägliche Minchahgebet stellt man daher in der lustigeren Vorhalle ein paar Stühle auf und läßt sich - nur durch die Mauer des Tempelhofes von der Straße gettennt - selbst durch die ratternde Straßenbahn und das Hupen der Autos nicht in der Andacht stören. Oer neue türkische Staat behandelt die Religion vollkommen als privaffache. Er erwartet aber von den Zuden, mögen sie sich zu ihrer Religion stellen wie sie wollen, daß sie chre eigene Sprache aufgeben und der Gesinnung nach den jungen Staat bejahen, dessen Dürger sie sind. Von großer Äedeutung für die Eingliederung in den heuttgen Staat kann der letzte Erlaß der türttschen Regierung werden, daß sich alle Staatsangehörige türkische Familienname geben oder, falls sie schon einen Vachnamen besitzen, ihn zugunsten eines rein türkischen oblegen müssen. Disher kannten die Türken nur den Vornamen allein und zur näheren Dezeichnung noch den Rufnamen des Vaters. Auch viele Spaniolen sind bei Gericht oder im Grundbuch nur mit ihrem Synagogennamen eingettagen, obwohl sie ihre klangvollen altspantschen Vamen besitzen, die man nicht müde wird, von den Schildern im Dazar abzulesen. Auch die aschkmasische Gemeinde, die sich im wesentlichen aus osteuropäischen Zudem zusammensetzt, ist stark zurückgegangen. Zn ihrem Äeetsaal-in enzem der jüdischen Quartiere gelegen - hörten wir. an den hohen Feimqgm die,"uns vertrauten kantoralm Melodien. Oie kleine G«yejnbe besitzt sogar einen eigenen Rabbiner einen 80jährigen Greis, der nach langen Irrfahrten durch Rußland, Sibirien und Ehina hierher verschlagen wurde. Oer Äetsaal, ärmlicher ausgestattet als in der kleinsten deuffchen Landgemeinde,- stößt an ein Haus, das schon vor vielen Zähren z. T. ausbrannte, und seitdem nicht wieder aufgebaut wurde. Zn dem verschont gebliebenen Test des Erdgeschosses beschließt der ergraute Rabbiner seine Tage. Einmal im Zahre vereinigt sich die kleine aschkmasische Gemeinde mit der sephardischen: am Ehanukka. Richtig ausgedrückt: sie belehrt ihre größere Schwester, wie man ein jüdisches Fest sin Abendlande feiert: mit liturgischen Gesängen in dem uns vertrauten Stile, mit gemischtem Lhor und eingestreuten Solls, mit Violin- G0HLITZ ■rische preiswerte Lebensmittel Feinkost, Weine, Tabakwarei