Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 9 (9.1929)
- Date
- 1929-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 9 Gemeindebkatt der Isra ekittsch;n ReligionSg« meinde Dresden Wie Moses Mendelssohn sich fßr die Im Jahre 1777 sollten eine größere Zahl Juden mir Dresden ausgewiesen werden. In ihrer Not suchten sie untei der Fürsprache Moses Mendelssohns um fernere Tulduiis nach. Dieser schrieb am 19. Noveniber 1777 aus Hannove, an den Geheimen Kammerrat von Ferber in Dresden. Baron von Ferber. Vizedirektor der kurfürstlichen Kommerzdepu tation in Dresden, hatte im Jahre 1776 Mendelssohns persönliche .Bekanntschüft gemacht. Der Brief lautet folgendermaßen: --In der äußersten Bestürzung und Niedergeschlagenheit, darin ich mich befinde, wage ich es ,mit dem kindlichen Vertrauen zu Ahnen, großmüthigcr Menschenfreund! meine Zuflucht zu nehmen und mit der innigsten Wehmuth um ihren hülfrcjchcn Beistand zu flehen. (Gnädiger Herr! Ich vernehme mit der lebten Post, daß viele Hunderte meiner Mitbürger aus Dresden vertrieben werde» ' sollen. Unter denselben befindest sich so Manche, die ich persönlich kenne, von deren Rechtschaffenheit ich überfiihrt bin, die zwar vom Vermöge» abgckommen und vielleicht nicht im Stande sind, die ihnen auferlegten Lasten zu trage»; die aber sicherlich nicht durch Verschulden, nicht durch Verschwendung und Faulheit, sondern durch Unglücksfälle so weit heruntergekommen sind. Gütiger, allwoh!- thätigcr Vater! wo solle» diese Elenden mit ihren schuldlosen Weibern und Kindern hin? wo Schuh und Schirm finden? wenn Moses Mendelssohn Von Or. M. a a v s e r In dem Leben und der Charakteristik Moses Mendelssohns, so ausführlich sie auch dargestellt sind, ist doch eine Seite bisher un berücksichtigt geblieben, nämlich sein Verhältnis, zu seinen Verwandten, zu seiner Schwiegermutter, seinen Schwägern und seinen Schwägerinnen. In seinen gedruckten Briefen geschieht der Verwandten nur selten Erwähnung, desto öfter aber in den in meinem Besitz befindlichen handschriftlichen Briefen an Jcheph Master, der ein naher Verwandter der Frau Abraham Gugenheim, der Schwiegermutter Mendelssohns, war und in Hamburg bei ihr wohnte. Moses Mendelssohn sah bei der Wahl seiner Lebensgefährtin bekanntlich nicht auf Vermögen, er heiratete aus Neigung. Durch Vermittlung des Doktor Gumpertz, seines Lehrers, lernte er die anmutige Fromct Gugenheim in Hamburg kennen'und „verliebte sich", wie er nach der Rückkehr von seiner Verlobung seinem Freunde Lessing schrieb. Ahron Salomo» Gumpertz, nach scistem Großvater Elia aus Emmerich, dem Agenten des Großen Kurfürsten, auch Emmerich genannt, ist der in einem Briefe Mendelssohns an seine Braut erwähnte Red Salomo» Emmerich, dem der glückliche Bräutigam die Vollmacht erteilte, sich ihr gegenüber alles das zu unterstehen, was er sich selbst bei seinem Dortsein unterstanden hat. Dieser Doktor Gumpertz, der Mendelssohn in die Philosophie eingcführt, mit mehreren Mitgliedern der Berliner Akademie der Wissenschaften und Lessing bekannt gemacht, seine Lebensstellung und sein häusliches Glück begründet hatte.' wird von Mendelssohn nurnoch einmal, und zwar in dem kurzen Lebcnsabriß erwähnt, welchen er Johann Jacob Spieß aus dessen Wunsch geschickt hat. Gumpertz hatte sich in reiferen Jahren mit einer Freundin Fromct Gugcnheims verheiratet und war in seiner Torheit unerträglich geworden. „Wenn gesunde Leute unerträglich sind", heißt es in einem Briefe Mendelssohns an Joseph Master vom 12. November 1768, „so hat man sehr Recht, sie ihrer Torheit zu überlassen." „Es war", fährt Mendelssohn fort, „nach meiner Ansicht fcijt kleiner Fehler von dem Doktor, daß er den Sommer in warmen und den Winter in kalten Gegenden sich aufhält. Diese schnelle Veränderung der Lust hat ihm notwendig die Krankheit zuziehcn müssen, die ihn jetzt quält. Verlassen Sie ihn sticht, liebe R. Jospe, in seinem Elend und noch weniger seine gute Frau, der cs von dem Geräusch der Stadt Paris noch immer vor den Ohren brausen soll. Ertragen Sie seine Grillen und ihre Schwachheiten." > Doktor Gumpertz und Frau Coten gaben dem jungen Mendelssöhnschen Ehepaare bald reichlichen Stoff in ihrer Korrespondenz mit Joseph Mayer. Die Nachricht von dem Hinscheiden seines Lehrers und ältesten Freundes erhielt Mendelssohn in Leipzig, wo er zum Besuch der Messe war und sich „ziemlich divertirt" hatte. Bald nach seiner Rückkehr schrieb er Joseph Master im April 1769: „Unser R. Ahron hat sich wirklich davon gemacht'. Ich habe es in Leipzig erfahren, und ob ich ihm gleich wahrhaftig ein Freund war, so bin ich den- 1 Gumpertz, dessen Todestag nirgends angegeben (Graetz, Geschichte der Juden XI, 6: st. um 1770), starb Ende'März oder Anfang April 1769. Dresdner Gemeinde einsetzte bei I G:e ötia I das La i ausschle Strafe: von jeder der ' lst'hung, glück v Armuth enthalte Mensches« uv r de n meiner Regier» weiser zu befüisch Sitte u dqch ve schützet Sie ruhig, gleichwohl achtung gesamin, S. 544). v, in welchem sie um ihr Vermögen gekommen sind, sie ehidert? Das Vertreiben ist für einen Inden die härteste mehr als bloße Landesverweisung, gleichsam Vertilgung Erdboden Gottes, auf welchem das Vorurtheil ihn von enzc, mit bewaffneter Hand zurückweist.- Und diese härteste ,fen sollen Menschenkinder leiden ohne Schuld und Ver- , bloS weil sie anderen Grundsätzen zugethan und duräi Unqrarmt sind? Und der Israelit soll ehrlich sei», an dem so hart als Unehrlichkeit lieftraft wird?,— Nein! Ich mich aller weiteren Betrachtungen, um das Herz deS freundes izu schonen, welches dadurch zu sehr' verwunde« würde. Ich hatte noch Hoffnung, gegründete, und in Herzensangst auch noch tröstende Hoffnung. Unter der ig de» bejjten liebevollsten Fürsten, unter der Verwaltung, Menschenfreunde kann unmöglich Strafe ohne Verbrechen ichten scinj kann der schuldlose» Armuth in welcher Genali. iib Religion sie sich einfindet, nicht Fcner, Waner und Hbsagt werden. Vergeben Sie. verehtungSwürdigner Beier Unschuld! wenn ich nicht sp an Sie schreibe, wie. ich ai. 'ben solltf. Mein Herz ist so voll, mein Gemülh so un keincr überlegenden Fassung fähig. Ich bin mir abev völlig bewußt, .mit welcher Ehrerbietung und Hochich bin u. s. w. Moses Mendelssohn." >MoseS Mendelssohn lte Schriften, Leipzig, F. A. BrockhauS 1814, Band V schrei und und glaubwü schaffen. würde. ihm weg gemacht? Das nach des» vergessen kannten. war verli wünsche glück soll Ansehen?cttc 7 feine Verwandten 1 i n g noch nicht sonderlich erschrocken. Die Umstände - waren, wie mir jchige Männer erzählen, schon seit einigen Jahren so bedaß er nyr zu seiner eigenen Plage länger gelebt haben Ich verdanke es niemandem. der ihn nicht liebt, denn seine Aufführung jvar zuletzt nicht liebenswert. Man pflegt den Schauspieler nach der letzten Tiradc-, die er hcrsagt, zu beurteilen. ihn hassen, tun wirklich Unrqcht. Sein!menschenfeindliches Wöscn entsprang mehr aus der .Krankheit des Körpers als aus Bos seit des Herzens. Ein Mensch ohne Lunge kann schwer- . lich liebreich sein. Tie gute Friebche hat wohl ziemlich Gelegenheit gehgbt, sich in der Geduld zu übrn. Ich habe ihr noch nicht welches zwar unrecht ist, allein unter uns, ich weiß nicht reckit, welchen Ton ich anschlagen soll! Sie trösten zu wollen, scheint mir lächerlich, und gleichwohl fühle ich als Freund so etwas, nicht gle chgültig bleiben läßt. Melden Sie mir doch,« wund, ob! er viele Manuskripte hinterlasien. Vielleicht schickt Mgdame mip selbige zu, und ich lasse etwas davon drucken. ihr verdient er diese Aufmcrksamkejt, und es schade, wenn so alle seine Wissenschaften mit gestorben stin sollten. Wird von seine» Büchern Auktion Als Wohltäter 'von wäre doch wirklich gute Friebchcn" kümmerte sich aber sehr wenig um die Manuskripte ihres verstorbenen Gatten. Schon wenige Monat n Tode haste sic den Manu,,,der 'sic reich gemacht hatte'" und dachte zum lischt geringen Erstaunen aller, die sie an eine Wiedcrverchelichnng, Alle Vorstellungen ihrer Mutter und Freund;bt. „Was bliebe» ohne Erfolg. Das „gute Friebchcn" Vadaine ihre Entschließungen betrifft", schreibt Mendelss ihn, den 24. 'September 1769 an Joseph Mayer, ch vom Herzen, daß sie R. Ahron nickt zu ihrem Unreich gemacht haben. Ick kgnne Joseph W. weder dem noch den Ilmständen nach; was mir von ihni erzählt worden, nacht mir aber keinen sonderlichen Begriff von ihm. Was mir aber herzlich mißfällt, sind die Kunstgriffe, deren man sich bedient Hit, diese gute Frau ins Garn zn ziehen. Dergleichen Manöver sind zu gelehrt. Ich Halle mein Urteil indessen zurück, denn es möchte zu Hitler ausfallen. Ich will licl>cr glauben, daß ch nicht lion allen slmständcn unterrichtet bin. sie, mein liebet Freund, lurbcn wie! ein wahrer rechtschaffener Mann gehandelt, laß Sie ohne Scheu ihr die. Wahrheit gesagt haben, und vornehmlich, daß Tie ihr-den Mangel der Hochachtung gegen ihre »lte Mutter so nachdrücklich verwiesen. Die gute Friebche» wird :s, furcht. ich. bald erfahren, was für Unglück cs sei, die Liebe iner Mu ter verloren zu haben, und wie unschätzbar ein Freund ei, der uns vor einc m solchen Fehltritt warnt. Ihre Ausführung n diesem Falle, mein liebkr Freund. macht Ihnen in den Augen :ines jeden rechtscha fenen Mannes wirklich Ehre, und die W... selbst mü sen Jhner Gerechtigkeit widerfahren lasse,?, wenn sie steich, vor Eigenliebe geblendet, anders urteilen möchten. Doch »enug hiervon. Ich glaube, die Sache wird gehen; Freunde und Familie nögen saget, was sic wollen, denn meines Erachtens hat 2 Die!)ehäuptniik, daß Gumpertz reich geheiratet habe (Schweiler Briefe I, 91), bnruht auf einem Irrtum.