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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden · 1931-09-01 · 9 (9.1931) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
Volume
7 (1931)
Issue
9 (9.1931)
Date
1931-09-01
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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seile 2 Gemeindeblatt der Israelitische» Religionsgemeinde Dresden Nr. 9 Kindheit im Exil Von S c h m a r j a Lewin Hei Ernst;Nott>o(jlt, Berlag, Berlin, werden demnciLft die Vebenserinnerungen Zchmaria VewinS in deutfLer Uebersetznng erscheinen. Die englische Ausgabe bat in der jüdischen und nichtiiidischen Welt grobes Interesse erweckt. Mit Erlaubnis des Berlages sind wir in der Vage, schon jetzt einen Vorabdruck »u bringen, und zwar ans einem ttavitel. das gerade sür die Ketertagsnummer besonders willkommen sein durfte. Zchmarja Vemin schildert »ns seine ersten Eindrücke von den Herbstsasten. Die Redaktion. Felder und Messias Uno wurde von den Freuden des' sommers wenig zuteil. Während draußen die sonne schien und Wälder und Felder blühten, saßen wir vom Morgen bis zum späten Abend in dem k'insleren engen Eheder eingesperrt. Wir bekamen die herrliche Welt nur selten zu schauen, und in unseren jungen Kopsen ciltsland der Gedanke lind nahm von Wocise zu Woche festere Gestalt an. daß Gott die stadt und die.Häuser-, die Läden und Veit Eheder sür uns und. die Felder und die Wälder sür die Christen geschaffen hätte. Als daher um den Monat Elul das Ende des. schnlhaibjahrs herankam, fiel unsere Freiheit wie später Tau auf uns und erweckte unsere unterdrückte Sehnsucht nach der Natur zu vollem Leben. Tie Ernte lvar freilich schon eingebeimst, ne stand in schobern auf den entblößten Feldern oder war in die scheunen eingefabren. Einiges vom Spät'omme'r konnten mir aber noch mitnehmen. Kartoffeln, >iobl und rote Rüben wuchsen noch, und die Kürbisse lagen auf den Feldern und wärmten ihre dicken Bäuche in der sonne, so oft sich Gelegenheit bot, ordnete' ich meine Spielkameraden in Reih und Glied und ließ sie in die Felder oder in die Wälder abmarschieren. Tann und lvann stießen wir auf einen bekannten Bauer, der uns Nüsse oder gebackene rote Rüben schenkte. Unsere Unterhaltung mit ihm war begrenzt, denn wir Kinder verstanden nur wenige Worte russisch. Aber wir hatten keine Angst vor ihm lind ich weniger als irgend jemaird, da fast alle Nichtjuden in der. stadt von Zeit zu Zeit von meinein Bater beschäftigt wurden, sie kannten mich recht gut und ne behandelten mich mit Achtung. Tbue zu verstellen, warum das so war, verdroß cs mich als .nind. daß nichts von der Erde den .Juden gehörte, daß ('lott die Wälder den Adligen und die Felder den Bauern geschenkt batte. Ichsprach darüber häufig mit meiner Mutter, aber ne batte die ewige Antwort: „Warte ab.mein Kind. Ter Messias wird kommen und dann rverden wir Wälder und auch Felder haben." Meine Mutter gab sich besondere Mülle, mir die Sehnsucht nach dem Messias ins Herz zu pflanzen . . . sie glaubte fest an fein Kommen und.sprach lläusig von ihm. Ihr tiefer Glaube hatte sich mit der Zeit auf uns übertragen, und wir Kinder halsen ihr glauben und ersehnen, ersehnen und glauben. Unser Glaube an den Menias entsprang unserem Glauben an unsere Mutter. In der Woche vor Neujahr sagte man uns, wir sollten nicht erschrecken, wenn jemand nachts ans Fenster klopfen würde: das wäre der Synagogendiener, der die Frommen in dieser . Woche zum Nachtgottesdienst weckte. Tiefe Nachtgebete ivaren nur sür die Erwachsenen bestimmt, wir Kinder konnten rullig schlafen, wenn wir nicht gerade, danach verlangten. milzugehen. Ich sagte natürlich, daß ich mitgehen ivollte: ich hatte noch nie einem Gottesdienst zu so früher Morgenstunde, ehe es hell wurde, beigewohnt. In jener Nacht konnte ich kaum die Augen zutun. so sehr fürchtete ick, das Weck.zeichen zu überhören. Als es dann klopfte, sprang ich rasch in meine Kleider und ging ins Wohnzimmer. Auf dem Tuche stand bereits der samowar. und Bater, Mutter, mein älterer Bruder und ich tranken vor dem Fortgehen noch ein Glas Tee. Tie Nacht war kühl imd klar, und am tiefblauen Himmel leuchteten die hellen stcrne in endloser Zahl. In meinein Herzen wie in dem jedes jüdischen Kindes'- das gleich mir erzogen wurde, tauchte nicht der leiseste Zweifel auf, daß da droben hinter den Sternen Gott wohnte — natürlich u nfer (flott, denn einen anderen gab cs nicht — und daß Er von oben durch die Sterne blickte und auf die Inden achtgab, die so früh aufgestanden waren, um 311 den Nachtgebcten zu gehen. Und ich'fühlte mich glücklich,, daß ich unter den Erwachsenen war, die an ihm vorüberdefilierten. Tie slichot, die Gebete um Verzeihung, machten auf mich einen noch tieferen Eindruck als die Klagen des neunten Ab.. Um die Klagen war es gar zu einfach bestellt gewesen. TcH Tempel war in Flammen aufgegangen, da mußte es selbst' mir ganz klar sein, daß nach einem solchen Brande jeder gejammert hätte. Tarin lag nichts Mystisches. Hier aber fall ich eine in tiefer Nacht mit den Juden der stadt vollgepfropfte Synagoge, in der die Gebete für die Vorwoche des Neujahrs, die Gebete um Verzeihung, gesprochen wurden — und kein Nebukadnezar, kein Titus der Bösewicht kam darin vor. Gott alleine'thronte über den sternen, und empor zu Ihm strömten unsere Gebete. Ilnd alles was mystisch in mir war, wurde durch diese Nachtgebete zuni schwingen gebracht. Zu Rasch haschonoh, dem Neujahrsfest, kamen die Iischuw niks in die stadt. Es gibt in« Teutschen kein Wort sür Iischuwnik, da der Typus der spräche unbekannt ist. Tie Iisclluwniks sind Juden, die einsam, und verlassen mitten in einem Torf oder Weiler als Fremdlinge in einer fremden Welt leben. Monate können vergehen, ohne daß sie einen anderen 'Juden zu Gesicht bekommen. Nur an den höchsten Feiertage» lassen sie ihre Beschäftigungen und begeben sich nach dem nächsten jüdischen Zentrniii. Bei solchen Gelegenheiten wurde der Iischuwnik, der zu seiner Familie oder zu Freunden zyruckkehrte, aus deren Mitte ihn die sorge um das tägliche Brot gerissen hatte, mit echter Gastfreundlickikeit in unserer stadt anfgcnommen. Unter diesen aus fernen Törfern gekommenen Gästen gab es vertraute Gesichter, viele aber waren uns neu. Wir taten, was wir konnten, damit sic sich heimisch fühlten, überließen ihnen unsere besten Zimmer und wiesen ihnen in der Synagoge die Ehrenplätze an der Tstwand an. trs ivar. nicht lieicht, sie alle unterzubringen. Manchmal mußten sie zu biritt in den Ttülllen an der Lstwaird sitzen', aber sie empfanden doch, daß sie geehrt wurden. Auch wir Kitider benahmen uns gegen diese Hintern'äldlerjungen aufs ^freundlichste. -Einige von ihnen waren wilde Geschöpfe, sic: sahen verängstigt auf die gewaltigen Menschenansammlungen und konnten kein Wort hervorbringen. Aber die Erwachsene» bemühten sich gerade mn sie ganz besonders. Mein Votier nahm sie öfters auf den sckioß, streichelte sie und redete ihn^n zu, sich nicht zu fürchten, lind wir machten sie mit unseren! spielen bekannt . . . Und so hätte das Neujahrsfest ein heiterer Feiertag sein können, wenn man uns nichts von dein Tage des Gerichts erzählt hätte. Tas w a r der Tag des Gerichts., Gott saß ans seinem. Thron inmitten seiner Heerscharen, der Engel, und die furchtbaren Kontobücher mit ihren soll- und Habenkolonuen der bösen und guten Taten wurden ihm eines nach dem anderen vorgelegt. Jeder Jude hatte sein besonderes Konto, nach dessen Turchsicht und.Prüfung die Bilanz gezogen und das Urteil gefällt wurde. Äit den offenen Kontobüchern vor sich, bestimmte Gott, wer das nächste Jahr bis zu Ende leben und wer sterben sollte, ivcr von den Lebenden krank werden und wer gesund bleiben sollte: und die Gebete Eisenhardt’s Schreibbüro ßürgerwiesc 12.1 Ruf: 29275 OfwekMikta »»>»>! MkUta Wluanc'iattl. irtii'n TiftWietr HacMetlsitttiiBgeft Karten zum Jleujahrsfest und Versöhnungstag mit deutschem und hebräischem Text 7. oem. Jhemal Zöllnerstr. 31, /., Hths. Hilf 60248 0248010002000153535323232323 5353532300025353235353534823

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