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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden · 1927-08-28 · 4 (28.8.1927) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
Volume
3 (1927-1928)
Issue
4 (28.8.1927)
Date
1927-08-28
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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Ur. 4 QVemcinbeblntt der Israelitischen Religion-gemein de Dresden Seite 5 Jüdische Landerziehungsheime* Bon Prof. Dr. Joseph U n n a. Nürnberg Unter den vielen Reformbestrebungen unserer gärenden, erregten Zeit, die darauf gerichtet sind, neue Wege der Erziehung zu suchen, mutz eine SJrt von Erziehungsanstalten unser besonderes Interesse errezen. die eigentlich keinen neuen Schultyp schassen, aber eine m ue Lebensform für die heranivachsende Jugend finden w ll. Es sind dies die Landerziehungsheime. Die Wiege der Landerziehungsheime stand in England. Im Jahre 1889 gründete Tr. Cecil Reddie in Abbotsholmc eine neue Schule. Diese ivurde ein Muster für eine grotze Zahl von Schulen in England und in anderen Ländern: sie stellte sich in bewutzten Gege, sah zu den offiziellen höheren englischen Staatsschulen. Wie die meisten dieser Schulen war sie auch Internat, aber sie bctinte besonders die Anschauung, den Handfertigkeitsunterricht sie legte grotzcn Wert auf Hygiene, förderte naturwisse ischaftliches Denken, versuchte eigenartige Sinngebung kirchl chcr Formen und verlegte ihren Wirkungskreis grundsätzlich nuf das Land. Dabei war sie »ach englischer Art konservativ-national eingestellt und pflegte starke Selbständigkeit des Schülers im Schullcbcn neben strammer Zucht unter der Au orität des Leiters. Diese englische Schule n ar für Hermann L i e tz das Muster. Durch einjährigen Ai fenthalt in Abbotsholme erhielt er starke Eindrücke. Tie mannigfachen Anregungen, die er dort empfing, veranlatztoii ihn zur Gründung des ersten deutschen Landerziehungsheiries in Jlsenburg am -Harz im Jahre 1898 nach dem Muster :wn Abbotsholme. Dieselben Gedanken der Erziehung sollten hier verwirklicht werden. Charakterbildung stand in dir jugendlichen Gemeinschaft im Vordergründe. Daneben lcgic Lieh besonderes Gewicht auf Selbständigkeit im .Handel,, Tapferkeit, Abhärtung der Jugend. In Deutschland, wc in der Kaiserzeit die Lage des öffentlichen Schulwesens ein! ganz andere als in England war, wo die Schulzucht durchaus auf autoritativer Grundlage aufgebaut war und den Schülern verbältnismätzig wenig Freiheit ließ, war der Gege isatz zwischen den Staatsschulcn »nd diesem Lietzschen Landerziehungsheim sehr grotz. Hier wurde soziale Gesinnung geiflegt, alle Lehrer und Schüler fühlten sich als Glieder einer Aemeinjchast, ein Gemeinschaftsgeist erfüllte das Leben der Schule, die Jugendlichen wurden zum Bewutztsein eigener Verantwortung herangezogen, diejenigen unter ihnen, die zu, Führerschaft befähigt schiene», muhten an der Gestaltung >es Schullebcns Mitwirken. An die Erzieher wurden die höchsten Anforderungen gestellt: sie sollten nicht nur Lehrmeister, sondern Vorbilder der Jugend in ihrem Leben sein. Die reue Schule war nach Lieb die Stätte einer neuen Gesinnung. Durch die neuen Wege der Erziehung sollte die Kulfur und Gesellschaft erneuert werden. Die gewaltige Persönlichkeit von Lieh bewirkte, datz sein neues Erziehungsideal überc ll Anhänger gewann und datz er in kurzer Zeit drei neue Erziehungsheime in .Haubinda. Bieberstein und Veckcnstedt gründen konnte. Gar bald entwickelte sich nach dem Muser der Lietzschen Anstalten eine grotze Zahl solcher Erziehungsheime, wie Hochwaldhansen, Letzlingen, das Landschulheim am Solling in Holzmindcn an der Weser, die Odenwaldschi le in Oberhambach an der Berg- * Mit ©tntbmlfluna der Bao> rischen Israelitischen <Yemc1nI>e»c1tung. strotze, die Schule Salem am Bodensee, das süddeutsche Landcrziehungsheim in Schondorf am Ammersee und viele andere. Worin besteht nun der Unterschied zwischen dek öffentlichen Schule lind dem Landerziehungsheim? Tiefe kann schon deshalb keine Erziehungsanstalt im ^Sinne eines Landes- , erziehungsheims sein, weil sie in erster Linie Wissen verj inittelt und nur in sehr geringem Grade die ganze Perfönlick-; feit, den Willen bilden kann. Sic fesselt den jungen Menschen I zwar vom sechsten bis zum neunzehnten Lebensjahre an sich, aber abgesehen von den wenigen öffentlichen Internaten sind es nur die Stunden des Unterrichts, wo sie ihren Einflutz I geltend machen kann. In der übrigen Zeit des 'Tages find die äuheren Einflüsse auf den Zögling viel stärker als die der Schule, und diese sind gar oft heterogener, ja feindlicher'Art. , Auch lmt die öffentliche Schule die ganz bestiminte, durch ihre I Lehrpläne scharf umrissene Aufgabe, für den Lcbcnsberuf vorzubereiten. das Wissen bei dem Zögling anzusammeln, das ihn befähigt, feine Prüfungen abzulegen, die ihm' die Bahn für den Beruf frei machen sollen. Die öffentliche Staats-, schule kann auch deshalb nicht den ganzen Menschen erfassen, , weil sie selbst durch die ungeheuere Zerklüftung des Volksi ganzen in religiöser, nationaler und wirtschaftlicher Beziehung! politisiert ist, weil sie ein einheitliches menschliches Ideal I nicht mehr verwirklichen kann. Ihr Lehrplan ist teils ans obigem Grunde, teils wegen der ungeheuren Anhäufung des Bildungsstoffes ein Kompromitz. Der Gedanke, die Jndi- {vidualität des Schülers zu bilden, ihn .zu einem Glicde menschlicher Gemeinschaft zu erziehen, das in dieser Gemeinschaft aufgeht und sich seiner Verpflichtung gegen diese Gej meinschaft bewutzt ist, ist stark in den Hintergrund getreten. Jndividualpädagogik und Sozialpädagogik können keinen Ausgleich finden: es fehlt die Erziehung zur (Gemeinschaft. Die wirtschaftlichen Werte sind der (Gradmesser für alle Volksschichten geworden. Das Leben in Deutschland ist amerikanisiert, „die Philosophie des Guten ist durch die des Geldes ersetzt", wie ein pädagogischer Schriftsteller sehr treffend behauptet. Tic Faktoren, die die Schulerziehung stark begrenzen oder gar lahmlegen, sind zu zahlreich: die stadt, die Stratze, der Sportplatz, die Zeitung, dasKino und nicht zuletzt dieKameraden und die Freundinnen von Tennis und Tanz. Aus dieser Wertschätzung des Wirtschaftlichen, dieser Begierde nach Freiheit und Ungcbundcnhcit in jeder Form, erklärt sich auch die Vernichtung von sittc und Moral, die Abneigung gegen jegliche Bindung, der -Hang, alles zu verstehen und zu entschuldigen, nur das Gesetz der Gesellschaft anzuerkennen. Tie Erziehung mutz diese Zustände erkennen und auf ihre Behebung sinnen, die Schäden rücksichtslos anfdccken und eine gesunde Atmosphäre für die Jugend zu schaffen suchen. Diesig Aufgabe wollen die Landerzichungshcime lösen. Sie suchen den Menschen in seiner Gesamtheit zu erfassen, den Menschen als Träger geistiger Werte im Leben, sie wollen seine natürlichen geistigen und körperlichen Anlagen harmonisch ans- Julbcn und ihn mit dem Bewutztsein der Pflicht erfüllen, die eigenen Kräfte in den Dienst der Gesamtheit zu stellen. Die Schulen sollen ein Organismus sein, in welchem alle, ..Lehrer und Schüler, sich als Glied der Gemeinschaft fühlen, als dienende Glieder des Gavzew Berücksichtigt unsere Inserenten! Mit Genehmigung der «ao« rnwen ^iraeurnioen «„emcinorsriiuns. —-*— — FerasprecfcAnlagen jedes Systems Vollautomatische Anlagen, Reihenschaltungs-Anlagen GlühJampen-Zentralen, Haustelephon-Anlagen ln höcfisler^Vollendung In Kauf und Miete fahren aus Dresdner Prival-Telefon-GeleUlcliafl AuskQnfte und I Femspr.-Sammel-Nr. 25631 S.M.U.». Dresden-A.1 Wilsdruffer StraBe 15 genleurbesuche kostenlos und unverbindlich

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