Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 7 (7.1934)
- Date
- 1934-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 7 Gemeindeblatt der Israelitischen ReligionSgemein-de Dresden SeiteZ Zum 30. Todestag Theodor Herzls DoN Fred Estreicher. / Am 20. Tammus 5664 ist Theodor Herzl gestorben. 30 Fahre, Fahre stürmischsten Geschehens in der ganzen Welt, liegen zwischen diesem Tag und heute. Aber sein Andenken ist nicht verblaßt. Die Fudenhelt der ganzen Welt rüstet sich, den Todestag Herzls würdig zu begehen als den Todestag eines ihrer Größtem Theodor Herzl, -1860 in Äudapest geboren, war geistig ganz ein Kind seiner Zeit. Mit einer guten Schulbildung versehen, studierte er, nach seiner Übersiedlung, in Wien die Rechte und wurde sogar Mitglied einer deutschen Verbindung. Sein jüdisches Aewußtsein war noch nicht ausgeprägt genug, um ihm irgendwie richtunggebend zu sein. Es war aber auch noch nicht so weit verkümmert, daß es ihm nicht zum Austritt aus der Verbindung bewogen hätte, als diese sich zum Anstsemitismus bekannte: Den ersten Stoß erhält Herzl in seinem -Leben, als er als 22 jähriger Füngling ein Auch über »Die Fudenfrage als Frage der Raffenschädlichkeit" liest und von diesein Auch außerordentlich gepackt wird, weil es, nach seinen eigenen Worten, mit ebenso viel Geist wie Haß geschrieben worden ist. Dieser Anstoß zur Erkenntnis der Fudenfrage war aber nicht stark genug, um Herzl von seinem bisherigen Weg abzubringen. Er lebt weiter das -Leben eines mit allen glücklichen Anlagen ausgesiatteten Menschen. Schon bald entdeckt er in sich schriftstellerische Fähigkeiten und wechselt seinen Aeruf. Er wird Fournalist und bekommt, nachdem er jahrelang als Feuilletonisi gearbeitet hat, einen Posten als politischer Aerichterstatter der Wiener »Reuen freien Presse" in Paris. Diese pariser Fahre, die ihn in Verbindung brachten mit vielen großen Männern der Politik und der Wissenschaft, sostten entscheidend werden für Herzls -Leben. Er erlebt in Paris den ersten Dreyfußprozeß und in einer blitzartigen Erleuchtung wird ihm klar, daß die Tragödie dieses einzelnen Fuden die Tragödie der ganzen Fudenhelt ist. Und von diesem Augenblick an weiß Herzl, wohin er gehört. Theodor Herzl hat seinen Weg zum Fudentum gefunden. Aber er weiß, baß die Existenz des Fudentums problematisch geworden ist durch die Zerstreuung der Fuden in alle Welt, und er sucht einen Weg, das -Leben der Fudenheit wieder zu. normalisieren. Und aus diesem Euchen entsteht das größte Werk Herzl'schen Denkens, eine Fdee, s die eine vollkommen neue Richtung zeigte und dabei einer uralten jüdischen Sehnsucht Rechnung trug: der Fudenstaat Aber Herzl ist nicht mehr der Literat, der er gewesen war. Er weiß, daß alles jetzt auf die Tat ankommt. So bespricht er, bevor er seine Fdee vom Fudenstaat veröffentlicht, zuerst die praktischen Fragen mit den Menschen, von denen er sich Unterstützung erhofft. Erst als er merkt, daß er bei den jüdischen Finanzmagnaten kein Gehör findet, wendet er sich an das jüdische Volk und veröffentlicht im Fahre 4806 sein Auch »Der Fudenstaat". Oie Wirkung dieses Auches war ungeheuer, und He/zl hatte erreicht, was er, erreichen wollte: Oie Diskussion über die> Fudenfrage war eröffnet. Fm Mittelpunkt dieser Diskussion stand der Satz: »Oie Fuden sind ein Volk, ein Volk". Ein Satz, der schon von Herzl ausgesprochen wurde, der aber von Herzl jetzt daS erste Mal in dm Mittelpunkt eines konstruktiven planes gestellt worden ist. Es zeigt sich jetzt, daß Herzl die Aufgabe, die ihm zukam, erkannt hat. Es war ein Mmfch der Assimilation gewesen, der erst des äußeren Anstoßes bedurfte, um sich auf die eigentlichen Grundlagen seines Lebens zu' besinnen. Wohl gab es Menschen vor ihm, die den Wert der nationalen Fdee für das Fudentum erkannt hatten. Aber diese Menschen Heß und pinsker, stammten aus einem anderen Milim und hatten eine andere geistige Struktur, so daß ihre Schriften bis zum Auftreten von Herzl fast ohne Widerhall blieben. Oer äußere Druck mußte noch stärker werden, um zu bewirken, daß ein Mensch Gehör findet, der einen grundsätzlich .'neuen Weg weist. So war es Herzl Vorbehalten, diesen neuen Weg zu zeigen. Fy Äudapest geboren, in Wien ausgewachsen und in Paris als politischer Korrespondent eines bedeutenden Weltblattes tätig, hatte er drei Zentrm der Assimilation kennengelernt und der Stadt, in der die Fuden bis zum Dreyfußprozeß am ungestörtesten lebten, in der bas Fudentum für die Fuden eine periphere Angelegenheit geworden war — dieser Stadt blieb es Vorbehalten, Herzl die Augen zu öffnen und ihm den Anstoß zu einem neuen ganz auf das Fudentum gerichteten Leben zu geben. Und dieses neue Leben hat Herzl zum Wegweiser des jüdischen Volkes gemacht. Rach der Veröffentlichung des Auches »Oer Fudenstaat" arbeitet Herzl Tag und Rächt an der Organisierung seiner neuen Fdee. Er wird getrieben von Freunden und wird gehemmt von Gegnern - aber Herzl sieht einen geraden Weg vor sich, den er zielbewußt bis zu Ende geht. Er gründet ein zionistisches Zentralorgan: »Oie Welt" upd in demselben Fahr, 4807, wird der erste Zionistenkongreß nach Aasel einberufen. Dieser Kongreß beschließt das sogenannte Aaseler progranim, daß noch heute richtunggebend für das Streben der zionistischen Acwegung ist: »Oer Zionismus erstrebt für das jütische Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte ♦ in Palästina." Ausgehend von diesem Kongreß schafft Herzl mit seinen Mitarbeitern das Zentralinstrument der zionistischen Aewegung - die Zionistische Organisation. Herzl ist in den folgenden Fahren in sämtlichen europäischen Hauptstädten zu finden, um die Regierungen für den Fudenstaat zu interessieren. Er erkennt mit politischem Weitblick, daß er sich hauptsächlich um die Zustimmung Englands bemühen müsse, die seine Schüler 45 Fahre später in der Äalfourdeklaration erreicht haben. So seht Herzl sein ganzes Leben ein für sein neues Werk, das ihn immer mehr mit einer heißen Liebe zu Zion erfüllt. Seine große, und starke Persönlichkeit hat ihm, vereint mit der Stärke seiner Fdee, eine Gefolgschaft geschaffen, die heute noch den Weg geht und ihn immer gehen wird, den Herzl ihr gewiesen hat. Ein schweres Herzleiden zwang Herzl, sich von der Arbeit zurückzuziehen. Aber es war zu spät. Er' hatte seine ganze Krast verbraucht, um das begonnene Werk zu vollenden. Am 20. Tammus 5664, dem 3. Füll 4004, hat Herzl in Edlach am Semmering, wo er zur Kur weilte, die Augen geschloffen. Das jüdische Volk gedenkt Herzls zu seinem 30. Todestag. Es hat sich zum Wahlspruch den Sah genommen, mit dem Theodor Herzl seine Rede an das jüdische Volk geschloffen hat: „Im esctilcocliecli jerusctiolajim tischkach j’mini.“ »Wenn ich Dein vergesse, Ferusalem, verdorre meine hechte! „Im esctilcocliecli jeruscsiolajim tisclikacti j'mini.' Wenn ich Dein vergesse, Ferusalem, verdorre meine hechte Serzt-Ged ' Donnerstag, den 7>. Hnli t 934, übbct. 8 Mir im Hostj'aat Oer £>anrtome, Canbfiamuj'tr. i 1 Programm: SeSenkreSe: Cr. Cocfacnflcin, Leipzig ‘E'orjutjnmgen der 'noni/t. Fugendbünüe Cunfler iAnmg Karten iu 50 pfg., Vuchhandiung Ktrauö, erbeten. Daisenhausstr., Sekretariat, Grunaer/tr. 13,1.