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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden · 1930-02-01 · 2 (2.1930) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
Volume
6 (1930)
Issue
2 (2.1930)
Date
1930-02-01
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Nr. 2 » -meindeblatt der Israelitischen ReligionSg emeinde Dresden Seite st Als die deutfckx'n Einwanderer in Remiork ajnkainen, wurden sie von den dort ansässigen sephardischen Jijden als lästige, minderwertige Menschen betrachtet, »nd es entstand nicht die geringste Berührung. Tie jnngen Einwanderer waren der Sprache und Sitten des Landes fremd. iL*on den Geschäften und Betrieben ihrer Religionsgcnossen bekamen sie keine Anstellung. Armiind verlasse» und voa ihre» eigenen Leuten verachtet und abgestoßen stairdcn sie aus fremder Erde. Sie waren durch Not gezwungen, seliständig zu werden. An den Straßenecken verkauften sie Streichhölzer und .Kurzwaren, in der größten Hitze und im Schnee und in der eisigsten .Kälte. Sie fingen als .Hausierer an und lernten das Gcsckiäftsleben vom kleinsten Anfang an. Sie hatten Glück, denn nm diese Zeit kamen hundcrttauscnde deutsche Arbeiter und Bauern ins Land, mit denen sie sich gut verständigen konnten, die. selbst der Sprache unkundig, sroh waren, von ihnen kaufen zu können. In tvenigen Jahren waren einige so weit, daß sie größere Posten Ware kaufen und an Ncucingewanderte Weiterverkäufen konnten. Das war die Grundlage zum Engrosgeschäft. Andere hatten sich in neuentstandenen Städtchen einen guten Kundenkreis beim Hausieren erworben und konnten mit ihren Ersparnissen ein kleines Geschäft aufmachen. Im Laufe von zehn bis ztvanzig Jahren hatten diese armen jüdischen Eintvanderer schon viele Geschäfte überall in den Städten und Dörfern, und im nenentstandenen Broadivay reihteit sich schon viele Engros- und Importgeschäfte nebeneinander. deren In- Haber aus den verborgenen Winkeln Snddeiitschlands »nd Hessens stammten. Tie Kluft zwischen sephardischen und deutschen Juden blieb bestehen, aber in ganz kurzer Zeit waren die deutschen den sephardisck)en. die keinen oder nur ganz geringen Zuwachs erhielten, weit an Zahl und Bedeutung überlegen. Die Sephardim hatten die Gelegenheit verpaßt, die junge, unverbrauchte Lebenskraft ihrer deutschen Brüder in ihre Dienste zu stellen, um ihren Geschäftsunternehmungeil neuen (tzeist und stärkere Energie zuzuführen. Anstatt ihre Jgmilie». die sck)on durch Reichtum verweichlicht und' geschwächt waren, mit dem neuen starken Zuwachs anfzubaueu, hatten sie sich ganz vornehm und überlegen von diesen armen, fremdartigen Eiinvanderern ferngehalten. Schon in> Jahre 1840 waren die Deutschen den Scpharden nicht nur zahlenniäßig, sondern auch wirtschaftlich ganz weit überlegen. Tie vornehme (Veste der Ueberlegenheit wurde zivar noch beibehaltcn, aber die sephardische Gemeinde tvar im Verhältnis zur deutschen im Absterben begriffen. Die deutschjüdische Gemeinde bekam iinmer stärkeren Zmvachs. Ter erfolgreichc Kaufmann brachte seine Geschwister, seine Ressen und Vettern ans der Heimat herüber. Diese neuen Emigranten hatten es schon viel leichter, da sie in die Häuser und die Geschäfte ihrer Venvandten anfgenommen wurden. Sie entwickelten deshalb auch nicht istehr den jchivnngvollen Geschäftsgeist und die aufwärksstrtbende Energie ihrer älteren Verwandten.. Sclion vor INlo ivareu Einwanderer in geringer Zahl ans den östlickien Provinzen Preußens nach Amerika gekomnien. Es waren meistens Menschen ans den armen Stadtckien der Provinzen Posen, Oftlind Westprenßcn. In anderen Teilen Preußens wohnten zur damaligen Zeit nur ganz wenig Juden. Das Geld für die lange Reise konnten nur ganz wenige aufbringen, Häher gingen viele erst nach England. Dort haben sic unter den erbärmlichsten Verhältnissen das Schneiderhandwerk oder das Zigarrenmachen oder irgendein anderes .Handwerk erlernt »nd waren dann mit ihrem schwer ersparten Geld nach Amerika gekommen. Zebu bis zwanzig Jahre später als in Siidtveikdeutschland waren auch die Schranke» der Gcttomauern in Preußen ge fallen, und taniende Jude» ans den kleinen armen Städtchen der Ostprovinzen gingen einer, schnellen Emanzipation ent gegen und versnchten ihre wirtschaftliche' Lage z» verbessern. Einige hatten schon Verwandte oder Bekannte in Amerika, aber die meisten gingen ants Geratewohl mit Segelschiff ins »erne Land. Ihr Schicksal war genau d»is Schicksal ihrer süddeutschen Brüder. Run wurden sie von! den süddeutschen Inden, die jetzt schon eine (Veneration Vorsvriing in Amerika hatten, als lästige Eindringlinge' empsiindem Auch sie mußten, der ab solnten Rot geborckx'nd. Arbeiter in Sweatsbops oder Hausierer werden. Durch Hunger und Rot, in schwerer selb ständiger Arbeit, ganz ans sich angewiesen, gingen einige zugrunde, aber viele wnrden kleinere und größere' Kausleute, einige wnrden große Jmportemie und Handcismagnatcn und Fabrikanten. Aber das dauerte viele Jahre, Jahreder größten Entbehrung, Jahre, in denen viele geistig verkümmerten. Sic fanden in der ersten Generation fast keinen Zusammenhang mit ihren süddeutschen Brüder». Sie waren eine (vencration später eingewar dert, und das stempelte sie. in den Augen der anderen als minderwertig. Sie waren gezwungen, eigene (vemeinden zu^ gründen. Aus ihrer Gesell schaftsnot und Wirtschaftsnot def ersten Zeit entstand die jetzt über die ganze Welt verbreitete! Bnai-Britb-Loge. Erst war es nur ein Verein ganz armer Handwerker, die, unter fremden Menschen wohnend, einen kleinen Platz haben wollten für gesellschaftliches Leben, das ihnen von ihren wohlhabenden Religionsgenossen vollständig versagt warauch eine gegenseitige Versicherung gegen Kränkbeit und Arbeitslosigkeit. Als ich im Jahre-INNI j« Renybrk zu meinem Onkel ankam. war das noch der-Hauptzweck der -Bnai-Britb-Loge und blieb es bis znm Ansang dieses-Jahrhunderts. Damals fand ich in Remiork eine ganz kleine, abör-vornehme sephardische Ge meinde, die so znsammengeschrniupst war. daß sie froh war. posensche Brüder aiisznnehmen. Einige große baycrisclp Reformgemeindön und einige ebenso große konservative poiener und orthodor intjii&iidw Gemeinden. Die große Einwanderung an'S Deutschland hatte bei meiner Anknnst fast vollständig ansgehört, und es waren damals schon jo viel Inden ans anderen Ländern eingewandert, daß die deutschen Juden zusammen schon eine Minorität der MXMHHi Juden Amerikas ivareg. Aber üc waren im Besitz fast des ganzen iüdisclien Wohlstandes des Landes, Rach der Gründung des , einige» Deutschen Reiches IN7! waren sich die zivei Gruppen der Deutsckx'g ein ivenig »ähergekommen. Beide Teile fühlten sich schon als Vollamerikaner. Vielc>hatte» schon .Kinder, die in Amerika geboren ivarcn. und einige io gar schon Enkelkinder. Jan noch stärker als Woblstcmd uxir amerikanische lveburt der Geicllschastsinder. Der gesunde Mcnsclx'nverstand staunt über bijoic. Naivität der Amerikaner, aber bei genauer Betrachtung 'inde ich denselben Zustand in allen Ländern.; * Woher kamen die anderen .70 Prozent der Juden, die bei meiner Ankunft schon dort waren?! Als Elsaß im Jabre 1N71 deutsch ivnrde. wanderten sehr viele der dort ansässigen Jude», weil sis nickst deutickx' Staatsbürger werden ivollten. nach Amerika aus. tvanz ähnlich wie die Juden ans den Ost Provinzen nach dem Weltkriege answanderten. iveil diese polnisch ivnrde». Als ich im Jabre >N>i<! in Sa» Jranzisko ankam. bestand dort außer der großen süddeutickx'n Reformgenieinde eine noch größere vom konservativen Lager ins Reformlager schielende preußische Gemeinde nnd eine große gemischte orthodore Ge-

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