Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 7 (1.4.1935)
- Date
- 1935-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Gemeilldeblall der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden Amtliches Organ des Gemeindevorstandes * Mitteilungsblatt des Sächsischen Israelitischen Gemeindeverbandes * Verantwortliche Schriftleltung: Leo Anschel, Dresden / Verlag: Israelitische Religionsgemeinde Dresden-A. l, Zeughausstraße 3 / Auf 14051 und 17887 / Verantwortlich für den Inseratenteil: Iac. Sternlicht, Oresben-A. iS, Stübel-ANee 33 / Auf 34185' / Alleinige Annahmestelle Ar Inserate ebenda / Die 4 mal gespaltene 46-nim-Zeile kostet 22 Pfennig, laufend Rabatt / Druck: A. Gruhnert, Oresben-A. i, Ammonstr. tzi Xl. Iahrg. Dresden, den 1. April 1935 Nummer 7 Noch einmal Palästina — von deutsch-jüdischer Seite gesehen Nachstehend« Nurführungen gehen unr von unserem Gemeinderatemitglied, Herrn Rudolf Npt, zu, alr Erwiderung auf den Leitartikel der vorletzten Nummer »Palästina — unser« Hoffnung, unser« Aufgabe." wir betrachten die Nursprache damit al» beendet. Wem es ernst ist um feine Gefühle, der wirb von Dingen wie Heimatltebe am wenigsten sprechen, er braucht fle nicht zu beteuern, weil ste selbstverständlich sind. Wenn trotzdem eine Ausnahme geboten erscheint, dann deshalb, weil im Leitaufsah über Palästina in der vorletzten Nummer des Gemeindeblattes u. a. die Forderung aufgestellt wurde, daß es die Aufgabe der Iudenheit sei, Palästina zur Heimat ihrer Kinder zu gestalten. Wer die Jugend -aufgibt, gibt sich selbst auf und so erweckt der Aufruf den Eindruck, als ob die gesamte Iudenheit unter dem Druck der Verhältnisse nur von der einen Sehnsucht, nämlich der der Errichtung eines Iudenstaates, erfüstt sei. Einer solchen Darstellung muß vom deutsch-jüdischen Standpunkt ensschieden widersprochen werden. Wir Nichtzionlsten lehnen astes Völkische im Judentum ab und denken im allgemeinen auch religiös nur im biblisch-übertragenen Sinne an Palästina als das Land unserer Väter. Wir unterschätzen keineswegs den Wert des dort seit Jahren Geleisteten, das nun auch 'dem deusschen Auswanderer zu Gute kommt, aber wir stnd aus den gleichen realen Gründen der Überzeugung, daß Palästina nie und nimmer eine Lösung, sondem höchstens eine Teillösung des Iudenproblems bedeuten kannmögen auch die Entwicklungsmöglichkeiten im Augenblick noch so günstig erscheinen. Im Mittelalter haben unsere Väter vieles erduldet und ihr Schicksal stolz ertragen und dadurch für ihre Mnder und Kindeskinder den Lebensraum geschaffen. An diesem geschichtlichen Beispiel müssen wir lernen. Keiner koeiß, was die Zukunft bringt; aber solange wir können, fühlen wir uns in unerschütterlicher Treue seelisch-kulturesi mit dem Lande verbunden, ln dem wir aufgewachsen sind, für das wir gekämpft haben und in dem unsere Vorfahren ruhep. In unserer Heimat, in Oeusschland, wird sich das Schicksal der deutschen Iudenheit entscheiden! Wie früher werd/n auch weiterhin den Zionisten ebenso feste, ehrliche und überzeugte Nichtzionisten gegenüberstehen. Es versteht sich von selbst, daß alle Juden das Aufbauwerk in Palästina mit großer Anteilnahme verfolgen, und wir können es verstehen, daß auch Nichtzionlsten, hierfür Mittel zur Verfügung stellen. Es kann und muß aber erwartet werden, daß alle Gemeindemitglieder für die Belange der Gemeinde, in der sie leben, ideelles und materielles Interesse zeigen und für deren Wohlfahrtseinrichtungen wirklich Opfer bringen. Hierzu wird sich u. a. in nächster Zeit Gelegenheit bei der Sammlung für Hilfe und Aufbau bieten. Wer außerdem noch Beträge für Palästina zahlen kann, sott es tun; aber es darf yie außer Acht gelassen werden, daß Hilfe für die Notleidenden und Erhaltung des Lebensraumes in Oeusschland das Gebot der Stunde ist. Juden in der Levante Don Or. Ludwig Seligsberger-Smyrna (früher am Kaiser-Wilhelm-Institut für Lederforschung in Dresden.) Wie viele Tausende von deusschen Juden sahen in den letzten Jahren mit Hangen und Bangen fremd« Gestade vor sich auftauchen, an denen ste eine neue Heimat, eine neue Wirkungsstätte zu finden hofften. Nach der unvergeßlichen Seereise, deren Stationen jedem von uns heute geläufig stnd, war es für mich «in eigentümllches Gefühl, daß es nicht die Berge Palästinas waren, die aus dem Morgennebel vor mir auftauchten, sondern die Küste des Türkischen Reiches. Bald hatte unser Schiff den Hafen von Smyrna erreicht, der zweitgrößten Stadt des Landes, die daS Ziel unserer Fahrt bttdet«. Nach den ersten Mrmifchen Wochen der Anspaffung an ein verändertes Leben, die keinem in der Fremde erspart bleibt, wächst man allmählich, so unwahrscheinlich es am Anfang erschien, in.die neue Umgebung hinein, faßt Interesse für sie und beginnt die Fehler und Vorurteile der ersten Zeit zu belächeln. Inzwischen hat man auch ein. paar Menschen gefunden, mit denen man sich geistig verbunden sühlt und Geselligkeit pflegen kann. Dies ist sicher in jedem fremden Lande eines der schwierigsten Kapitel. Den großen Einschnitt in unserem Leben hier bildeten eigentlich die Herbstfeiertage, die uns aus unserer Vereinsamung Herausriffen und uns den Weg zu den Juden unserer Stadt erleichterten, um den wir uns vorher fast vergeblich gemüht hatten. Da im attgemeinen über das jüdische Leben im nahen Orient außerhalb Palästinas kaum etwas nach Deutschland dringt, brachten