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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden · 1929-05-01 · 5 (5.1929) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
Volume
5 (1929)
Issue
5 (5.1929)
Date
1929-05-01
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
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-Seite 10 Gemeindeblatt der Israeli iscken Religionsgemeinde Dresden Nr. 5 Das russische Iudenproblem Von Tr . Trr Antisemitismus Als ich kstirch die ruffifcfic Steppe fuhr und die jiii ifd>cn Kolonien verstreut zivisckien den russischen Bauerndörfer r sah, ergab sich mir wm selbst die Frage: „Wie steht eigentlich der runjsclte Bauer seelisch zu dein jüdisckx'n .itolouisatiouslvcrk? Welckte Empfindungen löst es in ibiu aus?" Oder gluauer sormulierl: „Lagt er. der iiuiuer erdhungrig ist und > ie geling Land bekoniiuen kann, sich nicht: Hier nimmt mm, mir meine Erde und gibt sie dem Juden?, Einpsiudet r die jüdische Zioloimatiou nicht als einen Raub, und ist die Folge nicht neues Haßgefühl gegen den jüdischen Kolonisten' " Tiese Frage verstärkte sich in mir. als ich in der llkrc ine in die Gegenden kam. lvo vor etwa zehn Jahren der Bai ditcnbünvtling Machnb gebaufl hatte. Wir hielten in der < teppe.. Meine Begleiter machten mich daraus ausmerksam, laß an dieser Stelle noch vor zebn Jahren jüdische Bauernsied nngen gestanden. Nichts, nxis jetzt daran erinnerte. Nicht inmal Ruinen oder Trümmer. Ltepveugras, io iveit das Auge reicht. Mit meinen Händen mutzte ich einen Stein hervorgrab >n, der davon Zeugnis ablegte, daß bier einst -Häuser.gestand, n und jüdiickte Meuickieu gcnedelt batten, die man abgesc »lachtet batte. alt,nitö jung. Mann und Weib. Ein grasbenx chscner kleiner Hügel nur unterbricht die ebene Gleichmäßig!'it der Fläche. Unter ihm nrben die ^Aschenreste der letzten Ueberlebenden. siebzehn an der Zahl, die, dem Massaker entronnen, eingeschlossen und letx'ndig verbrannt ivordcn wäre,. I s in a r freund III* o» Fa. Franz Horn Dresden - A. 24 fuhrt- Leubnitzer Str 3 Djthdedcungsarbeilen jeder Art Telephon 43917 Asplialtierungs* u. 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Ick batte geglaubt, hier inüsse sich g, >viß das. „Hemd des' Glücklichen" finden. Ich fragte ihn , nd seine Frau: „Wie fühlt Ihr euch?" Tie Anüvort ,va " „Im Golus". Und sie fuhren fort: „Wissen wir denn, nie lange wir hier rmseres Lebens sicher sind?" Ter Mann aatte am >trieg als russischer Soldat teilgenominen, war in Kriegsgcfangensck»aft geraten, hatte in Tentschlairh »nd Ui garn als Landarbeiter gedient und war dann in die heimatliche Siedlung in der Ukraine zurückgekehrt. Sie lag nicht wei: entfernt von der, die ich eben erwähnte..Auch sie war von der Machno * Siehe Januar- und Februarnummer des Gemeirdeblattes. fSTOItWERO( Banden überfallen worden. Schon uhu der größte Teil der Siedler abgeschlachtet ivordcn, sckfon ivaren die letzten, zu denen auch ilnser Bauer gehörte, an die Wand gestellt worden, als im letzten Augenblick von irgendeiner Stelle ein Gegenbefehl gekommen ivar. Man hatte sie laufen-lassen und sich neuen Opfern zugeivaudt. Tie Erinnerung an diese Vergangenheit liegt ivie ein Sckfattcn über dem Manne und läßt chn der behaglichen (^egemvart nicht froh werben. Tas Erlebnis bestimmt seine seclisckfe Verfassung. Es gibt aber über den Einzelfall hinaus zu denken. Es drängt zu der oben aufgcworsencn Frage: „Wie" steht der russische Bauer z» den Tingcn!" Ick» nmrf diese Frage in einer Kolonie ans im Gespräch niit den Leuten. Ein junger jüdischer Bauer meldete sich und wies ein ärztliäies Attest vor über sckKvere Mißhandlungen,. die er erfahren hatte. Tie Zbuh eines Russen aus einem Nackchardorf ,var in ein jüdisäies Feld gekommen. Ter jüdische Bauer I>nttc sie zu versckfettchen gesucht. Als Antivort ivar der Russe mit einem Knüppel über ihn bcrgefallen und hatte ihn niedergeschlagen. Ich fragte: „Was habt ihr in der Sache getan?" Antivort: „Man bat sie dem Volksgcricht überi geben." „Und mit welckfcm Erfolge?" „Bisher mit keincm. j Es ist noch nichts in der Sache geschehen." Tarauf meldete sich ein Agronom zum Wort und berichtete: Schon einmal sei I ein Erzeß eines ruisisäfen Bauern gegen Juden vorgekommen. Tie Angelegenheit sei verfolgt und der Bauer der eremplarischcn Strafe' von vier Jahren Gefängnis verurteilt worden. Ich erzählte d<is Erlebnis einer Tamc der alten! russischen Gesellschaft, mit der ich mich, um die Ansckfanungen! auch, dieser .streife kennenznlernen, über die Judenfrage I unterhielt. Sie antwortete mir:' „Ein Unglück für die Juden, i beim für den - russische» Bauer äst die Folge lediglich die Empfindung. Run ja, weil er einen Juden geschlagen, hat man den Bauer io hart gestraft. -Hätte es sich um einen Russen gehandelt, so hätte man ihn laufen lassen." Sie erzählte Iveitcr von einer Mitteilung, die ihren Weg durch die Presse geniuden. Tie russischen Bauern hätten Beschiverde führend gefragt: „Warum gibt man den Juden die Erde in der Krim und schickt den russischen Bauer nach Sibirien?" Man habe ihnen geantivortet: „Ter Jude stammt aus dem Orient und ist das heiße Klima gewohnt, für ihn ist darnm die Krim besser." Tie Bauern lmtten darauf erwidert: „Auch den Russen ist das ivarnie .Stlinta angenehm." All dies erwähnte ich im Gespräch mit dem Präsidenten des Komzet, Herrn Sinidoivitsch, mit der Frage, ob nicht mit A»sbrüchen des -Hasses bei den Bauern zu rechnen sei, die eilte Gefahr für die jüdischen Kolonisten bedeuten. Herr Smidowitsch hielt dieie Besorgnis für unbegründet. Ter frühere Haß der russischen Bauern gegen die Judei, habe seinen Grund in der Verschiedenartigkeit der Berufe gehabt. Ter ruffifdje Bauer habe in dem Juden den -Händler »md Ausbeuter gesehen, der ihin seine Ernte für billiges Geld abgcnonimen habe, um ihm Ware für teures Weib dafür anzuhängen. Mit dem Augen- --blick, wo der Russe sehe, daß der Jude Bauer sei wie er selbst, daß er sich quälen müsse wie er selbst, daß er' unter gleichen Bedingungen wie er im Schweiße seines Angesichts sein Brot sich verdienen müsse, iverde auch der Haß von selbst sich ver? lieren. Tazu komme die systematische Aufklärungsarbeit, von der segensreiche Wirkungen zu erwarten seien. Im übrigen wisse der Bauer ganz genau, daß die Erde der ftrim, die man den Juden überlassen habe, alles andre als besonders gut sei. Wärt sie das gewesen, so hätte sie. schon längst Liebhaber gefunden. Grund zum Neide liege also für den russischen Bauern nicht vor. Kakao Schokolade I Pralinen.

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