Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 6 (6.1931)
- Date
- 1931-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 6 Temeindeblatt der Israelitischen Reltgionsgemeinde Dresden r>vit bnitiin’ii iiiil die Mntterforge der stinder (Gedeihe,l umhegte. Mit welcher Ciewifsenhastigkeit und zuweilen mit iiiif-.eritcm Heroisinns nahmen die jüdischen Ehefrauen das religionsgesetzlich gebotene Tanckbad. Äi*o eine „Mikiva", ein luidi dieser Vorschrift rtcbaiitee Bad nicht vorhanden war. iin Tlune. selbst zur Winterszeit, nachdem inan das Eis anjgebackt batte. Und es herrschte eine tron^ne. liebe Traneiiliberzengnng. das; .nie die Ciesniidheit einer Tran durch diese änsterste Hing.tbe an die Pflichten ibrcr Ebe gelitten lüitle. Anch die körperliche Eignnng znin (Gebären scheint durch das lwcfienische Perbalten der iverdenden M'ntter eine ante geweien zn sei». Wir gedenken ans biblische» Seiten schon des Ansfprnch.es der ägyptischen Hebammen. die. als sie Pnaraos Peiebl, die männlichen ,'iinder zu töten, nicht ans- 'übrten.;»>» Entfchnldignngsgrnnd sagten: „Tenn nicht ivie die inizrischen Kranen sind die ibrischen." Das Minb ist io ichnell geboren, ebe noch die weise Tran da sein konnte. Das «sroi; ziehen der'.minder .mit all ^seinen M'iiben, Dörgen. Freuden und beiden bob sie empor. Perlieb dem änderen, unsichere», oit armseligen Leben. dem mühe- und geiabrvollen Suchen des Mannes-nach Erwerb, nach Herbeifchannng der grausamen Steuerlasten, den Sonnenblick der Poeiie. All ihre Herzens- und «'ieistesgaben dieisten der cieinnderbaltniig ihres .Hcinses. Mit dem Wenigsten musste das Möglichste geleinet werden. ,'iörpcr und ('seilt der 'sbrcit ge- 'iiiid zn erballen. Das enge Zusammenleben der Ciemeinde trotz vielem Dchweren. ivas es mit sich brachte, vertierte den l'ieiiieinicha'lssinn. verpsticktele zu t'iemeiiischaftsaingaben. T» den iiidi'chen «Gemeinden. wie auch die Zahl ihrer CZlieder war. berrübte ein vortrefflich geordnetes Hilfswesen. Die Kranen beteiligten sich an allem. stranke von Familienaiyzebörigen wurden zu Hanse gepslegt. Pon einem ,'i ranken bans hören mir er» im 11. Tahrhnndert in ,'töln. cs kamen aber halb mehr in die jrröfzeren stiemeinden. Es' waren .'sanier, die nir durchreisende Arme eingerichtet wurden, verbergen und zugleich im. Notfall strankenpflegeeinrichtnirgcn. ..vekdesch" genannt, voir.'todansch. Heilig, hergeleitet. weil >ie den heiligen Pflichten iiir fremde. ranke, dienten. Hier haben die Kranen hauptsächlich durch die Ernährung, die üe den .'tranken brachten, gesorgt." Um die Männer waren die Männer beiniibt. ivilhrend die Kranen sich der Weiblichen annahmen. Hierher gehört auch die rührende Ditte.l das; man untertags in einem Zimmer dort Speise» und ('ietränke ansstellte, immer Estbares bereit hielt und sich dann entfernte, dein Müden. Hungrigen - oder gar Erkrankten, der ankam, unsichtbar stets seine Nahrung bereitstellte, ohne ihn zur Dankesän'-.crnng zu verpflichten, T» der Ehewra-.'iadischa, dem heiligen Perein. der in keiner, auch nicht der kleinsten «'Gemeinde ieblte. war der Tran ein eigenstes Betätignngsield gegeben: Die besonders gebotenen Pflichten, Kranke zu besuchen, sie zu pflegen und ihnen nahe zu sein, sie mit Liebe itiiN «'sehet z» umgeben, wenn ihr Leben sich dem Ende zuneigt. Deii Kranen lag bei den weiblichen Patienten alles ob. man kochte auch abwechselnd iiir die kranke, siir die bedürftige Wöchnerin. Wer nur zu in Besuchen kam, der sollte ans vernünftigen l'sriinden. wie der Talmud anordnet, nicht in jhc» eriren Tagesstunden und nicht in den Schlnststnnden des Tages koinmen. Es sind die gröszten und verdienstlichsten Taten, .'tränke zu besuchen: Es hciszt in der Schrift. das;, >ver einen .Kranken besucht, ihm einen Teil seiner Leiden abniinnit. Die ,Tranen batten dem st ranken das Lager zu bereiten, aller ihmdienenden (Geräte und «'seiäszc bedacht zu sein. Die herannahenden letzten Stunde» des Erkrankten umgaben sie mit frommer teilnehmender Liebe. Ergriffenen Herzens standen sie dem Schicksal gegenüber, vollbrachten nach cingetretenein Tode liebevoll und ehrerbietig die letzten Dienste nm den Dahingeschicdeiicn. ivaren den Trancrnden eine stütze, deren Hauswirtschaften Hilic, damit die Tc»»nie ohne Sorge iiir die häuslichen Pflichten sich in beit sieben Tranertagen ganz dem Andenken an den Dahingeschiedenen weihen konnte. Die ,Tranen kochten für die Tranerfamilie. sie besorgten — da dort nicht gewaschen werden durfte — die ans Esesnndheitsrücksichten gebotene Wäsche der Dahingeschiedenen. sie übernahnten alles, ivas notwendig war, nm zn helfen, zn erleichtern. und ivohlzntun. Alles dies war aber nickt nur, .Wohltat aii den tief betroffenen Mitmenschen, viel, sehr viel ivar es auch eine Möglichkeit, der wiederkehreuden körperlichen und seelischen .straft den Boden zn schaffen. Und cs war noch eines, und dies ist es auch heute iwch. Diese persönlich geleistete Licbesarbeit, dieses Miterlebcn voit Menschenschincrz und Mcnschculcid, behütete oie Tranenwelt vor vielen ('iefahren hysterischer Sclbstbetrachtnng, eingebildeter oder übertriebener Leiden. Tein wirkliche» Unglück, dem schweren Leiden gegenüberziistehen. seine Tragik initzuerlebe». macht, rückwirkend ans die Helfenden, einen starken, besinnlichen Eindruck. Es führt zur Denint und zur Dankbarkeit für das l'iute, dessen inan sich fühlen dari. gibt nickt zuletzt dein Ansübenden eine Frömmigkeit des Herzens und ein bescheidenes, aber ,gehobenes Selbstgefühl. Behütet den Menschen vor lleberschätznng des Lebens einerseits und vor Unterschätziuig des hohe» Cintcs der Wemnbheit anderseits. Die führende Tran, die „l'iabbete" genof; eine starke und von allen anerkannte Autorität. Alle die vielen Wohltatigkeits-, Wohliahrts- und Hilfeeinrichtnngen, die in nliserein jüdischen l'ienieinivesen von ilters her eingerichtet ivnrden. sind mittelbar, nächst ihrem eigenen Zweck, der Hygiene dienend. Wie könnte l'iesnndheit bestehen, sich festigen, sickf erheben ohne die Türsorge für das Notwendige des Lebens. T» den füreinander verantwortlichen jüdischen i'lemeinde» wurde alles beachtet, siir alles suchte man Nat und Hilfe. Bei den furchtbaren stieschichtsereignissen der Zerstörnng und Pernichtnng: die über sie binbrausteu. hei den nngehenre» Bedrücknngeu, die" jeden Besitz zerstörten, nn-s änfzerlich arm und leer machten, hei all dem Druck und der Last des Lebens. wie hätten, wir uns erhalten können, wäre nicht die innnderbare Elastizität des Eleistes und des Lebenswillens geivese». Diesen Lebenswillen zu entfachen, ihn immer neu zn heben, das war mit ein Werk der jüdischen Tran. Ein moderner Historiker spricht von der ..Romantik des Martyriums" der Tilden int Mittelalter. Welch einen Teil von alf dem Schweren haben die Tranen anitgetragen durch die Nomantik einer vom Leid zur Ekstase hingelenkten Seele! Welch einen Teil haben sie ihren Männern überwinden helfen, der nur von einer hingerissenen, emporgezogenen, dem menschlich Schweren entrückten Betrachtnngsart koinmen konnte! Wir dürfen sagen, die jüdische Tran hat durch die (beschichte ihres Bolkes hindurch einen arosten. seelisch und körperlich stärkenden, physisch und moralisch erbebenden. ethisch und jüdisch schützenden Eiiiflns; geübt. Die Hausfrauen schmückten den Treitagabend und den Sckabbos zil allen Zeiten mit Trendigkeit. Er war und ist und wird r - auch immer bleiben, der straftgnell nuferes Lebens, det Spender unserer religiösen Poesie. Daseinssrendigkeit ilckasste die Hanssrau auch durch die „Simchos Sckel Miziuoh" durch die Trende. die ans der Ersiillnng der religiösen Gebote kam. Dem schweren .stampf des Mannes int Erwerbsleben stellt das Hans den rettenden-Schutz vor Ueberdrnf; inird Unlust. Das .Hans de^ Mannes, das seine Trau für ihn bedeutete. Tn den Tahrhnnderten, die bis zur Emanziptttion folgten, war das Auf und Ab des Lebens, die Last der schikanösen Bedrückungen, erträglich eben nur durch das sorgliche Walten der Hanssran. Bereinstätiqkeiten und Türsorgcn wurden umfassender. Ter rastlose jüdische Tlein schuf wieder, und im Anfbanen der Liebesiverke durch die Tranen ivar die Hingabe an das gesundheitsförderndc Menschenerstarkende ein bedeutendes. Erinnerungen ans icnen Zeiten erzählen uns von häuslichem Leben und fraulichem Wirken. Tie bekannteste, die der „(«ilückcl von.Hameln", lässt uns auch erkennen, ivelch iveiten »nd grasten Einslust auf dieses Leben die Trauen hatten. Tie genxtltige hausfrauliche Leistung, die ordnnnqsgeniäste Herbeischttsfunq des Pgssgch, die Befolgung der vielen Tordernnaen. die es stellte, der stampf gegen Staub und Schmutz, die Nenordnnng aller stuchengeräte und Olesäste war und ist ein hygienisches WundeNverk. Nicht umsonst wurde die Hausfrau geehrt, gerühmt als >,Malko". als Königin der Scderabende bezeichnet. Auch in den ersten Tahrzehnteir nach der Emanzipation koiinten die Trauen in ihren religiösen Aufgaben und lehensj