Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 8 (8.1931)
- Date
- 1931-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Nr 8 Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden Seite 8 Geschenke Von ll. L. Perez ISö war einmal vor vielen, vielen Jahren, da starb irgend- >vo ein Jude. Nnn ja, er starb — man kann doch nicht ewig leben — »nd wurde, wie sich's gehört, begraben, nach jüdischem Brauch. Tie letzte Scholle fällt, der verwaiste Sohn sagtKaddisch. . . . Tic Seele fliegt empor, zum Urteil, vor das himmlisch.' (Bericht ... Und oben ist sie. Ta hängt die Waage schon, ans der die Sunden und Verdienste gewogen werden . . . Ter'Verteidiger des Gestorbenen tritt auf, sein gewesener guter Trieb. Mit eiüem schneeweißen Säckchen in der Hand stellt er sich zur rechten Waagschale hin . . . Und nnn der Ankläger, des Gestorbenen böser Trieb, sein Verführer. .Hält ein schmutzig Säckchen in der Hand »nd stellt sich zur linken Waagschale hm ... Im schneeweißen Säckckien sind die Verdienste, im schmuhiggrauen die Sünden. Ter Verteidiger schüttet die Verdienste ans dem schneeweiße» Säckchen auf die rechte Waagsckiale. Sie duften wie die feinsten Parfüms und leuchten wie die Sterne des Hiuimels. Ter Ankläger schüttet die Sünden ans dem schmutzigen Säckchen ans die linke Waagsckxile. Sie sind sckr.rwrz wi? -stöhle »nd riechen nach richtigem Pech und Teer. Tie arme Seele steht da und guckt und gafft. Sic hätte sich's niemals gedacht, daß der Unterschied zwischen „Gut" und „Böse" so groß ist. Unten hat sie sie oft nicht unter schieden, beide miteinander verwechselt Nun beben und senken sich schon die Waagschalen. Bald die eine, bald die andere . . . Und das Zünglein oben an der Waage zittert, iveicht um -Haaresbreite bald nach links, bald nach rechts. . . . Nur nul -Haaresbreite . . . und das auch nicht auf einmal . . . Er'ist ja ein ganz gewöhnlicher Mensch gewesen, ohne die große Auflehnung und ohne die große -Hingebung ... -Hatte also nur kleine Verdienste, kleine Sünden, ganz kleine körnchcnklcine, stäubchenkleine . . . So klein, daß man sie zuweilen mit dem Auge nicht wahrnchmen konnte. Und doch, sobald das Zünglein nur um ein Weniges nach rechts schwankt, klingen Freude und Jubel in den -Himmeln. Gebt es aber nach links, dann hört man einen traurigen Seufzer, der bis Gottes Thron dringt. Und die Engel schütten ganz langsam. Mit Absicht schütten sic so, störnchcn auf Hörnchen. Stäubchen aus Stäubchen. Ganz so, >vic behäbige Bürger „Ato haresob" versteigern. Pfennig für Pfennig ... Toch auch ein Brunnen wird schließlich ansgeschöpft. Tie Säckchen iverden leer. Fertig? fragt der Tiener des Gerichts ein Engel, wie die andern. Ter gute und der böse Trieb drehe» ihre Säckchen um: Nichts ist mehr darin! Und nun sicht der Tiener nach dem Zünglein, nach lvelcher Seite hin es abgelviche» ist. ob nach rechts oder nach links? Er sieht und siebt ... Es ist etivas geschehen, uxis» noch nicht da war, seit -Himmel und Erde ersckxisfen wurden. "Nun? Warum dauert's so länge?" fragt der Vorsitzende. „Es steht gerade in der Mitte", stammelt der Tiener. „Sünden und Verdienste ganz gleich!" „Ganz gleich? Genau in der Mitte?" fragt -es wieder vom Gcrichtstisch her. , Und der Tiener sieht nochmals nach und antwortet: „Ganz genau!" Tas Gericht hält eine Beratung, und folgendermaßen lautet das Urteil, das es nach reiflicher Ucberlcgnng verkündet: „Ta die Sünden die guten Werke nicht überwiegen. gebührt der Seele nicht die Hölle ... „Anderseits wiegen die Verdienste nicht mehr als die Sünden, man kann ihr also auch nicht die Tore des Paradieses öffnen. „So soll sie unstet und flüchtig sein . . . Soll mitten zwischen Himmel und Erde schwebe». bis sich Mott ihrer erinnern und erbarmen, in seiner Gnade zn sich rufen wird." Und der Tiener faßt die Seele und führt sie hinaus. Tie Seele aber jammert und beklagt ihr Schicksal. „Warum weinst du so sehr?" fragt er sie. .^Wolil wirst du nicht das Glück und die Freuden des Paradieses genießen, aber du wirst auch nicht das Leid >md die Schmerzen der Hölle zu tragen haben. — Tas hebt sich doch auf." Toch die Seele läßt sich nicht trösten. „Ach. besser die größten Schmerzen", sagt sic, „als nichts. Nichts, das ist das Schrecklichste." Ta tut sie ibm leid, dem Tiener des Gerichts, und er gibt ibr einen Rat. „Mußt binabfliegcn. liebes Seelchen", sagt er, „und dich unten halte», nahe an der lebendigen Welt. . . . In den Himmel darfst du nicht hineinblicken . . . Tenn was kannst du dort drinnen sehen? Höchstens Sterne, lind das sind wobl belle, aber kalte (Geschöpfe, die kein Erbarmen kennen. Sie iverden sich keine Mühe für dich geben, iverden Gott nickst an dich erinnern,. . . Nur die Zadikim' des Paradieses können, für so eine irrende Seele wie du etwas tun. Aber sie lieben Geschenke, liebes Seelchen, schöne Geschenke. Tas ist schon so der Braucki der heutigen Zadikim", fügt er etwas boshaft, hinzu. „Ja, flieg nur recht unten, liebe Seele. dickst an der lebendigen Welt, und beobachte, wie sich's lebt und >vas vorgclst. Und kaum siebst du ivas. das ganz besonders sckiön und gut ist. dann pack cs und flieg damit empor. Es ivird ein Geschenk für die Zadikim des Paradieses fein. Halt es in der -Hand, klopfe an und melde.dich beim Engel der Pforte. Sag ibm, ich hätte es dir befohlen! ... lind sei sicher . . . sowie du Gesckwuke gebrcrckst habe» ivirst, werden dir die Tore des Paradieses geöffnet fein. Sie iverden wirken . . ." Mit-diesen Worten stößt er die arme Seele voll Erbarmens ans dem Himmöl hinaus. Das erste Geschenk Tie arme Seele fliegt nun ganz niedrig über der leben digcn Welt und sucht (beschenke für die Zadikim im Paradies. Fliegt und fliegt, lieber Törfer'uud Städte, überall, überall wo mir, ein;m»r Menschen zusainmeiiwobiien. Nickst störte sie die versengende Sonnenbitze, in der Regenzeit nickst das triefende Wasser. Sie fliegt durch das silberne Spinnen iveb des Spätsommers, durch die fallenden Schneeflocken des Winters . . . Fliegt und sucht . . . Sucht sich die Augen aus. . . Sowie sie einem Inden begegnet, fliegt sie geschwind ans ihn zu und blickt ihm in die Äugen ob er nicht.gerade iu> Begriff ist, den Namen Gottes durcb gute Werke zu oerherrlichen. Wo nur des Nachts dnrcki den Spalt eines Ladens ein Licht dnrchschiniinert, slngs ist sie da »nd blickt hinein, ob nicht da drinnen in aller Stille' die duftenden Blümckicn Gottes wachsen: verborgene gute Werke? Toch leider zielst sie sich immer wieder rasch von den Angen und den Fenstern zurück. Erschreckt und entmutigt... Und als Jabre fruchtlos vergeben, wird sie fast schwermütig. Städte sind zu Friedbösen geivordeu. »nd Friedhöfe zn Ackerfeldern. Wälder bgt man ausgerodet, von Steinen am Waller ist Sand geworden. Flüsse haben ibr Bett ge ivcchselt, tausende Sterne sind beruntcrgesallen. Millionen Seelen sind binaufgeflogen. Aber Gott tust sich ibrsr nickst erinnert, und etwas außerordentlich Gutes und Schönes hat sie nicht-gefunden .. . Ta denkt sie: „Ärm ist die Welt, mittelmäßig und an den Seelen grau die Menschen, ihre Taten sind so klein - wo sollen sie das * Zadikim, wörtlich Mcrccfitc, dann nfxir auch die chassidiscben Rabbinen (RcbbcS).