Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 3 (3.1929)
- Date
- 1929-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
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Mitteilungsblatt des Sächsischen israelitischen Gemeindeverbandes Vnantw«<HSchnstlei<ung:BüroblrettorL.Ploemacher, Dresden Verlag: IsraelitischeReligion«!gemeinde,Dresden » Druck- Kaden D Comp..DreSden-A. März ^929 - Gellert und die Ostjuden auf der Messe Von Tr. S r i Soeben ist etn interessanter Beitrag zur Geschichte der Juden tn Sachsen als Leipziger Dissertation im Druck erschienen. Der Berfaffer ist Tr. K r t b tkölbsch, der Sohn des im vorigen Jabre verstorbenen Dresdner Generalkuverintendenten. Die Dissertation, die Lurkachsen und die Juden in der Zeit des Grasen Brübl bebandelt. ist mit Unterstützung der Dr^Iakob-Wtnier- Stistung sowie des Sächsischen israelitischen Gemetnde» verbandes gedruckt worden. Da» Buch ist »um Preise van S M. im Israelitischen Gemeindeamt zu Dresden. Ieugbausftr. 8, zu baben. Tie Bedaktian. In der Mitte des 18. Jahrhunderts hält der Leipziger Mcßjude, »nd zwar besonders der östlickie, seinen Einzug in die deutsche Literatur. 1747 erscheint Christian Fürchtegott (Yellerts Roman „Leben der schwedischen Gräfin von (st . . in zwei Teilen. Jni zweiten Teil spielt ein polnisclicr Jude eine sehr wichtige und günstige Rolle, zusaininen mit seinen Staininesgenossen. ' Zlvar fällt kein Wort von Leipzig und der Messe. Aber ivo sollte denn Gellert, der aus Lachsen, kaum herausgckommen ist und 1747 seit 7 Jahren in Leipzig lebt, die polnisck-en Juden sonst kennengelcrnt haben, wenn nicht auf der Messe? In der Tat passen alle Einzelheiten znni Typus der Meß juden aus dem Osten. „Sein grauer Bart imd sein langer polnischer Pelz gaben ibm ein recht ehrwürdiges Aus'ehen." In der Nähe von Tobdlsk, wo er als russischer' striegsgefangencr auf Zobel ausgehen muß, lernt ihn der schwedische Graf kennen. Er rettet hier den Jilden aus dem Schnee, in dem der, mit dem Pferd hineingefallen, fast schon erfroren lvar. Der J««de scheint also Pelzhändler zu sein. Er hat seine Heimat in Polen und kommt nach Sibirien nur um seines Geschäftes willen. Ebenso reisen mehrere Moskauer Juden nach Tobolsk. Andre Juden haben dort ihren ständigen Wohnsitz und dienen den polnisch-russischen Juden als Korrespondenten. Anderseits reist der polnische Jude auch in (stesck-ästei« »«ach Livland. Dänemark und Amsterdam. Wie von den weitausgreifenden internationalen Be-' Ziehungen, so hat Gellert auch von der geschäftlichen Tätigkeit dieser Juden eine klare Vorstellung. Neben denen, die tton1 Moskau und Polen nach Sibirien reisen, um dort an Ort und Stelle Pelze einzukaufen, die sie dann wahrscheinlich bis nach Holland bringen/ steht der jüdisck«e Juwelenhändler und vor, allem der jüdische Geldmann.! Bei den Juden deponiert der Graf in Tobolsk sein Geld,! sie geben ihm Anweisungen auf andre Juden. Diese wieder, warnen ihn^ bei den unsicheren Wegverhältnissen das bare^ Geld mit nach Moskau zu nehmen, und geben ihm statt dessen Wechsel auf einen dortigen Juden. Dieser ist »nglücklick)er-! weise im entscheidenden Augenblick nicht zahlungsfähig. Aber! seine Mitbrüder versichern, daß sie in einem Jahr für ihn zahlen werden. Im übrigen ist der Jude der Mann, der alles macht: eine Abreise organisiert, Verbindung mit andern Städten herstellt, Briefe überbringt, Nachrichten sammelt. Natürlich sind diese Juden vermögend. Mit ihrem Geld arbeiten sie bei den russischen Beamten, genießen sie Ansehen beim Gouverneur.!tzKöltzsch!. Zu diesen realistischen Zügen kommt nun die Idealisierung »irch Gellert. Namentlich die führende Gestalt unter diesen polnischen Juden ist ein Vorläufer Nathans des Weisen. Seine D<mkjtxirfeit gegen den Lebensretter kennt keine Grenzen. Mit seinen« Geld und seiner Menschenkenntnis verschafft er dem Grafen beiin Gouverneur eine gute Stellung und nianchc Erleichterung. Er besucht ihn regelmäßig, bringt ihm warnie und neue Kleidung, schenkt, ihm Geld, sorgt auch für seine Freunde, erreicht insbesondere durch Bestechung die Vereinig gung des Grafen mit seinem Freunde Stecley. Zuletzt snckst er in ganz Livland und Tünvmark seine Gemahlin. "Er findet schließlich in Amslerdain Graf und (Gräfin schon vereinigt und verlebt mit ihnen ein paar Tage genieinsamer Rührung. Beim > Abschied schenkt er ihrer Tochter ein in der Bank von Amsrcrdam liegendes stapital von 10 00(1 Taler. Achnlich hilss bereit sind die andern Juden. Immer »nieder gerühmt wird die Ehrlichkeit der Jude»». Sie behalkcn nicht eine» Groschen von dem anvertrauten Geld. Tic Frau des Gouverneurs meint, der Graf »verde vom Juden »vohl wenigstens die. -Hälfte des Wertes der Juwelen erhalten. Aber nein, dieser bringt de»« ganzen Betrag nnd lehnt jede Vergütung ab. Gellert würde an seinen« Inden keine Freude haben, ivcnn er nicht auch noch ein Muster an Fröminigkeit »väre. Wenn die Sonne untergeht, schleicht er sich für eine halbe Stunde in sein Zimmer. Um die Ursache befragt, »vendet er alle» Hand kleine Verrichtungen vor, bis man ihn endlich einmal überrascht und aus den stnien betend findet. „Sein -Herz nx«r nnrklich seiner ehrlichen und einfältigen Miene gleich, nnd seine Sitten gefielen durch sein Herz." .stein Wunder, daß für diese Juden jeglicher Mann begeistert ist. „R . . . begleitete den Alten etliche Meilen nnd konnte gar nickst aufhören, seinen uneigennützigen und großen Charakter zu bewundern. Unter allen Merkmalen der Freund sckiaft, die »vir ihm enviöscn. rührte ihn. nichts so sehr als dieses, daß ihn der Graf abinalen und. das^Bild in seine Studierstube setzen ließ." (kellert »veiß, daß dieses Urteil weder allgemein geleiit »vird, noch den ersten Eindruck im Gcsckstiftsbetrieb auf dem Brühl im 18. Jahrhundert für sich hat: „Dieser Rtann ist auf, die edelste Art dankbar gewesen und hat mir be»viesen, daß es auch unter dein Volke gut: Herzen gibt, das sie am' «venigsten zu haben scheint." Aber Gellert sieht die schuld bei den Christen: „Ter rechtschaffne Manst! Vielleicht würde,« viel von diesen» Volke betzre Herzen haben, »venn »vir sie nicht durch Verachtung und listige Gewalttätigkeit noch niehr niederträchtig und betrügerisch in ihpen -Handlungen machten und sie nicht oft durch unsre Aiisführung nötigten, unsre Religion zu hassen." ' Diese Gellertschen Judengestalten Hellen ein wenig die in den Akten verschwiegene imponderabile Seite der Meßjuden-