Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 7 (7.1934)
- Date
- 1934-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/4892693-5739425-5770085--2006-4894594- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Dornum 1× ep/1044450
OCR text
Seite 4 Nr 7 Gemeindeblatt der Israelitischen ReligionSgemsinde Dresden_ Über die Erziehung des jüdischen Kindes Nach einem Vortrag von Prpf. Or. £. F. Meyer, gehalten im Z. F.B., Verband Berlin, Bezirksgruppe Westen. (Aus den Blättem des Jüdischen Frauenbundes.) - jSlbluß.» Vergleiche Nr. Za und 6. Neben der Erziehung zum Jüdischen legen wir besonderen Wert aus körperliche Ertüchtigung im Vorschulalter. Körperliche Kräftigung und Disziplinierung sind für die kommende Generation, besonders im Einblick auf die Umschichtung der Berufe, dringend notwendig, Sie sind durch Uebung und Training zu erwerben und gehören nicht zu den angeborenen Eigenschaften. Deshalb sollen unsere Kinder schon vor dem -Schuleirjtritt, am besten vom zweiten bis dritten Lebensjahr ab turnen und Gymnastik treiben. Auch im Schulalter soll die körperliche Ertüchtigung stets im Vordergrund bleiben. Saß der körperlich kräftige und gewandte junge Mensch die soziale Position unter seinen Mitschülern leichter zu behaupten imstande ist als der schwache und ungeschickte, mag als Nebengewinn zu buchen fein. Ausschlaggebend ist aber die positive (Seite: Wir brauchen einen körperlich starken Nachwuchs für die ganz anderen Aufgaben, die die nächste Generation zu erfüllen hat. 4 Dagegen möchten wir von der all'zu frühen geistigen Beschäftigung abraten. Unsere Kinder haben im Surchschnitt eine schnelle Auffassungs- und Assimilationsgabe, daher gehören sie meist zu dkn besseren Schülern. Ausdrücklich möchte ich davor wamcN, darin etwa den Beweis eines höheren Intellektes zu sehen; es sind Gabqn, die zum Teil stammeseigentümlich sind, ^zum anderen Teil wohl durch die jahrhundertelange Beschäftigung unserer Ahnen mit geistiger Materie und durch die (Schwierigkeit ihrer Ersten; zur Entwicklung gekommen sind. Durch diese Begabung machen unsere Kinder einen geweckten Eindruck, manchmal wirken sie frühreif, bisweilen, wenn sie dabei nicht diszipliniert sind> vorlaut. Um so mehr tritt diese unangenehme Gelte dieser Eigenschaften hervor, je mehr das Kind als Stolz der Familie, von der Verwandsschaft bewundert, heranwächst. Das Einkindersystem wirkt hier besonders schädlich.. Um diesen (Schaden einigem,aßen auszugleichen, soll das 4 - 5 jährige Kind unter Gleichaltrigen aufwachsen!. Das war früher in den jüdischen Familien mit zahlreichen Kindern naturgegeben, jetzt müssen wir das Kind zu diesen Zweck in den Kindergarten schicken. Oer Kontakt , mit gleichaltrigen Kindern erspart manche Erziehungsmaßnahme. Oas Kind lernt sich einzuhrdnen und sich unter seinen Altersgenossen zu behaupten, ohne daß man dabei viel zu führen und zu sagen braucht. Dabei möchte ich einflechten, daß ich ein Feind vieler Tadelsworte bei der Eijziehung bin. Schelten langweilt das Kind und führt selten zttm Ziel, stetes Nörgeln, am Verhalten des Kindes ruft erst recht Unlust und Ablehnung hemor Mit der Einschulung tritt das Kind in das Leben, und es be ginnt die rauhe Wirklichkeit. Sie Berührung mit der Wirklichkeit, möchten manche Eltem gern noch ctufschieben. Sie fragen den Aszt, ob nicht Einzelunterricht oder dir Besuch von kleinen Zirkeln oder privatschulen ratsamer wäre als die Einheitsschule. Zweifellos gibt es Kinder, die aus körperlichen joder seelischen Gründen sich nicht für die Volksschule eignen. Darüber kann nur von Fall zu Fall entschieden werden. Zm ganzen aber dürfte der Besuch von öffmtlichen Grundschulen zu empfehlen fein. Wenn die jüdische Erziehung in der vorher besprochenen Weise angelegt ist, dann ist der Schulrckrut gefestigt genug, um durch etwaige Oiffamiefung seelisch nicht verletzt zu werden. Oie 'Frage, ob eine jüdische Schule vorzuziehen ist, vermag ich nicht zu beantworten, das hängt von der Einstellung der Familie ab.! er Schulbesuch stellt an unsere Kinider besondere Anforderungen. Bescheidenheit, Tatt, innere Würde, verbunden mit Sicherheit und Kraft, sind notwendig, um die heutig«! Situation zu meistern. Bei verständnisvoller Führung durch das Elternhaus sind nach meiner Erfahrung Konflikte zu vermeiden. Zn einer Zelt der Gruppenbildungen taucht bald die Frage auf, lob das Kind einer jüdischen Zugendvereinigung beitreten soll.'Diese Frage möchte ich mit einem-entschiedenen „Za“ beantworte«, wobei natürlich die Wahl der Gruppe dem Elternhaus überlassen ist. Für den Arzt kommt es vor allem darauf an, daß das Kind weiß, wo es hingehört, sich nicht vereinsamt fühlt und gleichgesinnte Kameraden /ür Ernst und Spiel findet. Durch die Gemeinschaft wird die Entstehung eines Minderwertigkeitsgefühls am wirksamsten vermieden. Man soll nicht fürchten, daß durch die Beteiligung an Zugendbünden das Lernen beeinträchtigt wird. Unser elterlicher Ehrgeiz wird bei den veränderten Zielen ohne dies nicht mehr darauf gerichtet sein, daß unser Kind der beste Schüler in der Klasse ist. Oie akademischen Berufe locken heute nicht mehr, und wo irgend die Anlage vorhanden ist, scheint uns das Handwerk oder die Landwirtschaft heute erstrebenswerter als Zura und Medizin. Oie Ausbildung im Handwerklichen wird dem jungen Mann vor allem das Bewußtsein bringen, daß er etwas gelernt hat, das ihm in allen Lagen nützen kann. Auch für eine etwaige Auswanderung nach Palästina scheint mir das die beste Vorbereitung. Selbst wenn dir Entscheidung später nach der Seite eines anderen Berufs fäll, wird die technische Lehrzeit nicht umsonst gewesen sein, weil sie zur Persönlichkeit erzieht. Oie Berufswahl selbst soll dem jungen Menschen überlassen bleiben. Freilich wird der stets unbewußt bleibende Einfluß des Elternhauses zur Geltung kommen. Um so mehr Verantwortung lastet auf uns Eltern, wenn wir entscheidend in die Berufswahl eingreifen. Solange die Wahl, die der Züngling oder das junge Mädchen trifft, nicht Legen alle Vernunft geschieht, werden wir uns mit der Wahl abfinden, auch wenn sie nicht unseren Wünschen entspricht. Ze älter bas Kind wird, desto weniger fühlbar soll die Erziehung werden. Wir wollen unsere Kinder anhalten zur Bescheidenheit/ Einfachheit, Anspruchslosigkeit, unbedingten Wahrheit und Pflichterfüllung. Zm übrigen sollen wir nicht nur ziehen, sondern auch laufen lassen. Das gilt besonders für die Zeit der Nesse, sowohl für Knaben als auch für Mädchen. Wenn das Zch-Gefühl der Kinder erwacht, dann sollen wir nicht mehr unsere Autorität den Kindern gegenüber einsetzen. So manche Eigenschaft der Flegeljahre, wie Verschlossenheit, überforsches And rohes Wesen, ungehöriges Benehmen, heute'Faulheit, morgen Parforce-Leistung, entspringen nur der inneren Unsicherheit, in dieser Zeit, die von jedem Individuum nach seiner Art überwunden werden muß. Für die jüdische Zugend wird alles noch komplizierter durch die Probleme, die heute auch auf uns Erwachsenen lasten. Züdische Bestimmung, jüdisches Schicksal, Oeusschtum und Zudentum, all diese Fragen beschäftigen Geist und Gemüt unserer Zugend. Und die Zugend, die den Kompromiß des reiferen Menschen verabscheut, wird stets zu radikalen Lösungen geneigt sein. Mit zarter Hand sollen wir in dieser Zeitperiode den Kindern zu helfen 'suchen- und sie iß ihren Gewissenskonflikten unterstützen. Oft werden die Fragen, die die Zugend bestürmen, besser als durch die Eltern durch gleichaltrige Kameraden Beantwortung finden,- deshalb wird auch in dieser Nichtung die Beteiligung an Zugendbünden nützlich sein. Zu all den Schwierigkeiten triff heute bei unseren Zugendlichen die Ungewißheit der Berufswahl, über die hier zu sprechen ztt weit führen würde. Mit Genugtuung darf man fcststellen, daß selbst bei erheblicher Umstellung des inneren und äußeren Lebens ein starker Lebenswille und eine bemerkenswerte Elastizität und Leichtigkeit unserer Zugend zu beobachten sind. Das spricht für die unverbrauchte Kraft und den gesunden Sinn unserer Zugend und darf uns mit Vertrauen auf die Zukunft unserer Nachkommen erfüllen Dr. Hans-Dietrich Pohly Bücherrevisor Mitglied des Verbandes der Bücherrevisoren u. Steuerberater Viktoriastraße 12 // Ruf: 19450