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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden · 1928-01-31 · 9 (31.1.1928) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
Volume
3 (1927-1928)
Issue
9 (31.1.1928)
Date
1928-01-31
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 lemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden Nr. Religiöse Erneuerung und jüdischer Religionsunterricht Von Dr. Adolf Löwenberg, Berlin Am 28. Dezember fand in München die Tagung des Reichsvorstandes der jüdischen Lehrervereine statt. Die Bayerische Israelitische Gemeindezeitung widme»« dieser bedeutsamen Tagung ein« Sondernummer, aus der wir den nachfolgenden Artikel veröffentlichen. (D. Red.) An' Ezechiels erbcibene Vision von den dürren Gebeinen im Totental und deren Wiederbelebung durch den Gottesgeisl tverden wir erinnert, wenn wir die religiös-indifferente Judenheit der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts bßr trachten und ihren religiösen Aufstieg im neuen Jahrhundert verfolgen. Konnte man hoffnungsloser über die westeuropäische Judenschaft urteilen, als es Lazarus tat: „Im ganzen Westen Europas ist das Geschlecht der Juden zum grössten Teil träge, stumpf und mattherzig für die Sache der Religion geworden. so daß nur von der Judenschaft des europäischen -Ostens oder der von Amerika eine Erneuerung des Judentums zu erhoffen ist?" Und wenn alte Weisheit lehrt, das; erst zlveier Zeugen Mund ein Urteil beweiskräftig macht, so fei noch Eäi'ar Seligmann angeführt: „Immer erschreckender wurde der Abfall vom Judentum und hie religiöse (Gleichgültigkeit. Das lebendige Judentum stand in (Gefahr, eine Religoic zu werden, die nur noch bei den Rabbinern anzutreffen >var." Kein Wunder, denn die zweite Hälfte des 19. Jayrhundcrts stand unter dein Einfluss des Materialismus und deS Positivismus. Technik, Industrie und Wirtschaftsleben batten einen ungeahnten Aufschwung genommen. Nur Wissen Macht und Reichtum schienen erstrebenswert. Durch einseitige Verstandespflege aber welkten Phantasie und Gefühlsleben dahin, in deren geheimnisvollen Tiefen sich alles Erleben vollzieht, und das Heilige, das Sittliche und das Schöne wurzeln. Ueber dem Objekt hatte man das Subjekt vergessen: den Menschen^ der nicht vom Brot allein lebt und dessen noch so gewaltige äußere Leistungen die Verküninicrung seines Innenlebens nicht aufwiegen. Bereits im letzten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts war der Rückschlag erkennbar in der k'in-cle-sidele Stimmung und in der Zwiespältigkeit der Kulturgesinnung. Im neuen Säkulum zeichnete sich der Wandel des Bildungsideals iuimer deutlicher ab. Neben dem Intellekt wurden Gefühl und Wille betont. Eine meue, gesunde Romantik erkannte, das; das Innere der Tinge eine irrationale Tiefe, etwas Geheimnisvolles hat. das erfühlt werden muß. Das Wesen der neuen Bildung bezeichnete Kerschensteiner als Begeisterung für ewige, zeitlose Werte, verkncnden mit gesunden; Wirklichkeitssinn. — Und die Not der Kriegs- und Nachkriegszeit lehrte wieder beten, lenkte Herz und Sinn wieder aus dieewige Trost- und Kraftquelle der Religion. — Und wenn der neue Volksstaat seinen Bürgern ein bis dahin unerhörtes Maß von Freiheit gewährte, so mußte er anderseits dafür sorgen, daß das Verantwortlichkeitsgefühl, das am sichersten in der Religiosität verankert ist, Gemeingut aller Volksgenossen wurde.. Tas Rauschen des Zeitgeistes weckte auch das halber storbciw jüdische Religionsleben. Tie dürren Gebeine bedeckten sich mit Sehnen, Fleisch und .Haut, tlnd bald regte der neuerwachte Geist die schwingen. Wer diese Erneuerung des Judentums verfolgen will, findet in den Jahrbüchern für jüdische Geschichte und Literatur reichen Stoff. Zahlreiche Vereine und Verbände würden begründet und viele 'jüdische Menschen durch sie veranlaßt, sich jüdischen Angelegenheiten zu widmen. Und war es bei manchen zuerst eine Sache des Verstandes, so wurde es allmählich doch Herzenssache. — An der Kräftigung des jüdischen Lebens hotte die Wissenschaft des Judentums hervorragenden Anteil, vor 9 allem^die 1902 begründete Gesellschaft zur Förderung brr Wissenschaft des Judentums. Und wenn auch wichtige Gebiete jüdischer Forschung vernachläs igt blieben und d:r größte jüdische Denker der Zeit, Hermann Cohen, in feinen letzten großen Werk im Rationalen h Langen blieb und de - halb zum Führer unserer Tage nich geeignet erscheint, so hat trotzdem die genannte Gesellschaft für die Kenntnis d w Judentums, für das Verständnis stines Wesens und die Festmung religiöser Gesinnung Außerordentliches geleistet. Jüdisches Wissen in populärer Fürm verbreitete in alle Gaue unseres Vaterlandes der Verein für jüdische Geschichte und Literatur, der im Jahre 190< bereits 16 000 Mitglieder zählte. — Erwähnen wollen wir auch, daß der Babel-Bibel-Streit, der eine Zeitlang alle Gebildeten n Spannung hielt, auch unseren Glaubensgenossen die bl; ibende Bedeutung des Alten Testaments und die lleb:rlegenheit der Lehre Israels über dje seiner Nachbarn n glänzendster Weise vor Augen führte.!— Und wenn auch bei Antisemitismus viele wertvolle jüdische Kräfte gebunden und edleren Ausgaben entzogen hat, so hat er auch, freilich urgewollt, das jüdische Selbstbewußtsein gestärkt, zu religiöser Selbstbesinnung erzogen. — Noch ist das Urteil über d n Zionismus geteilt, und erst eine spätere Zeit kann hier gerecht enZcheiden. Aber auch seine Gegner geben zu, daß er viele Laue und Gleichgültige wieder innig mit unserer jüdischen Gemeinschaft verbunden, Begeisterung und Lpsc rwilligkeit erzeugt und reiche Bildungssaat ausgestteut hat. Tie Renaissance der hebräischen Sprache ist sein Verdienst, und kein geringes ist es auch, daß im Kampfe mit dem jüdischen Nationalismus das religiöse Problem tiefer erfaßt wurde. — Vergessen wir auch nicht anzuführen, was tie jüdische Jugendbewegung für die Erneuerung des Judentums bedeutet. Wir hätten gewünscht, daß Lazarus noch gesehen hätte, wie die jüdische Jugend aus eigenem Antriebe und mit eigener Kraft sich jüdisches Wissen erarbeitet uub sich wieder an den erhabenen Ideen des Judentums legeistert. Schon dieser unvollkommene Ueberdlick zeigt die Fülle ter Erscheinungen, in denen mehr oder minder die Erneuer»;g des Judentums sich offenbart. Das alte ewig Neue ist Mieter unsere eigenste Angelegenheit geworden. Trotz ungezählter Indifferente;;, trotz Abfall uitt» Mischehen. die an unserem Bestände zehren, behauptet sich das heutige Judentum cls eine GeisteSmacht, die in unseren Tagen wieder zahlreichen jüdischen Männern und Frauen Kraft und.Trost, Weihe und Sabbatfrieden gewährt, und die auch Außenstehenden in steigendem Maße Achtung und Anerkennung abnötigt. Durch die Erneuerung der Religion ist das Interesse am jüdischen Religionsunterricht und die Bereitwilligkeit, ihn zu fördern, in außerordentlichem Maße gewachsen. Soviel damit auch für den Erfolg des Religionsunterrichts;c Wonnen ist, viel wichtiger ist noch. - daß der jüdische Rcligionslehrer seine Arbeit verständnisvoll dem Erziehungswerk der Gegenwart einordne.. Der Religionsunterricht 1 ist ja nur ein Teilgebiet des Gesamtunterrichts, der gegenwärtig mit seltener Uebereinstimmung als Dienst an der „werdenden Persönlichkeit" bezeichnet wird. Gerade der jüdische Religionsunterricht wird diese hohe Auffassung hon der Erziehung gern unterschreiben; lehrt er doch die Gyttebcnbildlichkeit des Menschen und demzufolge dessen Beruf,, sich mittels der ihm verliehenen Vernunft und Freiheit über sein natürliches Triebleben zu erheben und Bürger einer höheren einer fittlich-religiösen Welt zu sein. Aber die Bedeutung des Religionsunterrichts für die Bildung einerin sich gefestigten Persönlichkett verbietet, daß der Religionsunterricht nur.ein Fach neben anderen Fächern oder gar nur L MAX TRIPS, inhädeh ALBIN W AUER DRESDEN.N., HÖNIÖSDßUCKEfi STRASSE 50 Künstlerische Wohnunöseinriditunßen in allen Preislagen BESICHTIGUNG ERBETEN GRÖSSTES HAUS AM PLATZE

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