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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden · 1934-06-01 · 6 (6.1934) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
Volume
10 (1934)
Issue
6 (6.1934)
Date
1934-06-01
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Nr. 6 Gemeindehlatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden eine lebhaftere Tätigkeit in dieser Richtung verhindert, wir hoffen jedoch, die dafür schon begonnenen Einrichtungen noch weiter ausbauen zu können. Oie Einnahmen der Gemeinde bestehen außer aus Betplatzmieten, Grabstellengebühren und Gtiftungszinfen, welche nach den StiftungsbefftmmungeN fast ausschließlich Wohlfahrtszwecken zufließen, aus den Gmndjlückseinnahmen und den Steuem. Oer Überschuß der Gemeindegrundstücke, die ja schon recht alt sind und leider beträchtliche Unterhaltungskosten benötigen, reicht gerade hin, um der Gemeinde die von ihr in den beiden Häusern benützten Räume mietfrei zu lasten, Im wesentlichen ist also die Gemeinde zur Deckung ihrer Ausgaben auf die (Steuern angewiesen, welche fast 800 0 der geiamten (Annahmen darstellen. Ieder Steuerpflichtige ersieht hieraus ohne weiteres, wie wichtig ein voller und pünktlicher Steuereingang iür das gesamte Gemeindeleben,ist. 4 aller Ausgaben müssen daraus bestritten werden; da diese: Ausgaben laufend gebraucht werden, würden Verzögerungen im Steuereingang wie manchmal in früherer ^eit zu unmittelbaren Ztcjstcnschwierigkeiten für die Gemeinde führen. Da die Ausgaben agch im Jahre 1934 sich gegenüber denen des Vorjahres nicht wesentlich verringern ließen, muß etwa dieselbe (? teuersumme wie im Vorjahre, also etwa RM193 000. - erhoben werden. Welcher Prozentsatz als Zuschlag zur Einkommensteuer nötig ist, um diese Summe zu; erbringen, kalln erst festgefiellt werden, wenn die Veranlagung der Gemeindemitglieder zur Reichs- Einkommensteuer 1933 vorliegti der. Haushaltplan weist vorläufig nur die benötigten Steuermittel in einer Summe auf. Daß die Finanzlage der Gemeind« überaus schwierig ist, braucht wobl nach den vorstehenden Ausführungen nicht erst besonders betont zu werden. An alle Gemeindestiitglieder ergeht bei dieser Gelegenheit die Bitte, die Arbeit der Gemeindeverwaltung nicht durch unzeitgemäße Forderungen oder Echebung von Ansprüchen zu sehr zu erschweren. Rur durch größte Opferwilligkeit und verständnisvolle Zurückstellung der eigenen Einzelwünsche ist es möglich, die Gemeindeaufgaben zu erfüllen und dje schlimme Finanzlage der Gemeinde zu bestem. Oie Gemeindeverwaltung hat eine doppelte Aufgabe, die sich im Haushaltplan deutlich zeigt. Sie hat einerseits die Pflicht von den Steuerpflichtigen Zahlungen einzuziehen, andererseits an Gemeindemitgsieder nach den Ausgaben ihres Etats Leistungen zu bewirken. Es darf nun von allen hierbei beteiligten nicht so angesehen werden, als ob die Gemeinde, wenn sie Fordemngen erhebt, Vorteile davon hätte. Absolut falsch ist der Vorhalt, den Einzelne so häufig der Gemeide machen: „Lei der großen Etatsumme der Gemeinde kommt es auf meine Zahlung nicht an» die Gemeinde kann ihre Steuer und sonstigen Fordemngen gegen mich ermäßigen, denn für mich bedeutet der Betrag mehr als für die Gemeinde!" Rein, die Gemeinde braucht auch kleine Beträge genau so dringeud wie der Einzelne; jeder Pfennig, den sie einnimmt, ist schon zu notwendigen Ausgaben vorausbestimmt. Wer seine Leistungen gegen die Gemeinde nicht restlos bewirft, entzieht damit die Gelder, die zur Durchführung der Kuliusaufgaben, zur Unterstützung der Armen bestimmt sind. Es geht nicht an, Einnahmen der Gemeinde abzulehnen oder höhere Ausgaben von ihr zu fordern, wenn man nicht gleichzeitig die finanzielle Möglichkeit gibt, solche Mehrausgaben zu erfüllen oder auf Mindereinnahmen zu verzichten^ Beim Abschluß des Haushaltplanes auf das Jahr 1934 ergeht daher an alle Gemeindemitglieder die Bitte, die heute so schwere Arbeit in der Gemeindeverwaltung nicht durch zu weitgehende Ansprüche und allzuschnelle Kritik zu belasten, sondern durch verständnisvolle Hilfe am Wohl der Gemeinde und ihrer Einrichtungen mitzuwirken. Über die Erziehung des jüdischen Kindes Rach einem Vortrag von Pfof. Or. L. F. Meyer, gehalten im I.F.B., Verband Berlin, Bezirksgruppe Westen. | — (Aus den Blättern des Jüdischen Frauenbundes.) sFortsehung aus der Mai-Rumstier.) Wer erziehen will, muß selbst genau wissen, wo er sieht. Zwiespältigkeit in der eigenen Seele macht den Erzieher untauglich^ Diese Zwiespältigkeit hat schon in' früherer Zeit die Harmonie mancher Kinderseele erschüttert. Heute müßte sie zu Katastrophen führen. Zunächst müssen wir, bevo^ wir an die Erziehung unserer Kinder herangeben, uns selbst erziehen. Oeshalb geht 6>'e erste Forderung dahin, daß wir jüdischen Eltem unser eigenes Kultur- Milieu wiederhersiellen. Es wird zumeist nicht das gleiche sein können wie vor den Ereignissen des vorigen Jahres. Während die Juden des Ostens stets ihrer eigenen Kultur das Primat gaben und sie bei allen Verfolgungen oder gerade deswegen auftechtechielten, haben wir deusschen Juden im übereifrigen Streben nach Assimilation Werte der eigenen Kuttur eingebüßt und uns ganz auf die Kulturgüter des Vaterlandes eingestellt. Von jüdischer Geschichte, jüdischer Ethik und jüdischem Wissen erfuhr das Kind in der Familie wenig, und was die Religionsstunde vermittelte, blieb im Hause oft ohne Resonanz. Wir werden nicht schlichtere Deutsche werden, wenn wir in dieser Richtung eine grundlegende Änderung vornehmen und unsere jüdische Eigenart im Familienseben wieder hervortreten lassen, so wie es noch bei unseren Großeltern der Brauch war. Oie an Ereignissen so reiche und schicksalsbeladene Geschichte unseres Volkes müssen wir uns wieder zu eigen machen. Oie Bibel muß wieder lebendig werden und die gemütsbildenden Feste und Erinnerungstage müssen wieder nach den Vorschriften unserer Religion festlich begangen werden. Auch die hebräische Sprache und Schrift sollen wir so weit beherrschen lemen, daK wir die Bibel in ihrem Urtext zu lesen verstehen. , Das Kind wird sein jüdisches Schicksal mit erhobenem Haupt tragen, wenn es weiß, wofür wir seit Jahrhunderten leiden. Richt zu Trvtzjuden, nicht zu »Juden am R«nde" wollen wir unsere Kinder erziehen, sondem zu Männern und Frauen, die sich stölz^zu einer Gemeinschaft bekennen, die der Welt schon lange vor der heuttgen Zeitrechnung in den 10 Geboten das höchste ethische Gesetz geschenkt hat. Auch die einfache Tatsache, daß die Juden als ein Volk ohne Land 2000 Jahre über die Erde zerstreut leben, ohne ihre ursprüngliche, dem Boden verwurzelte Lebenskraft eingebüßt zu haben, soll als einzigartige Leistung in der Weltgeschichte unseren Kindem vor Augen geführt werden. Als Volk sind wir ausgewählt, um die Lehre des Monotheismus zu empfangen und weiterzugeben, aber darüber hinaus geht die Auserwckhltheit nicht. In jedem Volke^ finden sich gute und schlechte Menschen, starke und schwache, kluge und törichte, wir sind keine Ausnahme. Wir wollen nicht besser fein, wir sind aber auch nicht schlechter als unsere Umwelt. Und dieses Bewußtsein muß in unseren Kindem wachgehalten werden und als eine aftive Immunisierung gegenüber den vielen Herabsetzungen, denen wir nun einmal ausgesetzt sind, wirken. Rach diesen allgemeinen Vorbemerkungen soll nun auf die Erziehung selbst eingegangen werden. Als erste Frage stellt sich uns entgegen: Ist Erziehung überhaupt von Erfolg? Oie Vererbungslehre, die heute einen großen Raum im Denken einnimmt, lehrt uns, daß wir alles Gute sowohl wie alles Böse als Erbstück mit auf den Lebensweg bekommen und daran nichts ändem können. Dennoch wäre es falsch, die Rolle der Erziehung zu niedn'g zu bewerten, denn das Erlebnis der Jugend hat auf die mdgülttgen Formen des'Menschen, wie heute festsieht, größten Einfluß. Das verzärtelte, allzugeliebte Kind, das einzige Kind, das schlecht behandelte ungeliebte Kind, sie alle behalten Eharafterprägungen bleichender Art. Selbst die Stellung des Kindes in der Geschwisterreihe, ob erstes, zweites oder jüngstes Kind, bleibt nicht ohne Einfluß auf die Eharaktergesialtung des Menschen. Wir sollen also und müssen erziehen. Auch das Kind selbst hat ein lebhaftes Bedürfnis, erzögen zu werden. Oie Shrfttrcht, die der Erwachsene aus gutem jüdischem Hause seinen Eltem entgegenbringt, ist der Autoritätserziehung enffprungen, die von alterSher in jüdischen Familien geübt wurde. Oie Linien, die wir vom

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