Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- 8 (31.12.1927)
- Date
- 1927-12-31
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 temeind »eblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden Nr. 8 Jur Soziologie und Psychologie der jüdischen Ehe Po» Br. Professor Tr. W. L» ancuet, Frankfurt a. M.'!! In einem im vorigen Iah:e in der Zeitschrift für Lerualwissenschask'erschienenen Aufsatz habe ich mich mit dem Problem der jüdischen Ehen der Gegenwart auseinandergesetzt, ich habe hier zunächst "die Beleutung der Ehe für die Kultur und den Fortschritt der Men chheit gewürdigt und dann die Frage erörtert, ob die jüdischen Ehen Besonderheiten aufiveisen, die sie aus chrer Hing düng herausheben. Hier müssen wir zunächst die Tatsachen de: Statistik sprechen lassen. Tie Juden in Deutschland, und >as gilt überhaupt für Westeuropa, zeichnen sich durch nnc geringere Heiratsfrequenz gegeniiber den andern KonfejIonen aus', das durchschnittliche Heiratsalter der jüdischen R änner ist ein späteres als das ihrer Umgebung. Auffallend groß und in zunehmender Steigerung begriffenist die Zahl der Mischehen, entfallen doch heute' in Deutschland cn f hundert ne» geschlossene rem jüdische Ehen etwa vierzig Mischehen, bei dem entiveder der Mann oder die' Frau dem üdischen .Glauben angehört, so daß jeder sechste Jude oder Jüdin, die in die Ehe eintreten, eine Mischehe eingeht. Wenn wir diese Tatsackic vürdigen wollen, so müssen wir hier drei Perioden unterschei »en: 1. die Vorkriegszeit, 2. die Kriegsjahre und 6. die Nach riegszeit. * Nicht immer haben sich die Juden durch eine niedrige Heiratsziffer ausgezeichnet. Jahrhundertelang ist das Schöpfungswort befolgt worlen: „Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei." Tie R ligionsquellen, Bibel und Talmud, weifen immer wieder larauf hin, daß die Ehe gemeinsam zum Leben gehöre. T r Ehelose, wird gering geachtet, einmal sogar als Mörder be ejchnet. Auch die Rabbiner der i lätcren Zeit propagierten eifrig die Eheschließung. Als 17# in Frankfurt a. M. die israelitische Männerkrankenkasse ergründet wurde, bekämpfte der dämalige Rabbiner die neue Institution mit der Motivierung, wenn erst die Frankfurter Ji wen in Tagen derKrankheit von der Krankenkasse unterstützt würden, dann hätten sie keine Veranlassung mehr, zu heiraten. Auch die Vereine und Kassen zur Ausstattung armer jüt ischer Bräute dienten der Ehesörderung. Trug man dort sogar kein Bedenken, Verkrüppelte und Minderwertige zi verheiraten. Seit dem Mittelalter wirkten'ungünstig aus die Heiratsfreqnenz die Eheerschiverui gen. die über die Juden int Ghetto verhängt wurden, d e noch bis zum 19. Jahrhundert nachivirkten. Betrug doch ii folgedesien in Frankfukt a. M. in den Jahren 1827, bis 1844 t ie Heiratsziffer nur 5,3 auf 1000 der jüdischen -Bevölkerung. Aber auch als die gesetzlichen Ehehemmnisse wegfielen, weisen bereits die älteren Ziffern der Statistik die geringe Beteiligung der Juden an den Eheschließungen nach. So ent ielen in Berlin in den Jahren 1863 bis 1880 auf 1000 der Gefamtbevölkernng 10,5 Eheschließungen, bei den Inden dagegen nur 6,6. In deg Jahren 1911 bis 1914 waren die en sprechenden Ziffern 10,8 und 5,6. In Preußen heirateten in den Jahren 1876 bis 1880 von der (yesamtbevölkerung 7,9, bei der jüdischen 7,1, 1886 bis 1890 ivaren diese' Zahlen 8,9 und 6.9, 1914 6,8 und 5,7. Dabei müßten eigentlich die Inder von vornherein eine höhere Heiratszisfer aufweisen, weil i rfolge der Kinderarmut mehr iin heiratsfähigen Alter befir dliche Personen sich bei ihnen finden. Tas durchschnittliche Heiratsalter der jüdischen Männer'liegt höher als bei der allgemeinen Bevölkerung, das 1901 bis 1905 im Deutscher Reich 29 war. Tiefe abnormen Heirat -Ziffern der ^Juden beruhen nun Aus der „Crbcu Bne Bc i ß". Nr. II. nicht etwa auf Einflüssen der Rasse oder der Religion, sondern sie hängen mit iozialwirtschaftlichen Verhältnissen zusammen: sie erklären sich durch das Fehlen des Proletariats, das häufiger und auch früher heiratet I und dadurch die allgemeine .Heiratsziffer bedingt. Tie Juhen gehören vorwiegend dem ivohlhabenden und gebildeten Tjeil der Bevölkerung an. und je mehr diese Voraussetzungen bei einer Volksschicht zutreffen, um so zurückhaltender steht sie »er Eheschließung gegenüber, um so später wird geheiratet. Das trifft auch bei den Berufen zu, die vorwiegend von Hen Juden ausgeübt werden, dem Handel, der Industrie und den freien Berufen. Was die Mischehen anlangt, so habe ich deren Statistik für das Reich, die Länder und eine Anzahl größerer Städte für die Tüffeldorfer Ausstellung bearbeitet, und deren Resultate waren in der Abteilung „Hygiene der Juden" bildlich zur Darstellung gebracht worden. Tie Arbeit wird demnächst im Allgemeinen statistischen Archiv |ncröffentlicfjt werden. Diese Statistik zeigt, daß bis zum Jühre 1874, bis zum Inkrafttreten des Gesetzes über die bütgerlickien Ehen, jüdisch-christliche Mischehen in Teutschland ganz vereinzelt waren. Von da an werden sie eine regelmässige Erscheinung und nehme» von Jahr zu Jahr zu. Die starke Vermehrung der Mischehen tritt jedoch erst mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts auf. so daß sie von da an als Mitursache für die geringe Zahl der reinjüdischen Eheschließungen abgesehen werden kann. Während des Krieges hat aus bekannten Gründen die Zahl der Eheschließungen sehr äbgenommen, bei den Juden in noch stärkerem Maße als bei hen Nichtjiiden. Tie Zahl der jüdisch-christlichen Mischehen h^t' dagegen in dieser Periode sehr stark zugenommen, so daß in manchen Großstädten, wie Berlin und Frankfurt, in manchen Jahren die Zahl der Mischehen die der rein jüdischest Ehen überwog. In der Nachkriegszeit verzeichnen wir zunächst eine starke Zunahme bei den Eheschließungen, die aber bei den Juden geringer ist als bei den Nichtjuden 0919 in Preußen 13,3 bei der Gesamtbevölkerung, 10,5 bei den Juden) und bald in stärkeren, Maße abninunt als bei der nichtjüdischen Bevölkerung (1922 in Preußen 11,2 Ehsschließungen bei der Gesamtbevölkernng gegen 7,8 bei den Juden). In den letzten beiden Jahren haben die reinjüdisckien Eheschließungen in Deutschland rapid abgenommen. Tie Ziffer fiel pon 5617 im Jahre 1923 aus 2964 in 1925. | Nun die psychologische Seite des Eheproblems. Tu Gründe für die Besonderheiten! der jüdischen Ehepolitik )wr den in rationalistischen Erivägungen gesucht und wohl anck mit Recht darin gefunden. Dev Jude von heute betrachtet du Ehefrage mit nüchternem Kalkül. Regungen des Herzens hat er in jüngeren Jahren kauin Raum gegeben oder hat sü njedergekämpst. in reifere Jahre gelangt, kann er sich nui noch dann zur Ehe entschließen, wenn er damit seine mate riellen Verhältnisse verbessert.! Tiefe Erwägungen geltci aber nur gegenüber einer jüdischen Ehepartnerin, sic treffei nicht zu gegenüber den Angehörigen andrer Konfessionen Ter Jude, der niemals ein qrmes jüdisches Mädchen ge SIE FINDEN ALLE NEUERSCHEINUNGEN IN DER BUCHHANDLUNG STKAUSS 6 BUTTULA CHRISTIANSTR neben NR. 19 ECK^ STRUVESTRASSE RUF 1«SS DAS HAUS FÜR V' DAMENBEKL ORNEHA1E EIDUNG D R E| . S D E N - Ä. PRAGER STRASSE 34, TELEPHON 21743