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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden · 1929-11-01 · 11 (11.1929) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
Volume
5 (1929)
Issue
11 (11.1929)
Date
1929-11-01
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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* Nr. 11_Gemeindeblatt der Israelitische, Baron-Hirsch-Stiftung, welche sämtliche Allianz-Schulen übernahm und 8 neue schulen in demselben Jahre gründete. Ich wurde mit der Gründung und Leitung der schule in Rawa- Ruska (der Ltadt, die im Weltkriege oft genannt winde) betraut. Ter Lrt hatte 10 IHM) Einlvohner und liegt in der . - orthodoxesten liegend Galiziens. Eine halbe stunde davon entfernt ist Belz, die Residenz des bekannten Wunderrabbis. 4 Ich umr also dazu ausersehen, in dieses Neuland europäische Bildung zu tragen. Tie Bevölkerung verhielt sich zunächst ganz ablehnend, .nein Jude durste uns, auf Veranlassung des Wunderrabbis, ei» Lokal für die schule vermieten. Nach langem Tuchen gelang es uns doch, ein solches bei fabelhafter Bezahlung zu finden. Ter Jude, der uns behilflich war, ivnrde für diese „schändliche Tat" unter Eherim gestellt, das heißt mit Bann belegt. »teilt Jude durste ihm die Hand geben, das Bethaus ivar für jhn verschlossen, und er durste auch an keiner ivie immer gearteten Ieier teilnehmen, Er >var aus der Iudenschaft ausgestoßen, da ja durch seine Tat lauter Apikorsim, d. h. Abtrünnige, erzogen werden sollten. Nun sollte an die Einrichtung der schule geschritten werden. »teil« jüdischer Handwerker wollte '* den Auftrag cntgcgennehnieu. Ein Tischler, der die schulbänke ustv. aniertigen sollte, sagte mir: „Herr Tirektor, was «vollen sie von uns? Wir brauchen keine schule! Wir leben und existieren schon so viele Jahre ohne schule. Unser Trafikant kann lesen und schreiben und besorgt uns alles, was wir brauchen, und das genügt uns vollkonimen. Unsere »linder «verden bloß zu ,05 o j i m‘ werden." Tie Bestellung lehnte er glatt ab. Ich mußte also die nötigen Arbeiten durch christliche -Handwerker Herstellen lasten. Es «vurde mit den unglaublichsten Mitteln gegen uns gearbeitet. Ich habe in ineincm Leben nie geraucht. Trotzdem wurden Nor Schulbeginn in de» Bcthäuseru Plakate ausgehängt, die die Eltern davor warnen sollten, ihre »linder in die Baron-Hirsch-Sctmle zu schicken, und als besonders vcnverfliches Beispiel dafiir angegeben, daß der ' „Tirektor" am Schabbes rauchend über die Straße gebe. Tie Bevölkerung selbst machte einen direkt verwilderten Eindruck. Tie 'Juden trugen noch ihre großen Zobelinntzen, «veiße Hosen und statt der Stiefel Pantoffel. Wir ziveiseltcn, ob «vir hier überhaupt Erfolg erzielen würden. Herr Tr. Iriedländer blieb über die Einschreibung am. Ort. Ain 27. August 1892 sollte diese beginnen. Von 1000 Ichulpilichtigen »lindern brachte keine Mutter, kein Pater sein .>tind zur schule. Es verging ein Tag, es vergingen zivei Tage, da sagten «vir zu unserem schuldiener, der es geivagt hatte, diesen Posten anzunehmen: „Hören sic, «venu sie bedürftige Eltern kennen, die schulpflichtige »linder haben, so versprechen sie diesen, falls sie ihr »lind zur schule bringen, bekomme jeder Pater ein viertel Jahr jeden Tonnerstag 3 Gulden für n ReligionSgemeinde^DreSden _ Seite 7 schabbes." Zwölf Bäte«! brachten unter dieser Bedingung den Mut aus, ihre »linde! einschreiben zu lasten, sie wurden für diese gottlose Tat aucp in den „Ebcrini" getan. Ich wagte mich 0 Monate lang abends nicht allein ans die Straße. Langsam legten sich die Wogen. Tic Zahl der Schüler^ wuchs" auf 38. Aie »linder erhielten unentgeltlich Bücher, Schreibutensilien, »tleidungsslücke, «vie Mäntel, Schube und ' dergleichen. Auch einc'»lüchc «vurde errichtet, und jedes »lind bekam suppe, Ileifch uns» ein viertel Brot. Ein Jahr verging, dip Schüler machten schöne Fortschritte, und schon im zweite» Schnljabr kam der Schulzivang. 47» neue Schüler «vurde» eingeschrieben, und 3?> in die 2. »tlaste ver! setzt. Bezeichnend ist folgende kleine Episode. Gegenüber der Schule »vphnte ein Jude. Eines Tages hörte ich lautes Schluchzen und Weinen. Ich fragte den vor dem Haufe stehenden Alten, was geschehen sei. Er erzählte, daß sein 7jähriges Enkelkind gestorben fei. j Ich bedauerte dies sehr, «voraus er mir erwiderte: So schmerzlich er auch sei, so freue er sich darüber, daß wir nun doch nicht das »lind zivingen können, in die Baron-Hirfch-Schnle zu gehen, Ein anderer Jude, ein ganz großer Fanatiker, der leine ganze Zeit beim Rabbi verbrachte. wurde aufgefordert. seinen lljährigen Jungen zur Schule zl« schicken. . Er wollte natürlich nichts davon hören. Ter Junge selbst bat itni därun«, «voraus ihm der Pater antwortete: Was »villst du? Willst du ein Tr. Bcrnscld oder ein Tr. Legal oder gar her-Tirektor der Baron-Hirich-Schule «verden?, Tas «varcn die schlimmsten Zukunitsallsfichte», die er ihm' damit stellen konnte. Tiefer Pater war derart fanatisch, daß er kurz daraus, als die Tochter des Belzer :>iabbis heiratete^ aus lauter Irende hierüber auf das Tach des Bet Hauses stieg, »«» dort zu! tanzen, , Er fiel aber dabei herunter und mußte fchiververletzt ins »i ranken Haus gebracht «verden, >vo er einige Monate liegen «mißte. Während dieser Zeit schrieb die Mutter den Jungen doch in die Schule ein, und dieser wurde einer unser begabtesten und talentierteste» Schiller. - '' Trotz großen Schwierigkeiten arbeiteten "wir «veiier. Wir machten es uns zur ganz besonderen Pflicht, die »linder zur Reinlichkeit anzuhaltcn.7 Es «vurde täglich kontrolliert, ob sie ordentlich geivaschen stnd mit sauberen Schuhen und »tleidern zur Schule kameii. Tie armen »ileinen batten viel darunter zu leiden, denn vom Haust: «vurde das ja gar nicht, gestattet, da so etwas zur Heiligung des Schabbes nur einmal in der Woche, an« Ireitag, gemacht «verden sollte. Wenn die Jungen nun mit ihren, sauberen Stieseln früh ins Betbaus käme», wurden sic von bei« Ehassidiin verhöhnt und «Nit den Schimpsivorten: „Seht euch de» Tirektor an" empsangen. Trotzdem konnten «vir stber doch mit Gcnugtunng sestsreUen. daß «vir Fortschritte machten. Unsere Schule stand unter «tändiger Aussicht der k. k.. Bezirksschulinspektion. Nach . jeder 2 Weil sie immer gufisf. ■III KORSO III Z > G A RETTE *

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