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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden · 1928-04-30 · 12 (30.4.1928) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
Volume
3 (1927-1928)
Issue
12 (30.4.1928)
Date
1928-04-30
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Nr. 12 Gkmeindeblatt der Israelitischen ReligionSgen einde Dresden Seite 8 im jüdischen Jahr, bei jung und alt sehr beliebt, insbesondere bei der Jugend, die an diesem schulfreien Tage Ausflüge in den Wald unternimmt und sich hier nach .Herzenslust tummeln darf. Ta es aiirt 15. Schebat in unfern Zonjn noch kühl ist. hat sich Lag beomer zu einem richtigen Frühliygsseste entwickelt.! Ein eigenartiges Arischen hat Lag beomer in kabbalistischen Kreisen. An ihm soll nämlich Rabbi Simon den Jochai. einer der sieben .Hauptschüler Rabbi Akibas. gestorben sein, der merkwürdigerweise zum Vater der jüdischen Mystik lvurde. An seinem Todestage soll er kurz vor seinem Hinscheiden seinen Jüngern seine übersinnlichen Geheimnisse offenbart haben, die nun die Generationen hindurch, vom Lehrer auf den Schüler übertragen, sich erhalten haben. So pilgern am Lag beomer zur.Jahrzeit des Rabbi Sinlon ben Jochai aus dem ganzen Orient, von Marokko bis Verfiel, und noch weiter, viele Tausende zu seinem Grabe nach Meron bei Safed in Nordpalässtna (Galiläa), zünden dort Li hier an und bleiben die ganze Nacht unter Beten, Gesang und ekstatischen Tänzen auf. Alle Schichten der jüdischen l Bevölkerung beteiligen sich an diesem Volksfeste, nicht nur Chissidim. Auch Frauen ziehen zahlreich dorthin, und man erzäh t ihnen von den Wundertaten und dem Leben Rabbi Simon 1. Wie man den Sederabend in Jerusalem verbringt, so ist es selbstverständlich, daß man am Lag beomer nach Meron geh . Tiefe Feier gehört zu den Sehenswürdigkeiten und Berüh, itbeiteu des -Heiligen Landes. Wir deutschen Juden haben noch besondereu Anlaß, in den Sephiratagen wehjnütigen und zugleich lebrreic>e» Erinnerungen nachzuhängen. An ihnen fanden dii ersten schweren Judenverfolgungen in Teutschland statt, und' zwar int Anschluß au den erste» Krenzzug im Jahre lOfX», also vor S32 Jahre». Als im Jabre vorher als Auftakt da;» auch in Frankreich Jsidcnverfolgungcn vorkamen und die französischen Jude» die deutsche» zur Vorsicht mahyten, ba antwortete die Mainzer Gemeinde, daß sic nur um das Schicksal der Juden in Frankreich' tief bekümmert sei, aber in Teutschland brauche man sich nicht zu fürchten. dcjnil hier habe man noch niemals, weder früher noch jetzt, etlva^s davon gehört, daß das Lebe» der Juden bedroht sei. Wann auch einzelne Maßnahmen, wie die Verwahrung der Thörarollcn »nd anderer Kostbarkeiten, getroffen wurden, so sollte sich die mangelnde Vorsorge Und Organisation -bitter rächen. Wo religiöser Fanatismus sich austobt, dort ist er wie zu den höchsten so auch zu den gemeinsten »nd gefährlichsten Taten fähig. Tie Kreuzfahrer glaubten, ei» gutes Werk!.;» tun. wenn sie die „Ungläubigen" im eigenen Landc beseitigten, bevor sie die Mohammedaner aus dem -Heiligen Lande trieben. Jedenfalls lvar es bedeutend leichter, »'ehrlose Juden niederzuschlagein, als sich im Kampfe mit den lvaffengeübten Sarazenen z« messen. Taß der Pöbel hinzukam, wo es zu raube», morden »nd plündern gibt, ist selbstverständlich. ..Ein Schlachten lvar'ß, nicht eine Schlacht zu. nennen." Tie so blühenden jüdische!» Gemeinden Tcutschlands fielen dem Wahne der Kreuzfahrer zum Opfer. Von Rbei», Main »nd Tonau bis zur Elbe, floß jüdisches Blut in Strömen, so in Trier. Worms, Mainz. Köln, Rüdesheim, kanten, Gelder», Regensblirg, Prag und auch in unserer liegend, in! Magdeburg. Grauenvolle Szenen spielten sich ab, und häufig haben weltliche und Kircheltfürsten ihre den Juden gegebenen Versprechungen nicht gehalten, oft' allerdings auch nickt halten können. Toch der Fast überall haben leine Moment fand ein großes Geschlecht, die Juden bei der Wahl zwischen Taufe und Tod das letzter! gewählt, nur wenige traten über, manche. besonders Kinder, lvieder lesen wir. wurden zwangsweise getauft. Immer wie Eltern den Mut aufbrachten, ihre .(sinder und sich lieber zu töten, als sie den fremden -Hörde» auszuliesern. Ganze Gemeinden versammelten sich in der Synagoge, beteten und gaben thr Leben bin mit den ergreifenden Worten des „Schmäh jisroel". Männer und Frauen eiferten in Glaubensmut und Charakterstärke, Obwohl etwa 12 00(1 allein in den rheinischen Gemeinden nmkamen, werden doch'die Namen und Heldentaten vieler einzclner Männer u cd Frauen genannt. Nachdem der erste Sturm vorbei lvar. sammelten sich die versprengten Reste der Gemeinden wieder und zeichneten die Namen der Märtyrer in Gedächtnisbüchc rn (Memorbüchern) auf, die jetzt noch eine gute Quelle für die jüdische Geschichtsforschung bilden. Ta-! mals kam auch di! Sitte auf. am Versöhnungstage und am Ende der Wallfak rtsfeste Gedächtnis- und Seelenfeiern für die Märtyrer abzuhalten, deren Namen man aus den Memor-. büchern vorlas. Wenn man daher nach dein Grunde der Trauer in der Scphirazeit fragt, die man jetzt so häutig als veraltet bezeichnet so kann man mit den Worten des »läge liedes antworten: „Um diese weine ich und fließt mein Auge von Tränen." Goethe tröstetc bei Schillers Tode seine Freunde mit. dem stolzen Worte: „kenn er lvar unser." Auch wir sind berechtigt, voll Stolz ans die Märtyrer vor acht Jahrhunderten zu sein, und wir könne» nur wünschen, in der Gcgemvart recht viele Mänin r und Frauen unter uns zu habe», die für ihr Judentum al es einzusetzen bereit sind. die. von Idealismus erfüllt, das große (stanze vor Augen haben und nicht bloß ihren eigene > kleinen Vorteil. Mut und Charakterstärke bedürfen wir me ir denn je' darum ist uns die Sephirazeit nicht nur-eine ( eit der Trauer, sondern auch des Stolzes, und sie gibt uni die .Hoffnung, daß auch die Zukunft der Vergangenheit nicht unwürdig seiii wird. Viele zeitgenössische Tichter traben nn t die schrecklichen Tage in Piutim geschildert. die an den Sepbirasabbaten gebetet werden, und alle schließe» sie mit zukunftsf -oben Worten der Hoffnung. Tic Anfangsstrophe eines dnser Klagelieder von Benjamin ben Serach soll hier zum Schluß ihre Stätte finden: Tie Hänle ringt i» tiefer »erkergrufi Tie Inns srau Juda; weinend tönt die »läge: „Erhöre, verr, die in Bedrängnis ruft! Auö Brai d und Flut führ mich zum FreiheilStageI" HÖCHSTE aUALimT.

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