Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- 8 (31.12.1927)
- Date
- 1927-12-31
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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Rr. 8 meindeblatt der Israelitische» RetigiöuSgemeinde Dresden Seite b Reflexionen über Religion Bo» Dr. H. Lob, Götebora X Welche Krisen und Wa idlunge» die Religion auch erleiden mag, sie kann sich veränlern, ihre Form und Gestalt kann wechseln, chre Lehrsätze ki nnen dem Einfluß der jeweiligen Gesamtkultur unterworfer sein — Religion als solche ist eine Urtatsache menschlicher L chensäußerung, ursprünglicher als Philosophie, Kunst, Wissenschaft, und sie wird deshalb auch bestehen, solange im Men chen über die ursprünglichsten Bedürfnisse hinaus die Fähigkeit und Empfänglichkeit für geistige Werte besteht. Man hat versucht, die Religion dadurch zu diskreditieren, daß man sie auf chre Abstammung hin prüfte: sie sei aus Furcht und Aberglauben entstanden und sie sterbe daher, wenn eininal Furcht und Aberglaube in einer von Vernunft und Wissenschaft erleuchteten Menschheit gestorben sei. Man könnte eS dabei bewenden lassen —, denn vermutlich dauert es bis t ahin noch ziemlich lange. Indessen ist der Versuch, Religion ms solch trüber Quelle herzuleiten, kindlich. Es ist naiv, zu glauben, eine Kulturkraft wie die Religion habe nur eine oter zwei Ursachen. Und selbst wenn es so wäre, wäre nicht viel gewonnen. Für den Wert und das Wesen der Religion ist ihr Ursprung genau so wenig entscheidend, wie die Vernu ist eines Menschen den Wert desselben bestimmen kann. Um die Eigenart der Religion zu erfassen, brauchen wir nicht zu den Anfängen zurückzugehen, die wir doch nie erfahren, ind wenn wir sie erfahren, nicht verstehen, sondern wir müs en uns an die großen religiösen Lehrer der Menschheit w nden, wie wir uns an Sophokles. Shakespeare,' Goethe, Calderon usw. wenden, uni zu wissen, ivas Dichtkunst sei. Und i csen wir die Bibel, lauschen wir den Propheten, den Psalmen, horchen ivir aus den religiösen Ton bei dewLehrern desTalnudS und den Rabbinern und Philosophen des Mittelalters,!ann finden wir wohl Ehrfurcht und Erschütterung, aber kein' Furcht, wir finden Dankbarkeit. Sehnsucht, Klage und H offnung, Verzweiflung und Jubel — und wie die religiösen Stimmungen alle benannt werden inögen —, und wir stoßm vor allem überall auf grenzenloses Vertrauen zu Gotr, dem Vater, der seine Kinder auch dann liebt, wenn er sie . üchtigt. Man kennt doch die Proplieten wohl recht schlecht, wenn man sie für furchtsam hält. Von einer andern Seite her macht man einen Einwurf gegen die Religion: Mau sagt, die Religion ist anerzogen, angelernt: wäre sie etwa; Ursprüngliches, so müßte sie sich von allein entwickeln. Tie Religion bedarf in der Tat der Erziehung, genau so wie ne Wissenschaft, wie die Kunst, wie alle Kultur gepflegt werd< n muß. Aber deswegen ist Religion nicht tot, weun sie nicht gepflegt wird: sie schlummert dann eine Zeitlang, aber immer wieder bricht sie, besonders in Zeiten schiverer Erschütterungen, hervor, nicht Kunst uich nicht.Wissenschaft und nicht politisches Leben können sic ersetzen: sie ist mehr als d ese: sie-ist deren Mittelpunkt und tragende Idee. Ist das religiöse Leben erschüttert, so pflanzt sich die Unruhe bald auch auf die andern Gebiete fort. Vernachlässigung und Gleichgültigkeit gegen die Religion rächen sich bitter: es folgt fast mmer ein Rückschlag, bei dem die ruhige, harmonische Ent> ncklnng der Kulturgebiete zunächst unterbrochen wird und in schwere Krisen gerät. Das religiöse Sehnen läßt sich Nicht unterdrücken —, und lassen wir es ungestillt, dann wendet es sich auch an unlautere und trübe Quellen, um den Durst zi löschen. Denn in uns ist eine Sehnsucht nach einem Reineren, und Besseren, aw die Wirklichkeit zeigt: eine heilige Unzufriedenheit mit dem Sein, wie es ist, treibt uns vorwärts: das Gefühl, daß es die ewigen Werte der Wahrheit, Güte. Schönheit gäbe, beseeüt uns: wir ringen nach Klarheit und Festigkeit im Leben und Charakter; wir suchen einen Mittelpunkt für unsre geistige Existenz zu gewinnen, und wir können die Fragen »ach dem Sinn und Zweck des Daseins, die Rätsel von Gut und Böse m der Welt nicht abnieisen. Und andre Kräfte ruhen in »ins, die, wenn sie erst einmal entbunden sind, Religion aufschießen lassen und nähren: wir haben die Fähigkeit, Schauder Und Ehrfurcht zu empfinden, wir können uns von den Tatsachen in der Natur und (beschichte erschüttern lassen, wir haben die göttliche Gabe „staunen zu können", und das Staunen ist nicht nur der Anfang der Philosophie, sondern auch der Religion; Dankbarkeit, Freude, Hoffnungslosigkeit »nd Verzweiflung, Jubel und Schmerz suchen und finden Ausdruck, wollen ausströmen in ein Ewiges. Unendliches. Und Religion entzündet sich beim Versenken in das Leben der edlen Menschen der Vergangenheit und beim Anblick reiner Liebe und Hilfsbereitschaft im Alltagsleben; auch hier gibt es wahre .Helden und sie sind nicht immer bei den „Großen" zu. finden. Opfer, Güte, stiller Verzicht und lautlose Tat, sie iverden oft im Kreise der „kleinen Leute" geübt — und wo wir ihnen begegnen, fühlen wir, daß auch da Gott ist. Wie der Verstand die Wissenschaft aus sich gebiert und -die Wissenschaft dann ilwerseits wieder'den Verstand schärft und ansbildet, so sind, wie wir sahen, gewisse Gefühle die Träger der Religion: die Religion ihrerseits veredelt und läutert, reinigt und vertieft diese Gefühle: beide bedingen sich. Tie Wissenschaft lehrt uns Zusammenhang und Gesetz in der Welt, die Kunst zeigt uns Gestalt und Form und Farbe und Licht, der Staat offenbart das Ringen »in Macht und Geltung. Die Religion erhebt nicht nur alles Irdische in die Sphäre des Unendlichen, sie hebt auch Begriffe und (Yefühse ans Licht, die ohne sie nie Reife und Klarheit gewonnen hätten. Ist Religion, erst erweckt, so kann sie au jedes äußere Ereignis. a» Stimmungen und Gedanke» anknüpfen: ein fallendes Blatt, fließendes Blasser, eine steigende Rauchsäule, Wald, Wolke» persönliche Schicksale und Begebenheiten der Geschichte: alles kann nun der .Hauch Gottes durchwehen. Und daigit wird Natur und Leben und Geschehen siunvoll; bei aller Schwere und allem Leid ist doch Weg und Ziel. Lo formt Religion die gestaltlose Wirklichkeit um und bildet ne nach ihrem Maß. Häusliche hebräische Gesänge Häusliche Gesänge gab es bei den Juden schon in alter Zeit. Besenders das Tischgebet gab im häuslichen Kreise Veranlassung zum Singen. Das Schir hamaalaus, das dem Tischgebet vornngeht, weist schöne alte Melodien, auf. Roch heute hat sich in vielen jüdischen Häusern hierfür irgendeine der vielen traditionellen Melodien erhalten. Herr Kantor Hofstein, der in höchster Zeit seinen 70. Geburtstag feiert, hat zwei, alte Melodien niedergeschrieben, die wir als Musikbcilage an anderer Stelle veröffentlichen. FernsnrecfrAnlagen jedes Systems Vollautomatische Anlagen, Reihenschaltungs-Anlagen Glühlampen-Zentralen, Haustelephon-Anlagen in höchster Vollendung In K,auf und Ml^le führen aus Dresdner Privat-Telefon-üeieillchafl •A.1 Wilsdruffer Si und unverbin G.M.V.U. 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