Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- 9 (31.1.1928)
- Date
- 1928-01-31
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 «emeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden Nr 9 damals alles locir, so nuif; ich dach zugestchen, das; wir heute, >4 Jabre danach, auch noch nicht sehr viel weiter gekommen sind. Gewiß, der Krieg hat alle internationalen Besprechungen, welcher Art auch immer, zerstört- und eben derselbe Krieg hat dafür die internationale Regelung der Arbeit in seinem Friedensvertrage gebracht. Zur Zeit, da diese Zeile» geschrieben werden, 13 Jahre nach der Genter Konferenz, tagt, mit einem ehemaligen französischen Minister an der Spitze. in Berlin der Berwaltungsrat des internationalen Arbeitsamtes. Aber werden nicht gleichzeitig, eben hier in Berlin, Arbeitskämpfe, Lohn- und Tarifkämpfe ausgefochten, von deren Erbitterung der Außenstehende nur deshalb nichts ahnt, weil sie sich zumeist hinter verschlossenen Türen abspielen; Straßenbahner, Hochbahner, Bauarbeiter, Bergwerksarbeiter - sie alle kämpfen um Lohn, Urlaub, Krankbeitscntschädignng, Arbeitsbedingungen. Und wieder müssen wir sagen: gerade die Stellung der jüdischen Arbeitsfürsorge ist ans dem allgemeinen Kampsplatze die ungünstigste. Als ich aut der erwähnten Genter Konferenz (als Delegierter der Großloge für Deutschland) dem deutschen Reichskommissar Dr. Richard freund einem Juden - die Lage der füdischeu Arbeitsfähigen und Arbeitswilligen Deutschlands vor- .stellte, denen man; um ibres Judentums willen das allgemein -proklamierte Recht ans Arbeit nicht gewähren Ivolle, da antwortete dieser jüdische Führer der deutschen Sozialpolitik: ' ,.Helft euch selbst!" Und diese Antwort gilt immer noch. Wir Inden müssen uns selbst helfen. Aber wie helfen >vir uns? Daß im Großen das Problem der Arbeitspolitik nur international 'gelöst werden kann, diese Erkenntnis beginnt nicht zum wenigsten dank der zähen Tätigkeit des Direktors des Internationalen Arbeitsamtes. Albert Thomas sich immer mehr durchznsetzcn. Unsre Arbeitsniriorge nun ist ja auf einen erheblich kleineren Umfang eingestellt: sie ist auf die jüdische Bevölkerung und im weientlichcki doch auf die jüdische Bevölkerung Deutschlands beschränkt. Aber sie ist darauf angewiesen, sich in ihrem verhältnismäßig kleinen Uinkreise der größeren Organisation des Reiches -und der noch größeren internationalen Organisation - die ja vorerst freilich noch mehr Idee als Realität ist - einzufügen. Und sie ist vor allem darairf angewiesen, ihren verhältnismäßig kleinen rännilichen Bezirk restlos und vollkommen durchznorganisicren. Was innerhalb Deutschlands die Einordnung der Länderfürsorge in die Reichsarbeitsfürsorge. was international die Einordnung der Reichsfürsorge in die internationale Arbeitspolitik ist, das ist ans uistc^em Gebiete der Ausbau und die Organisation der Wandernirsorge. Jeder Volkswirt weiß, daß die Konjunkturen nicht nur nach Gewerbezweigen verschieden sind, sondern auch nach Lokalmärkten. Deutschland etwa ist durchaus kein ganz gleichförmiges und einheitliches Wirtschaftsgebiet. Jeder Volkswirt und jeder Praktiker weiß es, daß febr wobl in .Hamburg Arbeitermangel, in München Arbeiter- Überschuß sein kann, daß bei sehr geringen räumlichen Entfernungen die Konjunkturen ans den Arbeitsmärkten so verschieden sein können, daß man bei geschickter Ausnutzung der örtlichen Konjunkturdifferenzen jeweils eine ziemlich große Anzahl Arbeitslose nnterbringen.kann. Aber allerdings gehört dazu eine vollkomnicn ausgebildete, reibungslos funktionierende Organisation der Wanderfürsorge, freilich kann es eine Unmöglichkeit sein, auch nur 20 Arbeitslose unterzubringen. wenn eine örtliche Fürsorgeorganisation ihre Tätigkeit nur auf den Ort ihres Sitzes beschränkt. Und es bleibt noch dann eine Unmöglichkeit, wenn sie dem Erwerbslosen einfach eine Fahrkarte in die -Hand drückt, ohne zu wissen, ob nicht am Reiseziel die Verhältnisse noch schlechter sind. Aber es hört auf, eine Unmöglichkeit zu sein, auch eine noch größere Zahl Erwerbsloser unterzubringen, wenn die .-Organisation der Arbeitsfürsorge ganz Deutschland erfaßt und jede Fürsorgestelle über die örtlichen und die Konjunktur- Verhältnisse jeder andern vollständig informiert ist. Es ist also zusammenfassend zu sagen: das Problem her Arbeitsfürsorge kann ungeachtet aller noch so großen Schwierigkeiten gelöst werden. Der Weg zu dieser Lösung liegt |in dcr zähen Verfolgung und praktischen Auswertung der in unsrer ersten Mitgliederversammlung im Mai vorigen Jahres aufgestellten Thesen: 1. Das Netz von jüdischen Arbeitsnachweisen in Deutschland ist.wieder neu auf- und anszubauen. Die etwa 40 bis 50 Arbeitsnachweise, die die Großloge in ihrem Verbände für jüdische Arbeitsnachweise seit dem Jahre 1894 begründet hatte, die durch Gesetze, Verordnungen, wirtschaftliche Depression und last, not least durch den Krieg zugrunde gegangen sind, sind neu zu errichten, zu vermehren und vor allem in stäiidiger engster Verbindung miteinander zu halten. 2. Es sind internationale Verbindungen herzustellen. In allen Kulturländern müssen jüdische Dertrauenspersonen gefunden werden, die für Auskunsts-, Beratungs- und Vermittlnngszweckc zur Verfügung stehen. 3. Tie Beziehungen unsrer fkeien Arbeitsnachweise zu den öffentlichen Arbeitsnachweisen sind teils anszubauen. teils zu begründe». Jede Zurückweisung, jede Benachteilignng jüdischer Arbeitnehmer durch öffentliche, jedermann zugängliche Stellen >ist energisch zurückzuweism. Jüdische Arbeitgeber, die jüdischen Befverbern ihre Häuser versperren, sind mit allen Mitteln zur Aufgabe dieser Haltung zu veranlassen. Schlimmstenfalls müssen sie öffentlich gebrandmarkt werden. 4. Tie Mitarbeit der maßgebenden jüdischen Organisationen muß. gewonnen werden; zur Aufklärung und Belehrung der jüdischen Kreise in .Handel, Gewerbe, Jn-^ 'dustrie und Handwerk — eine Aufgabe besonders für den Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens und für die gesamte jüdische Presse — und zur Produktivierung aller, brachliegenden Arbeitskräfte, was insbesondereder Rcichsbund jüdischer Frontsoldaten zu leisten hat. Daß auch der Verband der jüdischen Handwerkervereine in Deutschland bei der Erfüllung dieser Auf» - gaben und Ziele nicht abseits stehen darf, ist selbstverständlich. Wir aber von der Hauptstelle für jüdische Wanderfürsorge und von der Vereinigten- Zentrale für jüdische Arbeitsnachweise haben an diesen Zielen und Methoden, soweit es an uns liegt, mit eiserner Konsequenz festzuhalten, und für sie müssen wir in der jüdischen Oeffentlichkeit werben. Es wird nicht an Einsichten aus den Kreisen der Wirtschaft fehlen, die dieses Werk unterstützen werden. Und so wird das Problem der Arbeitsfürsorge gelöst werden können. Richter u. Reibhart Baumeister Dresden-A. Prager Straß« 46 Telephon 23931 und Nr. 20931- Ausführung von Neu- und [Umbauten Hausabput« EntwüaserLjngsanlagen Kostenanschläge und sachverständige Beratung 1 |