Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 9 (9.1931)
- Date
- 1931-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 9 Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden Seite 3 drangen in solche Einzelheiten ein, daß mir das Herz bebte. So jung wir waren, hatten uns unsere Erwachsenen doch sclzon die Furcht vor dem Tode eingeimpft und den reinen Frieden unserer Seelen zerstört. Wir ivaren in einem Alter seelisch belastet, das völlig sorglos hätte sein müssen. Und die Tage der srommen Einkehr wurden fiir uns zu Tagen des Schreckens. Unsere Eltern scheinen ängstlich daraus bedacht gewesen zu sein, uns das Gefühl der Furcht so früh wie möglich einzuflößen. Wir nwren aber zu jung für jolckie Gemütserregungen: ich war kaum mehr als ein Baby, als ich in der Ncujahrsnacht wach lag und Gott nin Gnade für Väter und Mutter anflehtc. Meine erste Beteiligung an der Taschlichzeremonie, bei der der Jude an einem fließendem Wasser seine Sünden in die Fluten wirft, steht mir deutlich in Erinnerung. Wir wählten dazu die Stelle hinter dem Schloßhügel, wo die Lwitzla in die Beresiua mündet. Es war in meinen Augen eine geniale Idee, daß man seine Sünden ins Wasser abschüttcln und ihrer für immer loS und ledig sein sonnte. TaS übliche Verfahren war. die Nockschöße über dem Wasser auszuschütteln. Aber manche unter uns kehrten im lleberschnmng der Frömmigkeit auch ihre Taschen aus und schiveukten sie gleichfalls über dem Wasser. Ich weiß nicht, ivclche und tvieviel Sünden ich damals hatte, aber ich schüttelte die Sckiöße meiner Jacke und meine Taschen mächtig, und als ich mit meinem Vater das Flnß- »fer verließ, fühlte ich mich wesentlich leichter. Ich war von einer schweren Last befreit. Ter Tag vor Jaum Kippur war der Feiertag der Jischuwuiks, der Hinterwäldler. Am Neujahrsfeste und noch viel mehr am Jaum Kippur, dem Versöhnungstage oder Weißen Fasten — waren wir alle von unseren Gebeten in Anspruch genommen. Da gab es keine Zeit zu Besuchen: Aber der Tag vor Jaum Kippur war frei, und da fanden die Jischnwniks ein wenig Trost für die einsamen Jahre, die sie in einer fremden Umwelt fern von ihren StammeSgcnossen verlebten. lieber daS Leben und die seelische Tragödie deS Jischuwniks ist nur wenig in die jüdische Literatur gedrungen, und dieses Wenige lmt aus ihm eine Zielscheibe deS Witzes gemacht. Tenn bei seiner völligen Abgetrenntheit von der jüdischen Welt worüber Jischulvnik bäuerisch grob und plump geworden. seine Kinder — halb Juden, halb Bauern — wuchsen heran, ohne weder die geistige Erziehung der Juden noch den heiteren Sinn der Bagern zu besitzen. Nichts ist über ihre Vereinsamung, über die Dual ihrer Entwurzclung, nichts über die seelischen Leiden geschrieben worden, die sie erduldet haben mußten: tvaren sie doch Reiser, die, einmal von ihrem Baume losgelöst, nie wieder auf einen anderen gepfropft werden konnten. Sie lebten vergessen zwischen fremden Feldern, unfähig, ein organischer Teil der Umwelt zu werden, in der sie sich ihr tägliches Brot erarbeiten mußten. Während sich der Vater um seinen kärglichen Lebensunterhalt plagte, quälte sich die Mutter mit den kleinen Kindern ab. die wild und unerzogen anfwuchsen und vielleicht die schlimmstcu Gewohnheiten der Bauern annahmen. Tie es aufbringeu konnten, nahmen einen Rebbe (Lehrer) ins Haus und sparten cs sich au Nahrung und Kleidung ab, damit die Kinder dem Judentum nicht völlig Entfremdet würde». Tie schlimmste Zeit kam aber, uv»» die Kinder hcranwnchsen, denn es mangelte an Raum für sie und reichte nicht zum Leben: wie wcnig Kinder auch da ivaren, es waren immer zuviel. Man hatte es schwer genug mit den Knaben, mit den Mädckxn hatte man cs noch fckm'erer. An den Abenden scharte die Mutter ihre Töchter um sich, hielt sie in dem elenden Hanse fest, zitterte um sie . . . lind Jahre und Jahrzehnte des Lebens vergingen in dieser Weise. , Kein Wunder, daß die Jischmvniks dem Neujahr und dem - Veriöhnungstage mit Sehnsucht und Ungeduld cntgegensahen. Einmal im Jahre wenigstens konnten sie sich wieder eins fühlen mit der Welt, von der sic die Sorge um den Lebensunterhalt getrennt hatte: einmal im Jahre fühlten sie sich ihrer Rasse und ihtzein Gott näher. Unsere Haustür stand an dem Tage vor Jaum Kippur keinen Augenblick still. Es gab kaum einen Jischuwuik in .der Stadt, der uns nicht feine Aufwartung machte. Manche von ihnen brachten selbftgcbackcnc Kuchen und Süßigkeiten mit, um sie in der Synagoge zu verteilen. Ein seltsamer Glaube knüpfte sich an die Verteilung solcher Kuchen. Es konnte sein, daß Gott einem bestimmt hatte, im neuen Jahre Bettler zu werden: dg hätte man vielleicht durch Annahme - dieses Stück Kuchens, daS von einem Fremden dargereicht wurde, jenen Teil seiner Bestimmung erfüllt und würde nicht weiter bedroht werden. Ans diesem Grunde lehnte niemand ein Stück Kuchen gb. das von einem Jischmvnik tn der Synagoge angeboten wurde. Bei solchen Besuchen unterhielt man sich-lebhaft über die Wunder unserer jüdischen Gesetze und Gebote, wie wunderbar es zum Beispiel sei, daß das Essen am Vorabend von Jaum Kippur fast als ebenso große Tugend ungerechnet werde, wie datz Fasten am Jaum Kippur. Und die Jischuwniks übten mit besonderer Freude diese erstere Tugend und nutzten die Gelegenheit wacker auS. Nach der letzten Mahlzeit dieses Tages nahm unsere Mutter ims beiseite und bedeutete, »ns, daß Jaum Kippur der Vcr söhnungstag sei und daß eS. unsere Pflicht wäre, die Kämeraden, mit denen wir uns gezankt oder denen wir etwas Böses zugefügt hätten, auszusitchen und um Vergebung zu bitten, ebenso ihnen alles uns angetane Unrecht ohne Scknvanken zu verzeihen und keinen Haß im Herzen zu tragen. Ich begann sofort nachzurechnen und kam zu dem Schluß, daß ich mit den meisten Kameraden so ziemlich quitt lmr. Wo mir die Sache aber zweifelhaft schien, suchte ich meine Freunde auf und bat sie um Verzeihung. Mir gefiel diese Zeremonie außerordentlich: ich fiihlte mich erhoben und. wichtig. In der Synagoge wurde ich während der Nachmittagsgebete durch eine andere Zeremonie in Erstaunen gesetzt. Ich Ihr neuer Zknzug . so// ein Eger*Standard sein. Denn unsere Standard*Anzüge haben eine ganz besondere Verarbeitung und sind aus besonders dafür hergestellten Stoffen angefertigt. 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