Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- 9 (31.1.1928)
- Date
- 1928-01-31
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Nr . 9 iemeindeblatt dex Israelitischen R und des aufgeklärten Kosmopolitismus der Stoa ergab. Auszugehen ist hier vom Universalismus der Dichter und Denker zu Ende des 18. Jahrhunderts in Deutschland auf der einen Seite und dem dann im 19. Jahrhundert sich breitinachenden Internationalismus der Sozialdemokratie. Hier können wir die Situation aus der Nähe zeitgenössischen Miterlebens beurteilen. Der Universalismus der deutschen Dichter und Denker, so sehr er die ganze Menschheit selbst, nicht nur das eigene Volk in die Spannweite seiner geistigen Welt einbezog, war es zugleich, der die deutschen Freiheitskriege gewonnen und die Deutschlandidee der zerklüfteten Nation vorgehalten hat, so daß das geeinte Deutschland als Werk dieses Universalismus anzusehen ist. Betrachten wir mit diesem Universalismus des ausgehenden .18. Jahrhunderts den Internationalismus des 19. Jahrhunderts, w treten wir damit in eine ganz andre Welt, wie sehr auch die Intellektuellen, die diesen Internationalismus vertraten (und wohl noch vertreten) es liebte», die universalistischen Thesen der deutschen Dichter und Denker zu zitieren. Sic sun es" mit demselben Unrecht, mit dem Paulus den Universalismus der jüdischen Propheten zur Legitimierung seiner Entfremdung dem Judentum gegenüber heranzog. Der Internationalismus war die Theorie einer im Volksganzen entrechteten Gruppe. Menschheit nicht Nation. Dieses Entweder -- Oder, das für den Universalismus der jüdischen Propheten und der deutschen Dichter und Denker gar nicht besteht, weil die Nation der Rahmen der sittlichen Arbeit ist, die die Menschheit rechtfertigt, hat seine seelische Vorgeschichte, die wohl zu beachten ist. Menschheit, nicht Nation, dabei ist nicht die Liebe zur Idee der Menschheit das seelisch erste, sondern der Haß gegen die eigene Nation, der bei einer entrechteten Gruppe begreiflich und auch zu entschuldigen ist. Aus einer Haßliebe heraus propagiert der Internationalismus die Menschheit. Diese psychologische Entdeckung von der Haßliebe geht auf'Nietzsche zurück, der für sie das Fremdwort Ressentiment gebraucht. „Man spricht von Liebe und schwitzt dabei'^, das ist Ressentiment. Der Haß, der sich nicht betätigen kann,'wird umgelogen zn einer Liebe. Menschheit, das war der schwüle Himmel der Opposition, die im Vaterland bitteres Unrecht erlitt. Mit diesem internationalen Bekenntnis zur Menschheit hat sich ihr Haß Luft geschafft und trat im Gewände der Liebe auf. Dasselbe ist vom Kosmopolitismus des Paulus zu sagen. Er beruht auf Ressentiment. An einer der wenigen Stellen in Werfels Paulus-Drama, die den wirklichen Kenner der jüdischen Geschichte befriedigen, läßt der Dichter Gamliel zu Paulus sprechen: Ich nenne dich den Selbsthaß Israels. Hier ist der Dichter der ' geschichtlichen Wirklichkeit nahegekommen. Jude zu sein bedeutete auch zur Zeit des Paulus keine leichte Sache. Puritanische Strange im Innern und Verfolgung in der Außenwelt. Dazu kam, daß Paulus als griechischer Jude diese zwei Bildungswelten Griechentuin und Judentum in sich trug, Bildungswelten, die sich in vielem scharf entgegenstanden. Es tvar eine schwere Situation, dieses Judesein, wie so oft in der jüdischen Geschichte, so auch zur Zeit des Paulus. Der Haß gegen diese Situation gebar seinen Kysinopolitismus. Er verließ das -Judentum und bekannte sich zur Menschheit. Aber sein Bekenntnis, wie gleich es auch äußerlich mit dem der Propheten scheinen mag. es beruht auf Ressentiment. Das Verweilen an dem Punkt der jüdischen Geschichte. eli^ionSgemeinde Dresden Seite 3 - den Paulus darstellt, ist für das zeitgenössische Judentum | von mehr als theoretischer Bedeutung. Worauf beruht unser Besinntnis zur Menschheit? Ist unser Bekenntnis im Sinne! kreise der eigenen Gemeinschaft, in die wir durch Schicksal! unsrer Propheten, die uns lehren, an den Aufgaben im Um- | und Geschichte hineingestellt sind, den Ausgang der sittlicht.ii Benützung um die Menschheit zu nehmen? Oder beruht! unser Bekenntnis zur Menschheit auf diesem überschnellen Entschluß, der aus einer schweren Situation sich zu besccicu kracktet. Und schwer ist die Situation der Juden. Nicht nur wegan des Antisemitismus. Nicht nur deshalb. Geschichtliche Verpflichtung ist schon von vornherein nichts Leichrcs. Beruht unser Bekenntnis zur Menschheit auf Ressentiment? Das ist nun eine Frage für den, der tief in die Herzen zu schai en vermag. Wenn auf der Front des Gemeindehauses einer .. alle dem jüdischen Grotzstadtgemeinde steht: Haben wir nicht einen Vater?, so ist mit diesem erhabenen Zitat aus religiösen Universalismus des Judentums noch nichts ausgemacht. Was hat die Schreiber bewegt, der Geist des jüdi chen Prophetismus oder Ressentiment? Diese Gleichheit der Oberfläche bei völliger Verschiedenheit der innerer Gesinn ing macht unser jüdisches Bekenntnis zur Menschheit zum Gegenstand ernstester Besinnung. Bewegt uns echte Lieble oder etwas andres? Die Frage wird entschieden durch die Tatsache, daß unser echtes sittliches Bekenntnis zur Menschheit nie. die Bägatellifierung unsrer eigenen jüdischen Geneinschaft nach sich ziehen wird, daß wir mit diesem Bekenutnis zur Menschheit sehend werden für den Pslichtenkreu in unsrer eigenen Gemeinschaft in dem wir unsbemühen — im Namen der Menschheit. Mebertzer »ilsner Radeberger Expörtbierbraurrei Babebcre «hielt ffisra IBrUrvf «firn fein« unüberlroffmm m Qualität Sit FINDEN AI.LE NEUERSCHEINUNGEN IN DER BljcHHANDLUNG STR AI) SS & BUTTULA CHRISTI ANSTR neben NR. 19 ECKE STRUVESTRASSE RUF 14335 SEIDENHAUS führend in Seide und Samt für Sirafbe und (je/eilfchoft 54COBY