Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- 12 (30.4.1928)
- Date
- 1928-04-30
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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mmm Nr. 12 temeinbeblatt der Israelitischen RelsgionSge neinde Dresden Anders ist die Geistesrichtung Geigers. Was der Inhalt von Hirschs Lebensarbeit war, die Verknüpfung von Judentum mit moderner Kustur, tvar für Geiger die selbstvefständliche Voraussetzung seines Schaffens und feines ganzen religiösen Denkens, Zeig§ sich bei Hirsch der Einfluß der Ideen der Romantik darin, daß er das Judentum als geschichtliche Erscheinung ersaßt sehen will, so ebenso in Geigers geschichtlicher Auffassung, des Judentums. Aber für Hirsch ist das Judentum etwas Fertiges, das wir so, wie es islj, hinzunehmen und aus sich selbst heraus zu begreifen!haben. Geiger vertritt die Auffassung, daß zu keiner Zeit irgendein Gedanke ganz rein auftritt, daß man ihn vielmehr nach der Totalität feiner Aeutzerungen zu erkennen und zu prüfen habe. So ist ihm das Judentum in keiner Epoche etivas Fertiges, so sieht er dchs st e t i g e We r d e n, die stetige Veränderung in der Einheitlichkeit des geistigen und religiösen Gehalts. Mit Recht nennt er sich selbst den Mann dir geschichtlichen Betrachtung, der für jede Epohe die. geschichtlichen Wurzeln in den früheren sucht. Er beto st, daß wir in unsren Tagen keine neue Religion machen, daß vielmehr alle Neugestaltung sich auf dem Boden der G« schichte vollziehen muß; was unvorbereitet hingestellt wird, ist wurzellos und hat keinen Bestand. Darum ist ihm l ie Tat des Judentums seine Geschichte, denn das Judentum iat sich nicht bei seinem ersten'Auftreten erschöpft. In dieser geschichtlichen Anschauung wprzelt seine Auffassung der Tradition und seine tiefe Ehrfurcht vor ihr. Hierin unterscheidet er sich von jener ersten Generation der Reformer, die, zun Teil wenigstens, alle Tradition verwerfen zu können glaub! e, aber auch von dem Begriff der Tradition, wie Hirsch ihr faßt. „Die Tradition ist die Kraft der Entwicklung, die im Judentum 'fortdauert, die den Körper belebende Seele des Judentums, wie die Ofsenharung eine geistige Macht, die immer weiter wirkt." Er nennt darum die Tradition „di! ebenbürtige Tochter der Offenbarung". Tie geschichtlich: Kontinuität läßt sich nicht aufhebcn. Tie von ihm ver tretene theologische Wissenschaft nennt er sowohl „offenkx rungsgläubig, weil sie an den Gottesgeist glaubt, der im Ju )cntum die nirgends sonst erkannten religiösen und sittlichen Wahrheiten weckte, krästigtq, zur Reife und zum Siege führ e durch seine absolute Schöpferkraft, und zugleich traditionsc läubig, weil sie an den Gottesgeist glaubt, der im Judentum seine Schöpfung erhält, sie fortzeugen läßt und immer frisck geistig belebt. Sie ist frei und gläubig, weil sie in demselben freien Geiste wirkt, der den Glauben erzeugt hat". Mit immer größerer Klarheit und Konsequenz bi ingt er diese Anschauungen zür Anwendung. Hat er noch im Anfang seiner Wiesbadener Zeit den Talmud verworfen, so betont er bereits wenig später den lebendigsten Zusammenhang mit allen vorausgegangenen Entwicklungsstufen. -Alles ist ihm des Judentums unveräußerliches Eigentum „vom ersten Worte der Bibel bis zum letzten eines Talmudisten, >on den tiefen Gedanken der mittelalterlichen Philosophen bis zu hen Lucubrationen eines jeglichen Tarschan, von-der buckstäbelnden Enge der Kasuisten bis zum freien Wort bei neuen Predigt. Ueberall exkennt sie den ursprünglichen-G ist nach den verschiedenen Zeiten und dennoch in voller Einheit". Diese Auffassung der geschichtlichen Kontinuität läßt ihn das geschichtliche Werden, den Fluß der Entwicklung beto len und erforschen. Die kritische Betrachtung des geschichtlichen Verlaufs ist ihm darum! die Voraussetzung für die Er enntnis und die Beurteilung des gegenwärtigen Judentums- Seine wissenschaftlichst Arbeit war darauf gerichtet, über He Auffassung der biblischen Offenbarung in den versc»iedenen Zeiten, über die einzelnen Entwicklungsphasen des Judentums Klarheit zu schaffen. Hatte er schon zu Beginn seiner Arbeiten die Ueberztugung gewonnen, daß zwischer älterer und neuerer Halacha bereits zur Zeit der Mischna z i unterscheiden ist, und daß der babylonische Talmud das lef te Glied Seite 5 der Entwicklung d;r talmudischen Epoche darstellt, so führten ihn diese Studier wie die eindringende Beschäftigung mit den Bibelübersetzungen und die Untersuchung des diesen zugrunde liegenden Urtextes zu weiterer Klärung und Befestigung seiner Auffassung. So hat er wohl als erster unter den jüdischen Gelehrten die Bibel in die kritische Erforschung mit eiiübezogen, aus ihrer Isolierung heraus und in inneren Zusammenhang mit dieser Entwicklung gebracht. Es >var folgerichtig nicht Literarkritik, sondern zugleich die kritische Behandlung der Textgcschichte und der Religionsgeschichte, >vaä er in seinem Hauptwerk „Urschrift und Uebersetzungen der Bibel in ihrer Abhängigkeit von der inneren Entwicklung des Judentunis" gab. Tie dauernde Bedeutung dieses Werkes liegt nicht sowohl in den Resultaten als vielmehr in dem methodische, Prinzip. Jil einem sehr wesentlichen Punkte! sind Geigers Auffassungen bahnbrechend.geworden, nämlich in bezug auf Pharisäismus und Sadduzäismus. Tas Eharakt, ristische für Geiger ist seine wissenschaftliche E i n st e l l u n g, die ihn zu dem großen Systeinatiker deS Liberalismus macht, obgleich er keine systematische Tarstell mg der jüdischen Theologie gegeben hat. Aber die Ausgabe! der Theologie umschreibt er einmal, indem er die drei Forderungen aufstellt: 1. die Kritik der bestehenden Grundsätze nach ihrer allmählichen Ausbildung, 2. die Geschichte der geistigen Bewegung im Judentum, 3. die Kritik des Lebeiu nach der gegenwärtig gewonnenen geistigen Höhe.! In diese so umschriebene theologische Wissenschaft ordnen sich ihm >ie vielseitigsten Studien ei», von hier geht seine praktische Wirksamkeit aus. Ter Höhepunkt seiner Wirksamkeit sind die 23'A Jdhre seines Breslauer Rabbinats (1810 bis 1803). A'm 2-1. Mai 1810 iy Frankfurt geboren, übernahm er nach seiner Studienzeit in Heidelberg und Bon», erst 22jährig, das Rabbinat in Wiesbaden. Tei Bonner Studienzeit dankt seine Erstlingsschrift: „Was tat Mohammed aus dem Judentum ausgenommen?" ali> Preisarbeit der dortigen Universität ihre Entstellung. Ti: Wiesbadener Amtszeit (bis 1838) brachte neben! der prakt scheut Amtsarbcit durch den überaus regen persönlichen Verl ehr mit gleichgesinnten Kollegen Gelegenheit zu mündlicher Aussprache über die grundlegenden Fragen. So enfstand 183 » dik „Wissenschaftliche Zeitschrift für jüdische Theologie", von »er fünf Bände und das erste'Heft des sechsten Bandes erschient n sind, überwiegend von dem Herausgeber, Geigeis, selbst geschrieben. So hat er danials bereit^ als erster die Forde runx einer jüdisch-theologischen Fakultät erboben,! die viel sstitei: erst, zum großen Teil dank der tätigen Arbeit des in allen praktischen Fragen >veit geschickteren Ludwig Philipp an, verwirklicht worden ist. In-den letzten Jahreü seines L beim konnte Geiger an der Hochschule für die Wissenschaft des Juientums in Berlin eine zivar nur kurze, aber sthr wirkst me -Lehrtätigkeit ausüben. Auf den-jungen Wiesbadener Rcbbister tvar man sebr bald, namentlich in Breslau, ausmerksani geworden, wo die modern gebildeten Kreise der Gen einde sehnsüchtig nach einem Prediger und Lehret der Religion Ausschau hielten. 1838 gab Geiger sein Wiesbadener A nt o us und hielt in Breslau eine Predigt, die mit jubelnd:r Begeisterung ausgenommen wurde. Aber seiner Wahl und derim Bestätigung diirch die Regierung sowie der Naturalisieiung des „Ausländers" in Preußen standen die größten Sch viergkeiten entgegen. Tie Breslauer Orthodoxie i suchte die Be tätigung zu hintertreibcn, und obwohl Geiger seinen Wohn >tz in Berlin aufgeschlagen hatte, um die Sache'möglichst zu fördern, vergingen fast 1>-.> Jahre, bis die Regierung l ie Eenchmigung erteilte. Erst in den letzten Tagest des Iah es 1830 konnte Geiger sein Anit in Breslau übernahmen. Die Preslauer Amtszeit brachte anfangs ganz außergewöhnliche Widrigkeiten und Kämpfe. Ter Rabbiner!, Tiktin verweigerte jedes Zusammenarbeiten miEGeiger, die' Gegensätzlichkeit der 'religiösen Stellung trat bei zahlreichen DlMniaillinitaiiHillHIIlimuiiMIIIIIliiiiiiiiiltllllltiinmillMlliniiiitiiiinHIIIliiHiiiil^ w, INHABER DBESDEN<N., HÖNIüSDßüCHER Künstlerische Wohnungseinrichtung BESICHTIGUNG ERBETEN GRÖSSTES DIN WÄUEß STRASSE 36 en in allen Preislagen HAUS AM PLATZE