Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- 9 (31.1.1928)
- Date
- 1928-01-31
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 9 «emeindeblatt der Israelitischen R;ligionSgemeinde Dresden dem übrigen Unterricht unorganisch a»gefügt sei. Auf diese Weise würden wohl Kenntnisse in der Religion erreicht oder! einzelne religiöse Impulse geweckt werden, aber die Wir-! kungen eines solchen Religionsunterrichts blieben in ihrer! Isolierung wenig bedeutungsvoll, dienten nur in geringem Matze der Schaffung einer Persönlichkeit aus einem Gusse. Der Religionsunterricht muh vielmehr ein Konzentrationsfach im Organismus der Schule sein, ei» Kristallisationspunkt, um den sich die Erkenntnisse des gefamten Gesinnungsunterrichts sammeln, um die Grundlagen einer einheitlichen Lebens- und Weltanschauung zu bilden. Ob dieser Aufgabe der an den höheren Schulen häufig mir äuherlich angegliederte, von einem mit diesem Schulsystem oft wenig vertrauten Lehrer in nur zlvei Wochenstunden erteilte Religionsunterricht entspricht, oder welche besondere Bedeutung die konfessionelle Schule für die Entwicklung persönlichen religiösen Lebens hat, soll hier nicht erörtert werden. Zu einer sittlich-religiösen Persönlichkeit reift man nitit durch Gegängeltwerden. „Durch Selbständigkeit zur Selbständigkeit" ist das Losungswort der Gegenwartschule. Rir gends mehr als im Religiös-Sittlichen rächt sich Rachsprechen eingelernten Wissens und der Mangel einer selbständigen lleberzeugung. llnd nichts liegt unserer jüdischen Religion ferner als gutgläubiges Hinnehmen ein für allemal fertiger Glaubenswahrheiten. Die Schrift „erforschen" bedeutet im Judentum, sie .nicht als ein Abgeschlossenes betrachten, sondern ihren Sinn stets neu zu erschließen suchen. Darum sollen auch im Religionsunterricht unsere Schüler in der Beschäftigung mit der Relitzipn sich selbst finden, sollen selbst fragen, nach Möglichkeit selbst die Wege zur Erarbeitung des Wissens überdenken. Der Lehrer ist Organisator ihrer Tätigkeit, der Berater und Helfer seiner Schüler, ivo ihr Können versagt oder sich zu verirren Gefahr läuft. Aber da Religion weniger gelehrt und gelernt, als vielmehr durch die ansteckende Macht des Beispiels verbreitet wird, so werden wir doch.auch den beseelten Vortrag, die reiche Erfahrung des voii seiner heiligen Aufgabe erfüllten Religionslehrers keineswegs ausschlietzen, zumal bei richtiger Anwendung die Kinder dadurch in ihrer Selbständigkeit nicht beschränkt, sondern letzten Endes angespornt und gekräftigt werden. Das Bildungsideal unserer Tage und im Einklänge inik ihm die heutige Erziehungswissenschaft und -Praxis betonen wieder die Lebensganzheit. Und ebenso wäre ein Religionsunterricht, der nur religiöses Wissen erstrebt und damit der Forderung „ganz selbst zu sein mit dem Ewigen, deinem Gotte" zu entsprechen glaubt, von minderwertiger Beschaffenheit. — Allgemein stimmt inan heute dem Religionspsychologen James zu, der behauptet, datz das Gefühl eine tiefere Quelle der Religion sei als der Verstand, und daß die philosophischen und theoretischen Formeln nur sekundäre Produkte seien,-ähnlich wie Uebersetzungen des Textes in eine andere Sprache. Darum verschaffe der Religionslehrer seinen Schülern religiöse Erlebnisse, sei es durch Teilnahme an religiösen Gemeinschaftsäutzeruggen, sei komisi Stof -i Reich eistr und darin flctr lnng: bereit den drobk cu erzie lösnig erbliih erschii Gott ‘ Rein i> Seite 5 s im Rachleben religiöser Persönlichkeiten. Darauf t alles an, datz die im Religionsunterricht angejckianten e mit Gefühlswert erlebt werden, datz das Kind in den ionsstunden liebt und verabscheut,/ich begeistert und sich Hstet, sich bedrückt und sich befreie fühlt. IDie dankbare nicht eben leichte Aufgabe des Religionslehrers besteht die religiösen Persönlichkeiten so lebendig und naturvor die Kinder hinzustellen, datz diese, deren Hand n und Schicksale nicht nur, sondern vor alle»» auch Seelenvorgänge als gegenwärtig miterleben. Aber gntellektualismus, die für den Religionsunterricht stets!»de Gefahr, bekämpfen bedeutet nicht, den Intellekt von der Mitarbeit ausfchlictztm. Was das Herz ergriffen, mutz Eigentum der Erkenntnis werden. Das religiöse Gefühl ist - wie jedes Gefühl unklar, schwankend und >;u» berechenbar. Es erlangt erst Festigkeit, Klarheit und Stetigkeit durch seine Einschmelzung in Wertbegriffe und Wert», urteile. Wir fordern, datz der Intellekt Klarheit und Ordnung in die Aussagen des religiösen Gefühls bringe und so die Grundlagen einer jüdischen Lebens- und Weltanschauung lege, datz er über die Grenzen zwischen dem Jndentum und den inderen Weltreligionen, über die Grenzen auch zwischen den innerjüdischen Parteien orientiere und mit der jüdischen Apologetik vertrant mache. Aber nicht nur als Gefühls und Verstandessache sollen die Schüler unsere Religion kenn:» lernen: „sie ist in deinem Munde und in deinem Herzen, uin sie ausznüben". Religion will nicht nur erlebt, sondern auch gelebt sein. Welcher Schüler möchte es t nicht seinem Helden iiachlun? Aller Erlebnisuntcrricht drängt auf ein Gestalten hin. Aber-wie aus der Gesinnung , das Handeln erwächst, so formt und gestaltet wiederum das ' Hangeln die Gesinnung und-bewahrt sie vor Erstarrung und Verkiimnierung. Religion und Leben sind im Judentum ivie in ksincr andere» Religion anss innigste verbunden, Religion, ivelche ivie Baeck sagt bewiesen werden soll durch das.Leben, das Leben, welches erfüllt werden soll durch die Religion. Sorgen wir deshalb dafür, datz unseren Schülern Gelegenheiten gewiesen und geschaffen werden, um die im Religionsunterricht gewonnene Gesinnung nud Lehre in Schule und Hans zu üben und zu bewähren: eine Aufgabe, für?inen auf Wahrhaftigkeit begründete» Reliaionsuntec rieht zu schaffen! lind wenn Professor Nieberaall recht hat. -> datz es keine Methode in der Vergangenheit gäbe, die nicht an ihrem Orte heute noch angewandt werden dünke, ja müsie, dann erfordert der heutige Religionsunterricht - das verantwortungsvollste Fach im Gesamtgebilde der.; Men chenbildung - eine Meisterschaft, die nie erreicht wer-; den lanit und die ihr Gegenstück findet in dem nie endenden <?trcHMi, die Kunst, andere zu religiösen Persönlichkeiten zu gen, zunächst an sich selbst zu bewähren. as Beispiel des Propheten, der in einer Feit der Auf z und Zerstörung aus dürren Gebeinen neues Leben en sah, mag uns anfenern, unermüdlich und nn ‘ tterlich wie er mitznardciten au dein Ausbau des Stempels, der am Ende der Tage die in Lauterkeit und eit geeinigte Menschheit umschlietzt. 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