Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 10 (10.1930)
- Date
- 1930-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 10 lemeindeblatt der Israelitisch, Berühmte Synagogen Von Rabbiner Dr. Bergmann, Berlin Als ein jüdischer Weiler dein Volke in Palästina den tiefen Eindruck schilderte, den er von der Prachtsynagoge in Alerandria empfangen hatte, rief er begeistert ans: Wer die Synagoge in Alexandria nicht gesehen hat, hat Israels Herr- ÜlllUI! A imi Sonatioae in Amserrdam CJlunfifaminluiio der 2üd. fflemrtn&e Berlin! lichkeit nicht geschaut. Zur Zeit, als in Jerusalem der Tempel noch stand, ivohnten in Alexandria 200 000 Juden, und unter den vielen Synagogen Alexandrias war die Hauptsynagoge durch ihren künstlerischen Bau ausgezeichnet, sie hatte die Form einer Basilika mit doppeltem säulengang. Während des Gottesdienstes stand aus der Tribüne in der Mitte der Synagoge ein Gcmeindebeamter, der bei jedem Segensspruch mit einer Fahne der großen Beterschar das Zeichen gab, daß sie mit „Amen" einfalle. Tie in der Synagoge versammelten Beter waren nach Handwerkergilden gruppiert. Ein Fremder, der in die Synagoge kam, gesellte sich zu seinen Berufsgenossen und erhielt von ihnen Rat und Hilfe. Wie in Alexandria gab es zur Zeit des Tempels jüdische Synagogen auch in Rom. Tort standen wie in vielen Synagogen der Tiaspora neben den' betenden Juden die „Gottesfürchtige»", die. zum jüdischen Glauben bekehrten Heiden. Ihnen predigte Paulus seine neue Heitslehre. Tie Juden gaben ihin für seine Propaganda ihre Synagogen. Er hat es ihnen schlecht gelohnt, denn er war der erste, der das junge Christentum in Gegensatz zum Judentum stellte und das Band zwischen der jüdischen Mutter und der christlichen Tochter zerschnitt. In seinem Kamps gegen das Judentum prägte er die Kampfparole, das Judentum sei Werkheiligkeit, das Christentum aber verkünde Gnade. Paulus schuf vom Judentum ein Zerrbild, das sich von Jahrhundert zu Jahrhundert sorterbte. Eine 'der Synagogen in Rom trug den Namen des judenfreundlichen Kaisers Alexander Severus, der ihr Patron oder Erbauer war und darum bei einem öffentlichen Feste von Alexandrinern und AntiocheNern als „Archisynagogus" verspottet wurde. Als der siegreiche TituS in Rom einzog, wurden im Triumphzuge die heiligen Geräte aus dem zerstörten jerusalemischen Tempel getragen: der goldene Tisch, der Leuchter von Gold und als letztes Beutestück die Thorarolle. Tiefe Thorarolle wurde spater im heiligen Schrein der Severussynagoge aufgestellt: aus ihr wurden noch im Mittelalter im Midrasch „Bereschit rabbati" und ini Billelkommentardes Tavid Kimchi Textvarianten zitiert. Ter Triumphzug des Titus mit den heiligen Geräten aus dem zerstörten Tempel wurde von den Römern auf den, Titusbogen verewigt. Tie Juden aber trugen die Erinnerung an das zerstörte Heiligtum in ihrem Herzen. Am 0. Aw, dem Tage der Tempelzerstörung, kamen sie alljährlich nach Jerusalem, verrichteten auf den Trümmern des Teinpels herzergreifende Klagegebete und erkauften sich von den römischen Wachen die Erlaubnis zu längerem Verweilen an der Klagestätte. Nach dem Untergange des jüdischen Staates stoben die Teile des jüdischen Stammes in alle Lande auseinander. Wohin die Juden kämen, überall schufen sie eine jüdische Gemeinde. Tie jüdischt Gemeinde ist eine herrliche Schöpfung jüdischen Gemeinsinnis. Lhne sic wäre das Judentinn in Atome zerfallen, es wäre untergegangen. Tie Gemeinde hat die Herzen zusammengehalten, sie hat das Judentum erhalte». Im Mittelpunkte jiicr Gemeinde aber stand die Synagoge, die Stätte des Gebetes, des Bekenntnisses und der Belehrung. „Synagoga" hieß im alten Rom die Gemeinde und das Gotteshaus zugleich. Auch der ■Maine „Schola"! (Schule), der Name der jüdischen Gemeinde im Mittelalter, wurde auf das jüdische Gotteshaus übertragen: unsere Ahnen nannten ihre Synagoge „unsere liebe und heilige Schul". So trugen Gemeinde j und Synagoge den gleichen Namen, sie wurden eins. Ohne Synagoge war eine jüdische (Gemeinde undenkbar. In Gesetz und Brauch trat die Synagoge zwar an Heiligkeit dem Tempel zurück. Sie galt nur als „Heiligtum im Kleinen", aber dem Herzen des Volkes wurde sie ein unerschöpflicher Quell des Heils und des Lebens. Tie Sage, des Volkes Tichtung. hat die Synagoge, wie früher den Tempel, verherrlicht und auf sie etwas von der Heiligkeit des Tempels übettragen. So erzählt die Sage von' sier Synagoge in Schefjatib, einer Dorstadt von Nehardea, haß sie vom König Jcchonja mit den Steinen erbaut worden sei, die er vom zerstörten Tempel in die babylonische Verbannung mitgenommen hatte, und daß über ihr in der Nacht eine Feuersäule geleuchtet habe. Petachja von Regensburg berichtet von einem roten Stein, den Esra von den Steinen des ersten Tempels nach Babylon mitgebracht und in der Wand der Synagoge von Nisibis eingemauert habe. Auch von der berühmten „Altneuschule" in Prag erzählt die Sage, daß sie mit de« Steinen des Tempels von Juden, die vor Titus nach Prag geflüchtet'waren, erhaut worden fei. Auf den Wiederaufbau des zerstörten Tempels hoffend, erbauten die Juden die j„Altneuschule" in Prag nur „bedingungsweise" (al tenai): sie sollte als Heiligtum nur bis zu dem Tage gelten, an dem die Posaune der Erlösung die Verbannten in das Heilige Land zurückrufcn werde. Tie Judenstadt in Prag wurde oft von Bränden verwüstet, doch die „Altneuschule" blieb verschont. Während der Feuersbrunst im Jahre 1558 sah matt, wie die sage erzählt, auf dem Giebel der Synagoge zwei weiße Tauben, die das Tach der^, Synagoge beschützten und nach dem Erlöschen des Feuers in den Wolken verschwanden. Wie einst im Tempel von Jerusalem, so geschahen Gnadenzeichen und Wunder auch in den Raicki-Lvuaaone In Worms Synagogen, die dem Herzen des Volkes heilig waren. Mit den Steinen, aus denen die Synagogen in Schefjatib, Nisibis und Prag errichtet worden sind, ist auf sie etwas von der Heiligkeit des Tempels übergegangen.