Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 3 (3.1929)
- Date
- 1929-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Teile 8 Gemeindeblatt der Israel tischen Religionsgemeinde Drebden Nr. 3 Um die Pessachzeit könnte ich vor dem Reiben. Schauern 'und Kratzen aus der Haut fahren! Tie Hausfrau und das Tienftmädchen lagen einige Tage auf dem Fußboden und arbeiteten drauflos! Vor Tckwucs' konnte ich mich überzeugen, daß es jogar in meinem Zimmer nach frifchgebackenem Quark, Rqfinen und nicht ganz friicber Butter roch. Vor Tsukcs^ machte er sich lange mit den Tannenzirteigen zu schaffen und bemühte sich, sie so anzubringen, daß sie weder zuviel noch zuwenig Schatten gaben. Schließlich fiel e von der Leiter herunter: wenn die. die ein frommes Wer! verrieten, nicht unter dem besonderen Schutz des Hin mels stünden, hätte er sich ein Loch in den Schädel geschlagen. Später sah ich ihn. wie er. einen Marsch brummend, einen Eßreg und einen Lulew" hinaustrug. Am Sabbat und am Feiertag schlafen sie oder trak ieren tröste mit Eingemachtem und Obst ... In solchen Fällen sehe ich die Möbel ohne Ueberzügc: das Muster beüeht aus gelben Vögeln und grünen Blättern. Tiefen einfachen Mann beneide ich das ganze Jahr! Um philosophische und politische und andre kitzlige Fwgeu kümmert er sich niemals. Gott gibt ihm sein Auskommen, aber auch er selbst muß mithelien und die Hände rühren. i Kinder sind keine da: entweder haben sie ne schon versorgt, oder niemals wslche gehabt . . . Also leben sie ruhst und warten auf den Messias. Er hat keine weitgesteckten Ziele vor sich, dafür aber einen graben und sickeren Weg von der Wiege bis zum Grab ... Tie Mücke des Zweifels bobrt ihm niemals ihren eh?rnen Stachel ins Gehirn . ... Auf jede Frage hat er sctron einc Anlwort in Bereitschaft. 7 Tie vorhergehenden Geschleckter haben ihn im voraus mit unzweideutigen Autivorten auf alle Fragen versorgt. Tie baden ibm Anweisungen für alle Lebenslage r gegeben: wann die Zeit.zu schlafen und wann zu wachqn ist. man nken. .wann inan den Fußboden scheuern und wann und ivas kochen soll ... Wann man Lbst einmachen, wann Wein tr kessel und wann auf einem sch naleu ivann in einenr weichen Schemel ntzcn muß Und inan bat ibm ganz genau vorgeschrieben, was cjr von Gott erbitten und was er seinen Mitmenschen wünschen To bat er ein fertiges Rezept für das ganze Leben . . . Und für den Fall, daß ihm sein .Herz etwas schneller bat er seine Ehefrau. hundertundzwanzig möchte werden'"! . Und ivenn er irgendeinen Ztveifel hat, wirft er Blick in den Kalender, ins lyebetbuch, ins „Ejrach-Ehl ijim soll. Pocht, alt einen oder schickt das Dienstmädchen zum Dajen", der ganz in der Nähe wohnt, oder fragt irgendeinen Nachbarn. Niemals schwankt ihm seine Erde unter den Füßen. Sein Himmel droht niemals einzustürzen. Seine Welt steht felsenfest und unerschütterlich da und wird so stehen, bis das sechste Jahrtausend abgelaufen ist. . . Was nach dem sechsten Jahrtausend sein wird, geht ihn nichts an! Man kann ihn niemals an einer Lüge ertappen, denn er bindet sich niemals mit einem Versprechen und stellt niemals eine unzweideutige Behauptung auf: „Wenn Gott mich am Leben erhält, werde ich ,— ich will es weder geloben noch beschwören, — dies oder das tun"'. .. Wenn solch einer gesund und satt ist und kein allzu schlechtes Weib hat. ist er der glücklichste Mensch! i Vor allen Dingen braucht er nichts zu vetheimlichen und hat nichts, dessen er sich schämen müßte.! Teine Fenster stehen im Sommer den ganzen Tag offen, im Winter wie im Sommer sind sie niemals verhängt . . . Himmel und Erde dürfen immer hineinschauen . . . Ich bin überzeugt, daß er weder eine Klingel noch ein Schloß cm feiner j Türe hat. Die Türe ist wohl niemals versperrt, und jeder ' darf ohne zu klingeln eintreten: er hat ja nichts zu verstecken i und nichts zu verheimlichen . . '. Also schaue ich ganz frei in dieses altmodische Nest hinein, ivo zwischen den gelben Vögeln und grünen Blättern ein : stilles Glück wohnt. j Heute geht es dort lustig zu. Heute ist ja Purim! Warum lacht er so lustig? Warum zieht er die Oberlippe i hoch und zeigt seine spitzen Zähne? Warum gehen ihm die j Augen über? Sein Leben ist so einfach und so ursprünglich i daß er sich vor Lachen kugelt, wenn ein Mensch sich vor ihni j irgendwie verstellt und Komödie spielt.! Es ist ein Purimspiel! Tas Purimspiel kenne ich noch aus meiner Kindheit. Ein junger Bursche mit angeklebtem Bart, und angeklebten Pejes, mit einem glänzenden Zylinderhut auf den, Kopfe kommt ins Zimmer. Er soll einen Torfjuden darstellen: darum zitiert er lauter hebräische Texte, wendet sie aber immer falsch an . . Tann springt ein Chossid herein — natürlich eine Karikatur —. er klopft mit der flachen Hand auf den Tisch und auf die Wände, hüpft wie ein Ziegenbock, kaut an seinen Pejes, glotzt wie ein Kalb zur Decke hinauf und tanzt mit solcher Begeisterung, daß ihm die Haare auf dem Kopfe brennen. Und alle Purimspieler sagen oder denken sich dasselbe: ' ^cbwucs — 'äBcxfiirnfeit. ' 2iu(cs — Laubhütlcnseü. » Eßrcg — Paradiesapfel, Lulcw — Palmenzweig, werd^ Laudkmrrensen beim Beten in der Hand gehalten. Heute ist Purim, Morgen ist aus. Gebt uns ein Kreppe!12 Und werft uns hinaus! >® Hundertundzwanzig Fahre sind das Maximum der daner, die man einem Menschen wünschen kann. cveno 11 Rabbinatsgehilfe. 12 Kreppe! — Krapfen. N»uhneidei«i für felr.e Herren' und Damenmoden Pehtt aller Arten rj\ Abonneme nts zu günstigsten Bedingungen C* Otto Walter Dresden- A., Seestraße 5, l.Stodi/Femspredier 16736