Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 12 (12.1929)
- Date
- 1929-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 12 Kemelndeblatt der Israelit!s-chen Religion» gemein de Dresden Stefan Jweig, ein jüdischer Pichter Von ^levkri-il Kt»i viniii, Seite 8 ln ühMc nach dem Kriege unser Leben ein völlig gewandeltes Besicht erhalten hat. wie der Herbst HMh den Laus der! vergangenen Jahre abschnitt nnd eiye veränderte, wenn! auch nicht wesentlich neue Epoche einleitetc, so spüren ivir auch in der Dichtung die Kerbe, die Vor- und Nachkriegszeit von einander trennt. Mancher Dichter gewahrte stach Kriegsende, das; sein Werk ein gänzlich verändertes geistiges Fnndament verlgngte. nnd das; vieles, »ms vor dein Kriege entitgnd, neben dein reis;enden Strom des Wegemvärtigeil verblas.t »nd ungültig geworden war. Erst als jene grosten Schöpfnngen von den, gros;en Eröignis des Krieges distan-;iert, sozusagen historisch geworden nniren. fand min wieder einen Weg zn ihnen. Es ist hentd ivieder möglich, (Gedichte von 11>00 zn lesen — aber unmittelbar nach dein Umsturz verstanden mir sie nicht, sie kreuzten nicht unsere Welt, sie ivaren überdonnert von der Wirklichkeit, die sich im Krampte ivandte. ' j Stefan Zweig, in der ersten Reihe unserer grofzen Dichter stehend, ist ein eklatantes Beispiel hanir, »vie der schöpserische Mensch in sich den Laus und die Wandlung der Zeit mitmacht. Er selbst hat einmal in einer kurzen autobiographischen Skizze betont, das; sein Leben mit dem Kriege in zivei Halsten geteilt ist, in eine xuhende, harmonische,, sorglose nnd in eine bewegte. tausendsältige und verantwortungsvolle. Viclleicht verbindet sich mit dem Namen Stefan Ziveig immer »och die Erinnerung an die Atmosphäre jenes schöngeistigen, elegischen, mnsikalisch-lässigen Wiens der Vorkriegszeit. a» die klingende Welt der Rilke, Hofinannsthgl und Allenberg, an eine vornehme Daseinsform, gemischt aus Aristokratie und Intellekt, nnd an die überaus begabten nnd den Natnralismns »vohltnend ablösendcn Dichter eines liebenswürdigen und doch zugleich mutigen Weltbürgertnins. Ter Jüngling Stefan Ziveig schenkt uns zarte, lyrische Webilde von einem erstaunlichen Wohlklang. Es sind die »vohlgeformteii Bekenntnisse eines reichen, unabhängigen, jungen Mensche», der die Welt durchfliegt in langen Reisen, dem cs vergönnt ist, lernend zn Füllen der gröstkön (Heister Europas zu sitzen, einen Dichter wie Verharren freund zn nennen, nnd der, so iriih schon, beginnt, geistige Verbindungen z» schaffe» zwischen den Völkern, indem er ausländischen Dichtern, die man in Deutschland noch nicht kennt, durch Nachdichtung ihrer Werke Weitung und Ruhm verschafft. Stefan Ziveig bedeutet i» seinem Frühwcrk, und man denke da besonders an die beiden Wcdichtbände „Silberne Saiten" nnd „Frühe Kränze"', geradezu die Repräsentation dieses Wiens der Vorkriegszeit, das Kriegsende und Inflation hinweggespült hat. Diese (Gedichte hätte kaum einer nach dem jiriege geschrieben. Es sind die Strophen des Abends' und des Herbstes, der Reisen »ind der harmonisch gesehenen Landschaften. Diese Dichtung ist in ferne (Härten gelagert, zn denen der Schall der Straste und der Aufschrei der in Not Wegnältennicht dringen. Auch die ersten Dramen („Tersitcs", ..Das Hans am Meer". „Venvandelter Komödizriik") wären anders geivorden, hätte Zweig sie nach dem Kriege geschaffen. In dein „Ersten Erlebnis", seinen frühen Novellen - - „(beschichten ans .Kinderland" nennt er ste . finden mir jedoch schon Züge, die über diese wirklichkeitsferne Welt lnnansdcnten. Es ist ivohl kein Zufall, das; Zweig diese Kinder' acschichten zum ersten Band seines Novellenkreises „Tie Kelle" bestimnit hat. In ihnen ist Wirklichkeit offenbar, hier glimmt, noch verhalten, - bereits die Leidenschaft, die seine späteren Novellen be > bereits Bewegung. Er > ist die Schilderung der! das Zweigsche Werk kennt es nicht, ist ein, den Namen Stefan! geistige Kost in schöne rrscht, liier ist kein Zustand, sonder» iswicklnng gegeben. „Erstes Erlebnis" Menschen, die später. als Erivachfene, gen, „Brennendes. (Hebeiinnis", iver klassische Novelle geivorden und hat Ziveig überall hingetragen. >vo »ui» Form verlangt. tri dit Ulf' ft i Br . Schon im Kriege! Zweig schreibt das Dr symbolisch, Stellung ruft der Dichter zn» Krieges auf, aus dem ans dem Sänger wird inner», ivas es an! fiel Worte fand wie die! zitierten? Welch ei»! zwischen l!»I."> und >! einen Krieger bekennen du nicht unseres Volke Frauen, die meine uni nnd haben wir dieses halte einen Speer, ni Tort unten im D» geschliffen ward, ich ki litz gesehen und die lind ein anderer ivärn jener die Hand, die hat mich nie geschaut Leben." Hätten das Soldaten .im Weltlich „Jeremias" ist nn denn als ein biblische bezug ans die Itriegsz als ein eigentlich bibli Drama der Menschheii wirksame .Kampfansa, Aber es bleibt nicht .Zweig reist unter groch, .wo im Februar 1!>1>! trifft er mit Männex »Frank, Henry Barbni schmalen Insel der V Europa, die praktische Schweiz ans fließen d gleichen (Reifte verbi Länder, von liier ans nnd die verhetzten En Besonnenheit gezwnngiii nn beginnt er nach einem Jahre hindurch ist er gelegentliche Nieder sch voll.'og sich die Wandlung. Stefan rma „Jeremias" nnd »imiut. obschon z ir Wirklichkeit. Mit diesem Draiuck' Protesi gegen den Wahnsinn dcs lyrifchen Dichter wird der politische, der. Rnier:. Kan» man sich noch erhatte. wen» Zweig mitte» im Kriege nachstehend ans dem „Jeremias" Mnt gehörte dazu, in einer Zeit 7, da er an diesem Drama schrieb, zn lassen: „Wer lind die Völker? Bist einer? Bin ich cs nicht, »nd unsere die deine, find die nicht Volkes Teil, Krieges begehrt? Hier stcbe ich und weif; ich, ivider iven ich ihn wende, l »'artet nmnissend der. dem er zn- »ne ihn nicht, nie habe ich sein Antitft,: die ich mit Tod ibm dmrchstollc. t dort unten vielleicht setzt am Lager einen Kindern den Vater stöfst, nnd nd nie Kränkung gehabt von meinem icht auch die Worte des Unbekannten ege sein können! Dieses Drama eshalb immer mehr als ein Zeitstück s erschienen. Seine Smnbolkraft in ,ijit ist so gros;, da» man e->- nicht mehr cheS: Stück bezeich reu kann, es ist ei» , eiste gros; angelegte nnd ivnnderbar e. gegen .Krieg iind 'Blntvergieste». ei Her Niederschrift des „Jeremias". . en Schwierigkeiten nach der 3ctimei >. das! Stück uranfstenihrt wird. Hier » üne Rlstnain Rolland. Leonhard e zusammen, nnd! beginnt gpf dieser .'rnnstft, mitten i>n kriegsdnrchtobten Arbeit für.den Frieden. Von der e Aufrufe nnd Wgrniinge» dieser im kndenjen Männer Zn die streikenden die Friedtinsidee sich dnrchgernngen opä'isr, als es schon zn spät ivar. zur i.! l he l at . I. Nach dem Kriege gebt jZweig nach Salzburg, nnd »nn Zweigs Hauptwerke sind im Fnselvcrlag in Leipzig erschiene». beivnnten Plan stin Werk zn bauen, gereist, was, er schuf, bedeutete eine ... ... -ift. J Jetzt aber, im Anaesicht einer gänzlich veränderten l Leit,! schmiedet er „Die Kette", eben jenen Novellcnkreis, n clcher der Niederschlag ^ines reich und mit offenen Angen gelebte» Lebens bedeutet. Was Zweig in den Jahren vor den .Kriege gesehen.! die Länder, die er durchreist hat, die Menschen, denen er begegnet ist all das nimmt Form an im Werk. Er. schöpft es gleichsam ans dem Staubecken des Erlebten. Sä werden die Jahre nach dem Kriege Arbcitsjab^e, »sie jene vor dem Kriege Wanderjahre gewesen ivaren. Der Krieg chat sein Leben in zwei Hälften geteilt. Die Wirklichkeit hak die miifrieijeten Würfen jener ersten (Hcdichte .«rstört, ist in sie tingedrnngen., Nn» hat das Leben, wie es ist, dys Wort, das stemeine nnd leidenf5TOlkWERCF( Kakao Schokolade l Pralinen.