Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 5 (9.1928)
- Date
- 1928-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 5 (Bemeinbeblajtt der Israelitischen ReligionSgemeinde Dresden Seite Wunder des MleereK Bon L Pere^ Im Lande Holland, in einem halb ejngestürzten Häuschn am Ufer des Meeres, lebte eins stumme Seele — ein jüdischer Mischer namens Satje. Vielleicht ivar -r zum Andenken an einen Urahnen Saadje so benannt; er wußte aber nichts davon, wie er überhaupt von jüdischen Dingen fast keine Ahnung hatte. Alle seine Vorfahren waren Fischer gewesen, sie verbrachten Tage und Jahre auf! dem Meere, lebten als ein,che Juden unter Nichtsuden — von wem häte er etwas Jüdisches lernen sollen? Satje fing Fische, seine Frm, strickte Netze und besorgte das Haus, und die kleines, .Künder spielten im Sande und suchten Bernstein . . . Und wenn Satje auf dem Meere von einem Sturm überrascht wtrde und in Lebensgefahr schwebte, so konnte weder er auf dem Meere noch je- »'and von seinem Hausgesinds auf dem Lande das „Schma- ^ißroel"' sprechen . . . Satje blickte stumm zum Himmel einpor, sein Weib zu Hache schlug sich mit dem Kopf an die Wand oder schleuderte auch einen bösen Blick auf den bösem finsteren Himmel. Die Kinder aber ivarfen sich auf dan Land und riefen mit den andern Kindern zugleich: „Heilige Jungfrau! Heilige March!"! Wie hätten sie auch mehr wissen sollen? Die nächste Judengemeinde war so weit, daß [fie zu Fuß nicht hinkommen konnten. "Und die Familie, die kaum ihr tägliches Brot hatte, war zu arm, um hmzufahrerm Auch liefe sie das Meer nicht jortziehen. Satjes Vater, Satjes Großvater und Urgroßvater waren alle im Meere umgekommen. Hiese Macht hat schon einmal das Meer: es ist des Mensch» gefährlichster Feind, oft auch ein tückischer Feind, und doch licht man es und hängt an ihm . . . Und man kann sich von ihm niemals losreißen, man will auf ihm leben und in ihm unikommen . , Eine einzige jüdische Sitte wurde aber von Satje undseiner Familie noch streng.beobachtet — die Feier des Jej.n- >tippurs! Am frühen Morgen des Rüsttages von Jejm-Kippur wählten sie den größten Fisch aus, und die ganze Familie begab sich mit dem Fisch in die Stadt. Sie schenkten den Fisch dem Gemeindeschächter, bei dein fie den letzten Imbiß vor dem Fasten und den ersten Imbiß nach dem Fasten rinzu- »ehmen pflegten. Tie Nacht und den Tag verbrachte die Familie im holländischen Gotteshaus. Sie lauschten dem Ehor, der Orgel und dem Gesang des Chasens, der nach der dortigen Art und Sitte vorbetete . . . Sie verstanden kein einziges Wort und blickten nur stumm zum Orejn Kejdesch und auf den Prediger mit dem goldenen Käpvchm Wenn sich das goldene Käppchen erhob, so erhoben >sie sich auch Wenn es sich »iederließ, so setzten sie sich wieher auf ihre Plätze. Manchmal schlummerte Satje vor Müdigkeit ein. Und ivenn er sich > Lchma-Jitzroel (Höre Israelis — heiligstes Gebet der Juden, wird in Augenblicken der höchsten! Gefahr und in der Sterbestunde gesprochen. 1 Orejn-Kejdesch — Heiliger Schrein, in dem die Thorarollen verwahrt werden. wieder erheben mußte, stieß ihn ein Nachbar mit dem Ellens bogen an und iveckte ihn ...! So begingen sie den Jejm-Kippur. Satje hatte keine Ahnung davon, daß es ein Tag des Gerichts ist, an dem selbst der Fisch im Wasser zittert; er wußte nichts davon,, ivas au diesem Tage im Himmel ,vor sich geht. Er wußte nur, da!; man am Jtzjm-Kippur fastend dem Ehor und der Orgel lausch und nach der Neilo (er wußte nicht einmal, daß das Schlußgäbet — „Neilo" heißt) beim Schächter ein Abendbrot vei zehrt. Es ist übrigens möglich, daß auch der Schächer selbst uiclijt viel mehr wußte: es war ja in Holland! Gleich nach dem jchnwrzen Kaffee pflegte Satje mit seines: Familie aufzustehen, sich vom Schächter und dessen Familie zu verabschieden, ihm beim Slbschied alles Gute zu wünsch» int , nach dem Meere zu wandern, wo sie erst am nächsten Morg.ch anlangten. Sie sagten niemals: „mach Hause", sondern stets „nach dem Meere". ' Den Schächersleuten gelang es niemals, Satje und sein Familie zu bewegen, über Nacht dazubleiben. „Ihr wollt-schon gehen? Ihr habt ja die Stadt noch ganicht gesehen!" Satje verzieht das Gesicht und sagt: „Ach, die Stadt!" Satje ist ivenig gesprächig. Das Meer lehrt den Mcnschsi Schweigen. Aber die Stadt haßt er. Sie ist zu eng, ohne Luft und ohne Himmel. Vom Himmel sieht man nur einen schmalen Streifen zwischen Dach und Dach . . Auf dem Meere ist es aber frei und geräumig ... Da kann er atmen... „Das Meer ist doch Euer Feind, Euer Tod!" redet auf ilch der Schächer ein. „Aber ein guter Tod!". Er wünscht sich das Ende feines Vaters und seines Groß vaters: bei lebendigem Leibe vom Meepe verschlungen zu werden, ohne zu kränkeln und ohne einen langen Todcsk.imp! im Bette . . . Ohne zu hören, wie die Angehörigen weinen Und nich in der harten Erde zu liegen . . . Nein, das will c:’ nicht! Es überläuft ihn kalt, wenn er an das Grab in der Erd§ dentt Und die gaiye Familie geht zu Fuß ittlch Hause, nach den Meere Und wenn sie so die ganze Nacht gegangen sind, wenn der Morgen graut und sie den Sand des Ufers im goldenei Glanze der ersten Sonnenstrahlen und dann das Aufblitzei des Meeresspiegels sehen — so freuen sie sich und klatschn ii die Hände ... Ein Brautpaar kann gar nich glücklichr sein ... j Und das wiederholt sich jedes Jahr ...!- Die Fischr wechseln, etwas seltener ivechseln auch die Schächer, aber Sitte bleibt Sitte.! Die -sitte, dem Ehor und der Orgel zu lausch», den ganzen Tag zu fasten, abends nach der Neilo beim Schächt'v HAUSFRAUEN VORSICHT BEIM EINKAUF VAN BUTTER ' KAUFT NUR VOLLWERTIGE BUTTER! DREMA A.6 $1 LIEFERT NUR EINWANDFREIE BEST- ^GEPFLEGTE EISGEKÜHLTE ßjjjyjip