Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 4 (1928)
- Issue
- 2 (6.1928)
- Date
- 1928-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/4892693-5739357-5769837--0830-4893456- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 2 Seite 6 Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden dunklen losen Gewänder erinnern au biblische Gestalten. Tenn map erkennt die Juden sofort an ihrer besonderen Tracht: kurzes -Hemd aus blauer Leinwand, Ueberwurf von dein gleichen Stoff, die Peine nackt und nur an den Mützen Sandalen, auf dem Kopfe eine kleine Mütze mit darum gerolltem Dich, um die Schultern ein Stück schwarzes Wall- Gewebe — der sogenannte Schemla, eine Art Mantel —, endlich zu beiden Seiten an den Tbren die langen Haarlocken, die bis zum Hals herniederhängen. Tie grauen tragen blaue Leinenhemden, die sackartig ohne galten bis über die Knie reichen. Tas darunter liegende enge Beinkleid mit farbigen Gamasche» reicht bis zu den Fersen. Ter strumpflose Fuß ist mit groben Pantoffeln bekleidet. Auf dem von einer schwarzen Kappe einlgeichnürten Kopf tragen sie ein buntkariertes Tuch, von dem ein Ende über der Nase festgehalten wird, so daß mäir von dem s^esicht nichts als die großen schwarzen Augen sieht. Am Sonnabend werden die schwarzen Gewänder durch weiße -- flutrtwvtit anftittaba »r" * - ersetzt, deren Nähte mit-großen roten und blauen Punkten verziert sitzd. Au Stelle des sclvvarzen Schemla haben manche Juden einen weißwollenen mit schwarzen Streiten durchwirlten Mantel. Außerhalb des Judenviertels darf kein Jude iveiße oder farbige (Gewänder tragen und keine langen weitärmligen Gewänder gleich den Arabern.. Ta ihre Kleider Tie niwt ausrieichend gegen die von den Bergen kommende Kälte schützen, so tragen viele über ihrem Kittel ein in Paletotform zugeschnittenes Fell ohne jeden Stoffüberzng. Morgens tragen iie: das Fell mit den Haaren dem Körper zugewandt, mittags. Heim es wärmer ivird, wird der Paletot mit den Haaren liach außen gedrebt. Was die Wolmungsverhältuine betrifft, so besteht das Judenviertel in sana'a, Ka'a-Jehud genannt, aus eng zuiammengedrängtcn Lehmhäüfern, die im Innern jeglichen Komforts entbehren. Nicht ein Möbelstück steht darin, keine Bettstelle und keine Betten. Arme wie reiche Leute legen sich des Abends aüf eilte dünne Matratze, eine Matte aus Palm- > blättern, zum Schlafen nieder und decken sich mit einem Hammelfell zu. Auf dem Lande legt man sich zum Schutze vor dem llngezieier. das auf der bloßen Erde kerumwimmelt, zum Schlafen in einen Sack. Man zieht sich vollständig aus, kriecht in den großen Sack und schließt ihn von innen mit einem Schnürband. Stillende Mütter nehmen ihre Säuglinge mit in dew Sack. Als Küchenutensilien genügen ein paar Krüge und Schüsseln aus Ton und einige Körbe: man besitzt nicht einen einzigen Gegenstand aus Metall oder Porzellan, keine Gabeln, keine Löffel: man rührt das Essen mit einem Stück Holz um und das Taschenmesser des Paters dient zum Zerschneiden aller Speisen. Tas aus Sorgho gebackene Brot ist der Hauptbestandteil der Nahrung: man tunkt es in eine scharfe Sauce, .Helbe genannt. Tas allgemeine Getränk ist der Aufguß der Kasfeerinde, Kischer genannt, den man Tag und Nacht trinkt. In den Städten wird in allen Familien viel Araki getrunken, ein aus getrockneten Trauben bereiteter Branntwein. Sehr gesucht ist geschmolzene Butter: manche essen sie mit Kischer gemischt, andere gießen sie lieber über Kopf und Körper, weil sie glauben, dadurch große Kräfte zu bekommen. .Häufig sind ihre Kittel und ihre Kappen so durchtränkt davon, daß sie wie Wachstuch aussehen. Tie Mehrzahl der jemenitischen Juden ist noch Handwerker. Es gibt kein Handlverk, das, nicht von ihnen ausgeübt wird, und bis vor kurzem sind sie den Arabern unentbehrlich gewesen, da der Muselmann eine Abneigung gegen das Handwerk besaß, die aber jetzt zu schwinden beginnt. So waren früher in Saua'a alle. Schmiede Juden. Infolge der Epidemien, durch die Hungersnot von 1905, die Belagerung von Sana'a durch die aufständigen Araber und die AuS- Wanderung sind alle Schmiedewerkstätten an Mohaimnedaner übergegangen. Tie Juden sind geschickte Weber, Schneider und Schuhmacher: doch nur wenige betreiben Ackerbau und Gemüsezucht. Ten Mittelpunkt der Gemeinde bildet die Synagoge, „Kniß" genannt. Hier halten sich die jemenitischen Juden mehr auf als in ihrem eigenen .Haus/ Sana'a besitzt 27 mehr oder minder große Synagogen, die aus einem weißgekalkteu fensterlosen Raum bestehen. Ein paar schwärze Teppiche und kleine, an den Wänden entlanglanfende Matratzen bilden die, ganze Einrichtung. Am Sabbat oder an Festtagen sind alle Mitglieder der Gemeinde in der Synagoge und trinken, auf kleinen Matratzen ausgestreckt, den duftenden Kischer, während der Rabbiner mit monotoner Stimme ein talmudisches Gesetz auslegt. Man könnte sich in eines der orientalischen Kaffeekäufer verfetzt glauben, wo die Besucher Kaffee trinken und die Närgileh rauchen, während ein Greis in singendem Ton die schönen Märchen aus Tausendundeiner Nacht vorliest. In der Familie herrscht in der Regel große Eintracht, obivobl neben den Eltern und Kindern oft die' verheirateten Söhne, die Großmütter, die Schwiegermütter, verwitwete oder geschiedene Töchter zusammenwohnen. Ter Hausvater befiehlt. aber mit Sanftmut, und man gehorcht ihm mit großer Höflichkeit. Als Kuriosum sei erwähnt, daß die Polygamie gestattet ist. Es gibt in der Tat im Jemen verschiedene Männer, die zwei Fvauen haben, aber dann ist fast immer die erste Fran kinderlos gewesen oder sie hat nur Töchter geboren. Seine .Handfertigkeit ist es, die dem Juden den Aufenthalt im Lande Jemen ermöglicht. Ter Araber ist.mit Ackerbau, Viehzucht und besonders mit dem Waffenhandwerk beschäftigt und duldet trotz seinem großen Fanatismus die Juden im Lande, weil sie ihm alle (Gegenstände fabrizieren, die ihm unentbehrlich sind. Mau fragt sich, wie das unglückliche Volk trotz Verfolgungen und Epidemien und bei allen Entbehrungen sich bis auf-unsere Tage hat erhalten können. Es hat seinen Lebenszweck in seiner sittlichen Kraft gefunden und sein Unglück, als eine notwendige Prüfung für das künftige Leben hingenommen. lAusführlicher ist das Thema behandelt in dem Buche: Tr. S. Feist, Stammeskunde der Juden. Leipzig, I. L. Hinrichs, 1025. Broschiert 9.— M., geb. in Ganzleinen 10,50 M.) Interessante Blüten! Exotische Blattpflanzen aus eigenen Orchideengroßkulturen in Coswig Vornehmer Blumenschmuck für Jede Gelegenheit Blumanausstelluna ERWIN WIEDOW PRÄGER STRASSE 41 ■ FERNSPRECHER 14732 Aufmerksamste Bcdlenungl Fragen Sie Ihre Freunde wegen PrelswUrdigkeit und Güte meiner Ware