Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 3 (3.1930)
- Date
- 1930-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden Seite 4 gemalt, übergrün. iebr naiv, aber doch mit Wissen und Willen, das Seelische aut Erden zu stärken." Zweig siebt die Aufgabe de« Epiker« darin, den Reichtum der Seele zu gestalten, nicht an den äußeren Vorgängen der ihkU verleitet zn bleiben: die Handlung in ein seelische« Zentrum zu verlegen und von ibm au« äußere l'icscheben zu durchleuchten. Das ist sein Poünlat. Man abnte damals, daß die Erlebnisse des Krieges und die sieben Jabrc, die ibm solgten. sein ästhetisches Grundgesetz erschüttert lraben mußten. Er sab die Gültigkeiten seines Werkes nicht mebr in unmittelbarer Nähe: es hatte bistorische Geltung, tormale — iwir jedoch, an dem Gegenwärtigen gemessen. von den Ereignissen übcrrast worden. Es schien natürlich, und man wartete darum hierauf, daß Zweig nach seiner Rückkehr ans dem Kriege sein Werk aut eine andre Ebene tragen würde: denn bei ibm wuchs es, mit oft rücksichtsloser Konseauenz. au« der persönlichen Situation. . Und es war seiner Wahrhaftigkeit gemäß, mit seiner Zeit zn kämpfen, ibr mutig und durch nichts beirrbar die Stirn zn bieten: er wurde. Autor d.es Elandiaromans, politischer Sichter im edelsten Sinne. III. , Srci Bücher, deren Erscheinen zwischen die großen Erfolge von „Elaudia" und „(Grischa" fiel, scheinen mir zu Unrecht iait in Vcrgeisenbeit geraten zu sein, Ich meine die beiden Novellcnbändc— „Zrübe Zährten" und „Ser Regenbogen" — und die binorischc Erzählung „Ser Spiegel des großen .Kaisers". Sic beiden Novellenbände bilden gewissermaßen den Ucbergang von den „Novellen um Elaudia", jenem zarten Vorkriegswerk, zu dem „Streit um de» Sergeanten Grischa", der grandiosen Ldmiee de« Menschen-im Kriege. „Frühe Zährten", der Titel sagt! es schon, hat noch sehr viel von der :-sartbeit der Elaudianovellen.. Siesc Erzählungen geben ein schönes Vild von dem geistigen Werden Zweigs und runden sich zu einem persönlichen Vekenntnis. ' Weit zurück führen un« die „Frühen Fährtenvon der Nachkriegszeit zurück zn den glücklictien Studienjahren. Sie Erzählungen lauen e« üch offen cmmerken. daß ne in einem jungen Herzen entstanden und. Sie haben noch wenig von wohlerwogener Formstrenge, sind nicht die Ergebnisse kühler Betrachtung — sondern elementare Bekenntnisse eines jungen, empfindsamen Menschen. Hier spüren wir noch nichts von dem späteren politischen Sichter und Zeitkritiker. Sie „Zrüben Zährten" liegen noch abseits von den Wegei, des Alltags. So mögen ne auch gelesen werden, als eine Sammlung von Zriihwerken, und immer im Hinblick ani die Linie, die von hier ans zum ..Grischa" und znm „Ealiban" führt. ■oit feinem „Regenbogen" schenkt Uns Ziveig das Bild des Nachkriegsmenschcii. Er mar der erste, der dies wagte, ohne in der Tendenz steckenzubleibcn. ohne den Boden wahrhafter Sichtung zn verlassen. Sie sechs Erzählungen und Auflagen gegen den Wahnwitz des Krieges, Elegien auf die abgeirrte menschliche Vernunft. Zweig rnit die durch, die Ereignisse Zersprengten zur Sammlung. Er hat den Süden bereist, ein neue« Maß erhaltender in ausgepcndelt und hat, >vas er in seinen Elaudianovellen gewollt, in den Wort- und Seinsinn unsrer Tage übertragen. „Und dann sab ich andre Himmel wieder, Mittelmeer: und schien mir neu. Man mußte von vorn aiifangen vor sich selber. Sieser Ansang beißt .Regenbogen'." Sas schreibt Zweig über üch selber. Waren in den „Novellen um Elaudia" seine Menschen edle Einzelwesen, Vrodnkte gciväblter Zucht, den (Gemeinheiten de« Lebens fern, zarter, differenzierter. als die menschliche SnZendnxire: sprühte ihr Geist in erhabenen Gesprächen, blüble ibr Leib in den Ernten äußeren Reichtums, glühte ihre Seele in Munk, batten sie die seltene Möglichkeit, sich in feiniren Zwischentönen voreinander.zu öffnen — so sind es im „Regenbogen" andre: Richter .Helbrct, Laurenz Pont. Zweigs Menschen haben die Warte ihrer Geborgenheit, mit ihrem Schöpfer, verlassen und sind in die Zrische getreten. Lie kxibeu sich Wind um die Cfirei, pfeifen lassen, sind von allen Widerhaken d--« Alltags gelüsten worden, haben Krieg mitniachen müssen, und von .Haßwellen umhergeschleudert »vor-, den. haben die Tretniüble der Inflation getrieben. Hoffnnngen und eingeüürzt. Illusionen äls Asche verflogen. Sie haben Blut und Hunger gesehen: diese Rosi Müller, Genevieve .Hallaert, Soktor Lippsch. » Nicht ganz auf dieser Linie, aber im Hin ilick auf den „Grischa" dank seiner tiefen Symbolik wesentlich, steht der „Spiegel des großen Kaisers". Zweig gibt hie: einen Ausschnitt aus dem Leben des Stanffenkaisers Frü drich II. In grandiosen Bildern malt er das Hofleben zu Lalcrmo, die Porträts der dort weilenden Männer, der Gesandten. der Kleriker, der Juden. Ser Sichter gewährt uns 6 inblick iii ein persönliches Erleben dieses kirchenfcindlichen, mc chtstrotzende» Herrschers. Sie Fabel setzt an der Stelle ein, an welcher das Schicksal warnend an das Tor des Palastes pocht; es ist wie die Flammenschrift, die Bclsazer erschciiit. Ser Kalif Elkamil von Alerandria sendet zu Friedrich Fakire, welche aus einem Zauberspiegel die Zukunft zn künden vermögen. Ser Kaiser erfährt, daß mit seiner Person die Herrschaft ihr Ende finden würde. Er sieht im Spiegel den schmachvollen Tod Konrads. Ser Kaiser glaubt an sich und seine Macht, abir die Vision würgt ihn. Er will den „Keim zu all dem" finden, um ihn zu vernichten. Sein jüdischer Leibarzt Elieser weiß einen Weg. Ser Kaiser müsse die „untere" Seite seines Reiches seben. Meir Ehasak el Maghebri, als Jude zeboren, doch ausgestoßen von den Gemeinden Israels, ei» Helfer aller Bedürftigen, ein im Elend Kenntnisreicher, wir! an den Hof geruren. Surch ihn erblickt der Kaiser das dunste Palermo, die llnterschlupie des Lasters, die Stätten des 9 ussatzes, die Höllen des Tchweielbergwerks. Es kommt Friedrich in den Sinn, daß „die Gesetze der einsamen Vernunft!" noch keine Geltung kiben „für die Beweguckgen der großen Menschengebilde". Er siebt feine' Sendimg darin, die Wunden zu. schließen und Heilung zu verschenken: denn er folgt der Weisung seines Leibarztes: „Es. ist geboten, dem Unheil zu widerstehen!" Sarum streicht Friedrich diesen Tag ans, seinem Leben, im Glauben an Vernunft und Macht. Nr. 3 IV. Soch kehren nur »ach diesem Rückblick zurück zu dem gegenwärtigen, in der Mitte seines Lebens und seiner Schöpferkraft stehenden Arnold Zweig. Wir haben angedeutet, daß nach dem Kriege bei ihm etwas wie eine „schöpferische Panse" einsetzte, und daß er Zeit brauchte, bis aus dem „Westler", aus jenem, der einen vielbeachteten und berühmt gewordenen Roman der Vorkricgsästhetik schrieb, der Schöpfer des Kricgsbnches „Grischa" wurde. Zweig hat all das, was ihn der Krieg sehen ließ — und Las im engen Znsammenwohnen mit Kameraden jeder Nuance einerseits, und den ostjüdischen Glaubensgenossen anderseits — in diesen Roman hincingegossen. Er ist wirklich erfüllt von Empirie und Idee zugleich, wir sehen in ihm Zweigs Umkehr und den schon beschrittcnen neuen Weg, wir finden hier in seltener Einheit Sichtung — und welch eine große! — und Manifest. „Ser Streit um den Sergeanten Grischa" war, wie wir uns erinnern, der erste große deutsche Kriegsroman (neben Drings „Soldat Suhren", der aber mehr als individualistische denn als Gruppenschilderung zu werten ist), er erschien im rechten Augenblick, nämlich als"»njere Distanz zum Kriege groß, genug geworden war. um uns nnt ihm, auch in der Sichtung, ohne innere Aversion auscinandersetzen zu können. Es geht in diesem Buche im Grunde um keinen großen Vorgang: Ein Russe ist aus dem Gefangenenlager entwickln, wird abgefangen, als Spion verdächtigt und soll nun kurzerhand erschoydn werden. Aber es geht ja nicht um diesen Grischa, diesen einfältigen, gutgläubigen Menschen aus der russischen Steppe — es geht um den streit, der um ihn losbricht. Tiefer Streit, mitten im Kriege, ist das Symbol für den Streit zwischen den Säbelrassekern und. den .Kriegsmüden. Und wirklich: Zweig schildert mit diesem Hin und Her um dieses eine armselige Menschenleben das Widerspiel der Weltanschauungen, dessen Ansgang maßgebend wurde für den Ausgang des Krieges und fiir die Gestaltung derMachkriegszeit. In Zweigs Roman offenbart sich die ganze Sinnlosigkeit des Völkerhasses, das nutzlose und hybride Herauskehren des Wertes eines Volkes vor den anderen Völkern. Er zeigt an einem Einzelschicksal, gerade weil es das Schicksal des kleinen Mannes, des „unbekannten Soldaten", ist, die verworrene