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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden · 1928-04-30 · 12 (30.4.1928) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
Volume
3 (1927-1928)
Issue
12 (30.4.1928)
Date
1928-04-30
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 «Zemeindeblajt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden Nr. 12 'Jlnläifeu zutage. £cr Mampf der Breslauer Orthodoxie und der Anhänger Geigers wurde mit großer Erbitterung getübrl und üibrle schließlich zur vollständigen Zerreißung der Gemeinde. iiidein diese Orthodoxie eine eigene (Gemeinde mit dein Sobne de-:- inzwischen vcrslorbencil Tiktin als Rabbiner bildete. Ern auf Grund des preußiscnen Jndcngcfetzes von 1^17 i'l nach langen Vertxlndlun^en inj den fünfziger Jahren die Einbeil der Gemeinde niieocrlicrfljntcllt worden, indcin die. beiden Richtungen als gleichberechtigt anerkannt wurden. Seither bat jede der beiden religiösen Richtungen ihren -Rabbiner und regelt ibre religiösen iAngelegenheiten felbnändig durch ibre Multuskoininiiuou.! Tie Rabbiuerverfaniinlunge» inj Braunschweig - 1844, Trankjurl a. 2V. 1M~>. Breslau 1>4UI imö -Maiiel die die T beologen liberaler Richtung ^vereinigten, und die Sviwden zu Leipzig l^ib und Augsburg 1871. in denen Theologen und Laien berieten, und zuin großen Teile auf die oiiitiiittpc (Geigers zurückzusübreu uifd standen stark unter dem Einfluß seiner Persönlichkeit, auch dann, wenn er dienstlich verbinden war. während des ganzen Perlauics daran leilzuuebineii. Seine tbcologifchen Grundanschauungcn bat er in die Praris uinzusetzen versucht! Tas tritt in feinen g o r k e s d i e n ii-l i ch e'n R e f o r in i n zutage. Tie Einnihrung deut'cher Gc'bele. die Mürzüug des Gottesdienstes, die Beseitigung oder Abänderung, vjon Gehetnücken, deren Au'Ttvliiung nach liberaler Aunassuiig blicht incbr geteilt ivird. die äußere Perschönerung des Gottesdienstes durch geordneten <'leineiude-^uiid Eborgei'ang und die Einsübrnng der Orgel: lXis alles sind 'Maßnahmen aus t-ieigtrs Breslauer Amtszeit. l<>l bat er für die ('iemeinde Breslau das Gebetbuch nach diesen (-zrundsäben beelrbeitet. Tießes (Gebetbuch ift mit mancherlei Abänderungen im cinzeliien für die l'icbetbiicher der liberalen Gemeinden in der Folgezeit die Elrundlage geblieben. Tie Grund'ärze. die er dhmals und von ncuem 1»- Jahrzehnte wäier entwickelt bat. lind im wesentlichen auch jerzi bei der Bearbeitung des liberalen Einbeirsgebetbuches maßgebend. Reben die'er praktischen Tätigkeit ging die >v i f >'c nscha'tliche .Arbeit einber. Sic ernreckte sich auf die vcr'chieden'ieu l^ebiele der' jüdischen Literatur, stets bezogen audie tbeologische Ge'amlau''assiuig. Eine ganz hervorragende -rcelsiuiw und seine Porträge über das Judentum und seine Geschichte. die später gesammelt als»Buch erschienen nud. In ibiien gibt er nicht Einzeltatsachen, sondern betrachtet die einzelnen Epochen unter großen Gesichtspunkten und alles unter dem Gedanken der geistigen Entwicklung des Judentums. Seine jüdische Zeitschrift iür Wissenschaft und "eben, deren Aussäve in der überwiegenden Mehr^lbl aus 'einer Teder siamnieu. entsprang dem Bedürfnis, sich nicht nur zu den wi>'ensckia'tlichen fragen, sondern auch zu den Tragen des praktischen religiösen Lebens zu äußern. Aber auch dies geichiebl durchweg von seiner wissenschastlichen i>'>rundeiunellung aus. Tie bitkerne Enttäuschung seines Wt'K'aiiwar cs. lXiß die Murakoren der Traenckelfchen Stiftung bei den Porberatungen wie bei der Errichtung des Jüdisch- Tbeochgjschen Seminars itnr vollständig aussckältetc». Seinem Einilu''e insbesondere nxir es zu danken, dtlß Jonas Traenckel in 'einem Testament ein Mavital zikk Errichtung einer theologischen Lebrannalt ausfelzte. Tieie Beifeiteschiebung-i't fiir ibn zivei'ellos dus bcsiiinincnde 2Voment gewesen, der Beru'nng nach ''einer Pater na dt Tranksu^t a. '1K. Jolge zu leisten. Aber ieine Jrank- 'i>riei^Böirk.'amkeit unisaßtc nur siehe» Jabre. Als «iNjähriger lvurde er nach Berlin bernren und b^lt don als Rabbiner Owm Schuft vor Ansteckung und Formamini Vieltausendfadx von den Ärzten anerkanntes Sdwtz* und Desir* fektionsmittei für Mund u. Rachen. CLAS MIT SO TABLETTE* M K 1 75 und als Dozent an der Hochschule Großes geleistet, bis ihn, mitten aus feiner Arbeit, am 23. Oktober 1874 ein plötzlicher Tod abberief. Tnrch fein eindringendes Verständnis für das Wesen geschichtlicher Entwicklung bat er das methodische Prinzip Ser liberalen Auffassung des Judentums theologisch begründet. Er ivarnt ebensosehr vor dem starren Festhalten an dem geschichtlich Gewordenen ivie vor der „Reform ins Leere", lieber den Liberalismus hinaus aber bleibt er durch feige gesamte Wirksamkeit von dauernder Bedeutung. , Paulus' Pc>» Tr. A g >, a z S! cf n lui n w Pa IIIIIS ist unter den Personen des Reue» Teftameiites deshalb im Mittelpunkt des jüdischen Interesses, weil mit ihm die Loslöfung des E h r i ft c n tu m s. das vorher eine jüdische Sekte neben andern geivefen ist, vom Judentum erfolgt. Mit Paulus beginnt der Bruch mit dem Judentum, nicht mit Jesus, der in bewußtem Partikularismus, zu dem die Liebe sich diszipliniert, cs abgclchnt hatte, den jüdischen Acker zu verlasse»: „Es ist nicht fein, daß man den Mindern ihr Brot nchinc." Jestis wollte in seiilem Wirken Jude bleiben, und auch seine L c b r e ist dem offiziellen Judentum feiner Zeit gegenüber nichts Neues. Man kann die ganze Bergpredigt aus talmudifchcn Zitaten zusammenstellen.- Einzelne übertriebene Forderungen der Bergpredigt, z. B. die dem Reichtum gegenüber, erweisen sich nicht als ursprünglich, sondern gehen auf Lukas zurück. Tie Mritik, die Jesus am Pbarisäismus übt, meint nur dessen Praxis, nicht dessen grundlegende Theorie, die von ihm anerkannt und gelebt wurde: cs gibt überzeugte Matholikcn. die die Mängel der katholischen Organisation und des sie leitenden Mlerus scharf geißeln. Tie .Mritik des Paulus ist dagegen anders, sie will das 'System selbst treffen. Ter Bruch des Paulus mit dem Judentum bedeutet zugleich einen Bruch mit dem Urchristentum. so das; Leo Baeck paradox, aber durchaus richtig, den protestantischen Liberalen von heute gegenüber bemerken konnte, ihr-„Zurück zu Ehrinus und weg von Paulus" bedeute ein „Zurück zum Judentum". Paulus bat nicht Ehristus in den Mittelpunkt seiner Religion gestellt, sondern eine Ebristus f i g u r . bei der weniger jüdische Tradition als die Tbcofopbie der Mm'lerienkulte mitgeschaffen hat. Um den (Hegemab zwischen der Frömmigkeit der Synagoge und der magisch«! Tbeosophie der 'Mysterienkulte gaixz scharf zu kennzeichnen, kann bei Richtherücküchtigung der oft vorhandenen Uebergänge gesagt werden: In der Synagoge wurde gebetet, im griechischen Mysrerienkult wurde gezaubert. In der Synagoge schuf man Andacht, im Mystericnkult erstrebte mail Ekfrafe, die sich oft zur Orgie entwickelte. Ten Glauben bat auch Jefaja gclebrt und »ach ihm Taniel, und wer hätte das Glalibensgebot verleugnet unter den Juden':' Wenn aber 'Paulus vom Glauben spricht, so ist die Verzückung des Ekstatikers viel mehr gemeint als der Glaube des Jesaja und aller derer, die als sittlich Aktive eine Sicherheit aufbringen, die im rastlosen Tun tiefstes Ruhigsein gewährt. Von allen J^uden. die Mission getrieben baden, ist Paulus der, der den größten Erfolg zu haben scheint. Aber es ist ein Erfolg in die Breite und nicht in die Tiefe. Tie Welt der Synagoge, jedoch sehr stark an die magische Theosophie der Mysterienkultc berangerückt. das ist paulinisches Christentum. Ter Glaube, den Jesus gehabt bat, kann wohl noch in Vorstellungen einiger zeitgenössischer, wenn auch nicht führender Rabbinen eingeordnet werden. Ter Glaube an Jesus, den Paulus predigt, ist etwas Neues. Wenn Akiba auf Bar Mochba sagt: „Tas ist der Messias", so meint er, das ist der M e n s ch . der geeignet ist und, will's Gott, erwählt scheint, Werkzeug Gottes zu sein. Nicht mehr. Wenn aber Paulus an Jesus glaubt, so ist das etwas andres. Es ist die Erlösungstbeösophie dör hellenistischen (Yeheimkulte: der dem Mult Angehörige stirbt als Individuum und envacht hinaufgerückt und verbunden mit dem im Mult verehrten Gotte und erhält so die Sicherung gegen die Schrecken der Vernichtung und die Qualen der Unterwelt. Ter Glaube an Jesus wurde von der griechischen Welt als solch mystisches Einswerden mit der Gottheit Jesus verstanden, und Paulus, selbst ein Kind Arankfurter Israelitisches Gemcindeblatt.

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