Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- 9 (31.1.1928)
- Date
- 1928-01-31
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden Nr. Gerechtigkeit und Frieden küssen sich. Wahrheit sproßt aus der Erde hervor, und Gerechtigkeit schaut aus der Höhe hernieder" (.So, 11 12). Diese Zuversicht hat die Bibel der Menschheit gegeben, und von ihr lebt seitdem alle menschliche Hoffnung. Das >var für die Propheten auch das Bild der Zukunft Israels. Das Schicksal Israels ist für sie das Schicksal der Religion, und der Weg und das Geschick der Religiost und damit der Menschheit sind der Weg und das Geschick Israels. Do tritt die Geschichte Israels hier in den Mittelpunkt der Geschichte der Menschheit; inmitten der Hoffnung der Menschheit steht die Hoffnung und der Trost > sraels. Das Heu mr Menschheit ist für die Propheten das Gi t, das von Zion aus gegangen ist. „Bon Zion geht die Lehie aus und das Wo,t des Ewigen von Jerusalem" (Jes. 2, 3 u. Micha 4, 2). Alle Menschen werden sich in dem einen 0 ott zusammenfindeii/ dessen Wort zuerst in Israel verkünden worden ist:.„Meil Haus wird ein -Haus des-Gebetes genannt werdei^ für allsc Völker" (Jes. ö6, ”). LeoBaeck. Die Menschheit Eine rrligionsgeschichtliche und zeitgeschichtliche Betrachtung Rabbiner Tr. Ignaz M a y b a u m, Bingen a. Rh. , Betrachten wir die wichtigsten Gemeinschaftsformen, die In der Fülle aller möglichen Gruppen für das sittliche Handeln am meisten praktische Bedeutung haben, so müssen wir zunächst beginnen init der Famile. Jrt der Familie stehend, erirreckt sich die Leistung des sittlich handelnden Menschen auf Volk und Staat und dann auf die ganze Menschheit. Wie schon das populäre Empfinden sein Bedenken gegen eine Betätigung im allgemeinen auf Kosten des Bestandes des engeren Kreises, z. B. der Familie, scharf ausspricht, so tonnen >vir überhaupt dahin formulieren, daß, abgesehen von tragischen Zusammenstößen, bei denen das Interesse des . böhereu Kreises das Opfer der Hintansetzung der kleineren Gruppe fordert, dis normale sittliche Bewegung so sein wird, daß keine der natürlichen Gruppen übersprungen werden wird. In der Familie beginnt das sittliche Wirken, setzt sich fort auf das Arbeitsfeld des Volkes und des Staates mit nicht aus dem Auge zu lassender Hoffnung und fest zu betätigendem Glauben, daß das Gute, das wahrhaft Gute, das erreicht wird, nicht nur erreicht wird für die Familie, nicht nur erreicht wird für Volk und Staat, sondern zugleich für die ganze Menschheit. Daher kann der Imperativ: Wirke für die Menschheit! ganz einfach lauten: Tu Gutes in deinem ftteije! In deiner Gemeinschaft, in die du durch Natur und Schicksal hineingenellt bist. Darum ist jede wahre Ethik universal. Das Gute, das geschaffen wird, ist nicht nur für den kleinen Kreis der das Gute schaffenden Menschen, sondern für die ganze Menschheit bedeutsam. Tie Entstehung des Guten hat naturnotwendig seine partikulare Geschichte, das Gute selbst aber in seinem Wert und in seiner sich auswirkenden Bedeutung weiß nichts von diesem Partikularismus, es ist universal. Jede wahrhaft gute Tat ist Eigentum der Menschheit. Zum erstenmal in der Geschichte haben die Propheten Israels in ihrer Religion, die nicht von mythologischen Vorstellungen über'die Natur und ihre Entstehung, sondern von den die Sittlichkeit bewegenden Gedanken ausgegangen war, sich zu diesem Universalismus durchgerungen. Ter Gott Israels ist der Gott der Menschheit. Mitten in ihrem Volk flehend, mit chrem Volk in' patriotischer Liebe verbunden, baden sie erkannt, daß alle Völker einbezögen sind in den Plan der göttlichen Vorsehung, daß das geschichtliche Leben nicht ein sinnloser Kampf aller gegen alle ist, sondern ein Sichvorwärtsentlvickeln zur Vollkommenheit, die Gott der gesamten Menschheit als Ziel gesetzt hat. Diese Auffassung der Weltgeschichte, die das Weltgericht ist, weil nach ihr alle Macht nur so lange berufen bleibt, als sie Dienerin des Guten ifl. und die alles Geschehen nicht nur vom Gesichtspunkt des Volksegoismus aus beurteilt, sondern vor der Menschheit selbst sich rechtfertigen läßt, hatte ihre Feuerprobe zu beneben, als das Judentum in Berührung kam mit der hellestnus. Dieser Kosmc Stoa ausgebildc t uistischen Welt und ihrem Kosmopoliti politismus, der* theoretisch, durch die . worden war, unterwühlte alle natio^ ialen Gemeinschafte t und inachte aus Nationen mit lebendig, r organischer und g«> schichtlicher Individualität gleichförmig«, keinerlei Eigenlebe betätigende Verwaltungsbestandteile di s Imperium'Roma mim. Dieser weltliche Kosmopolitisn us war ganz etwak andres als die prophetische Schau voi das von Gott gesetzte Ziel der national, n Kulturbemühunge i ist. Die Propheten hatten' in der Mens hheit den Zusammen schlutz der in Gott geeinten Nationen gesehen, der Kosm^ politismus sah in der Menschheit den Verzicht auf nationall Eigenleben. Es ist begreiflich, daß Christentums vom Judentum unter dieses Kosmopolitismus geschah. Das das die eigene Gemeinschaft zu bewahr> n hatte, konnte dieser die Loslösuiig des Paulus im Namen offizielle Judentum, mitmachen, wie nü<- Lerbreitung der rel - das Christentum hc t hemmungslosen Kosmopolitismus nicht lich er auch auf den ersten Blick der giösen Idee des Judentums war, und! die Mission in der antiken Welt auf! ieser kosmopolitische i Grundlage tatsächlich durchgeführt. Paulus, der an d«r Spitze dieser Mission steht, hat nun die Neigung, sein ko;- mopolitisches Weltbild, d. h. zugleich einen Bruch mit dein Judentum m den Augen seiner Zeitge rossen zu.rechtfertigen, indem er sich auf den sittlichen Uninersalismys der Pr,- pheten beruft. Mit größtem Unrecht. Die Menschheit, die der Gott der Propheten dem sittlichen Handeln des Menschen voranleuchten läßt, ist übernational, si: ist die für die Ku - turbestrebungen aller Nationen gültige Idee. Die Menschheit, die Paulus im Kopfe hatte, als r sich vom Judentum loszulösen berechtigt fühlte, ist anatior al, sie ist — das war die Lehre der Stoa, die Paulus hier t ertritt —• die Lebensform, die an Stelle der nationalen Lebensform treten und sie ersetzen soll.! Universalismus und Kosmopoliti, mus sind nicht nrsr zwei Fremdworte für dieselbe Sache. Ls ist jedesmal etwas andres, wie sehr auch beide Male da » Wort Menschheit es ist, auf das Bezug genommen wird. Der Universalismsts sucht sich im Rahmen der eigenen Nation die Kulturanfgaben, deren Erfüllung sittliche Leistung der Menschheit gegenüber bedeutet. Der Kosmopoliti-inus glaubt, nur nach Sprengung der eigenen Gemeinschaft erst die Plqttform zu haben, der Menschheit gegenüber sich;u bewähren, ja. stellt in der Auflösung der eigenen nationa en Gemeinschaft schpn ein Positivum der Menschheit gegenüker. Betrachten wir' diesen. Gegensatz der zwei Stellung nahmen, die jedesmal die Idee der Menschheit auslöst, w er sich iit der jüngsten Vergangenheit des heutigen Europois darstellt, ^so wiederholt sich all das, was sich bei Gegenübe : stellung des prophetischen Universalst mus des Judentunis DAS HAUS FÜR VORN EH/ME DAMENBEKLEIDUNG D R E S PRAGER STRASSE D E N - A. 3f, TELEPHON $1746