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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden · 1929-11-01 · 11 (11.1929) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
Volume
5 (1929)
Issue
11 (11.1929)
Date
1929-11-01
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Yr." Temeindeblatt der Israelitischen Religion-gemeinde Dresden Seite 8 Edmond Flog Von Ludwig B a t 6 Schlendert inan an einem milden, duftenden Arühlingsadend, von bnntcm, wogendem Menschengewühl gedrängt und getrieben durch die breite», lichtiiberflutetcu Boulevards, an dichtbesetzten Cafes vorbei, wähnt man, die .Hand an dxn raschen, fieberhaften Pulsschlag einer fröhlichen, leichtbeschwingten Welt gelegt, ihren brodelnd Heiden Ldem im (Besicht verspürt zu haben. Paris! Auch der sich mit aller (Ycwalt Sträubende kann sich deinem magischen Zauber, der jeden Besucher in seinen Bannkreis zwingt, nicht entziehen. (kommt man dann in diesem atembeklcmnicnden Trubel allmählich zur Besinnung und sucht an einem Easctischchen, noch ganz berauscht vom Gesehenen und Erlebten, seine Gedanken ruhig zu ordnen, da taucht im jüdischen Menschen die Arage aus: „Wo ist hier Judentum? Gibt cS in dieser Metropole, die den Menschen betäubt und in der sich die Völker der Erde Stelldichein geben, jüdisches siebe«, Menschen, die jüdisch denken und fühlend" Ich lasse die Jahrliundcrte im Hinge an mir vorbeigleiten: Paris, eine alte jüdische Siedlupg, genießt schon im Mittel alter hohes Anseben in der ganzen Diaspora. Der jüdische Marco Polo. Benjamin aus Tndela, berichtet am Ende seiner Wettfahrt 1173, in Paris eine Schar berühmter Männer, bockigelabrt im jüdischen Wissen, die „sich Tag und Nacht mit der Thora befassen", vorgcfundc» zu liade». Und in der Tat bat diese Stadt eine führende Bolle in der geistigen Welt der Jndenhcit inne. Bedeutende Rabbinen in deutschen Landen, ivie Rabbi Mcir aus Rothenburglind Rabbi Baruch bcn Meir aus Wien sitzen in ihrer Jugend' zu Aüßen der Meister in Paris. Tann erhellen blutrot dghinlcuchtendc flammen den Horizont der Stadt; sechzehn Wagen voller Thora- und Talmudhandschriften werden öffentlich verbrannt. Wieviel Roheit und Barbarei steckt nur in dieser Tat! Nach den Büchern kommen alsdann die Menschen dran: im Jahre 180ti werden die Juden samt und sonders aus Frankreich vertrieben. Erst nach fünfhundert Jahren öffnet die Revolution der Judenschaft wieder die Tore von Paris,^ das von nettem ein wichtiger Punkt der jüdischen Diaspora wird. Den erstell Auftakt zum neunzehnten Jahrhundert, das in seinen jüdischen (Geschehnissen so abwechslungsreich ist wie eine Berg- und Talbahn, gibt das von Napoleon eingesetzte Slinhedrion. Es bedeutet eine Niederluig. denn es lägt an knechtischem Sinne und Preisgabe des jüdischen Bolkstums und seiner Hoffnungen wohl nichts zu wünschen übrig. Dann der Aufstieg: die aus einem starken Gefühl der Zusammengehörigkeit emporgeivachsene Alliance Jsraelite, die in ihren ersten Jahrzehnten Ausgezeichnetes leistet. Hernach tritt wieder die Assimilation in ihre Reckte, in deren Taumel Israel ganze (^schlechter entgleiten. ~ t. Aber immer wieder erstehen Männer, die das Judentum auf ihr Panier geschrieben haben: Salomon Munk» Albert Eohn, Zadok .(tahn, Beruard Lazare, Mar Nordau. Andre Spire und viele andere mehr. Djer Philanthrop Baron Hirsch streckt von Paris aus seine hilfreichen tflrme leidenden Inden entgegen und der Aufbau der neuen jüdischen Heimat in Palästina ist für ewige Zeiten mit dem Nanien Edmond Rothschilds irr Paris verbunden. Nach dem Weltkriege zieht die Stadt an der. Seine eine große Anzahl heimatlos gewordener Lstjuden an, die wie überall in ihren neuen .Heimstätten — and, in Paris dein jüdischen Leben neue starke Impulse gebe». Insbesondere ist es die jüdische Jugendbewegung, die in schwesterlicher' Eintracht mit der jüdischen Studentenbeivegung von hier ausgebt und nunmehr ganz Europa mit ihrem Netze überspannt. Wandert man durch die Städt, auf der Suche nach de» Spuren jüdischen Lebens, da bewundert man die schöne, imposante Baukunst der Synagogen in der Rue de la Bictoire und in der Rue Bufsault. Wärmer wird einem ums Hetz, wenn man in der Nähe des Louvre in die alte Judenstadt' gerät, in der die Lstjuden ihre Zelte aufgeschlagen haben. Ta begegnet man noch braven jüdischen Baale-batim vom alten Schlag, da wird noch im Bet-hamidrasch gelernt, in den Speise- Häusern werden „Boulkes ä la fromage" auigetragen, kurz und gut das ganze Leben atmet noch so reckst die Stimmung der jüdischen Siedlung, erhellt vom, Abglanz der Jjidischkeit. Dieses Ghetto bat auch eine Filiale iu der Näbe der Rue La Aayette, der aber die innere Geschlossenheit fehlt. Mau merkt ihr sofort die unorganische Eingekeiltbeit in eine fremde Um gebung an. Ich glaube"'an eine jüdische Seele, Gott t)auckit sie oft irgendwo, in einem fernen Laude, weit weg von jüdische» Siedlungen in jüdische Menschen ein. llnd die jüdische seele ergreiit nach lxirtem (tampfe Besitz van de» jüdische» Mensche», die da»» - ivie es iu der jüdischen Sage von de» bösen Engeln beißt - gegen ibren Willen „Amen!" rufen. Eine jüdische Seele bat auch der Dichter E d m o » d I l c g. der Israel mit Ebren iu der französischen literarischen Welt vertritt. Seine Wiege stand nickst weit weg im Ssten, nein, er kam aus Gent, einer Stadt, deren Einwobner stets als ultra gallisch galten. Allerdings gab ihm, das Elterpbaus gute jüdische Traditio» als geistige» Proviant mit auf den Weg, Das allein batte ilm aber nickst bindern köiine», de» Weg einznschlage». de» seit der' iranzösiscbe» Revolution vier jüdische Generationen vor ihm gegangen sind. Nun bat aber die jüdische Seele in Edmond Jleg den Sieg davongetragen und sein dichterisches Sckiaffeu für die Jolge entscheidend beeinflußt. In inniger Berknüpftlieit mit dem Judentum, bebandelt er in der Mehrzabl seiner Werke jüdische Stoffe. Auch sein jüngstes Werk iist,dem Judentum und seinem Sein und Werden gewidmet! Lebendig und ansck>iulich, oft ergreifend und erschütternd schildert er iu diesem kleinen, aber reichen Bekenutnisbuckie („lrourquoi je suis Juif"*) feinen jüdischen Werdegang. Er führt uns in seine aus dem Elsaß stammende und noch von den Reiten der an den Genfer See mitgcbrachtcn jüdischen Tradition zebrende Jamilie ein. Da . ist vor allem der Bater, der dem Jndentui» treu ergeben ist und oft, auch des Nachts, in hebräischen Büchern liest, wobei er ausrnft: „C’est.si bcau!" Aber der junge Edmond glaubt es nicht,, er lebt im Zireise französischer (kultur. für ihn lkit das jüdische Schrifttum keinen Reiz. Er entschreitet denn auch allmählich dem Judentum, das, durch Unwürdige vertrete», seiner jugendlichen, empsangbereiteu Seele nichts zu geben vermag. Und betritt Wege, die ihn dem angestammten Volkstum immer mehr entfernen. Aber feine Seele dürstet nach Wahrheit, nach Trost. Auf der Suche glaubt er beide in dem (Rauben an Jesus Ebristus geiundc» zu haben. Dann kommt' die Sturm- und Drangpöriodc des jungen Menschen, er lernt die Philosophen kennen, vertieft sich in die Werke von Spencer und Auguste Eomte, und verliert, schließlich seinen Glauben an Gott. Der junge Jleg fühlt .sich entwurzelt. „Ich habe die Bräuche und Satzungen meiner Aamilie verlassen. Ich habe ibren ('Bott verworfen. Und siebe da, es verstummte in mir die tiefste Stimme meiner Rasse." Und dann vollzieht sich das Wunder: der Abwegige findet sich zum Judentum zurück, auf den Abstieg folgt das Emporklimmeu zu Israels Höben. Die treibende (traft hierbei ist .dasselbe Ereignis wie bei Theodor Herzl: der Dreyfus-Prozeß. Das dem .Hauptmann der französischen Armee als Juden zngefügtc Unrecht, die ihm angetane Schmach, die Hetze der judcnfeindlicheu Mente entfachen die tief unter der Asche schlummernde Glut zu lielloderuber Alamme: die jüdische Seele bahnt sich den Weg zum Herzen des Dichters. Er be juckst den Zionistenkougreß in Basel, bebendeiuHcrzcns. nebcr Imft widmet er sich dem Studium der geistigen Werte des Judentums, indem er mit allen Aasern seines Herzens die Antwort auf immer neu auf ihn ^einstürmende Aragen sucht: „Was ist daS Judentum? Was soll der Jude tun? Wie soll man Jude sein? Warum soll man Jude sein?" * Deutsch unter dein Titel „Warum ich Jude bin" im A,iloverlag, Berlin, übersetzt von Mimi Zuckerkand!.

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