Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- 4 (28.8.1927)
- Date
- 1927-08-28
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 > eineindek latt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden Rr. 4 disch erzogen, daß man sie in fl« inc Wirtschaftsgenossenidwftcn gliedert, die ihrer eigenen^ Venvaltung unterstellt sind, und werden schließlich auch technisch dadurch weitergebildet. daß der leitende Beamtei ihnen die theoretischen Gründe siir sein praktisches Bersabren erklärt. Tie Ansiedlnng erfolgt dann durch allmähliche Ausschaltung der Sied- Uingsgrundslücke aus dem Wirtschgftsplan, was ohne Erschütterung der Gesamtwirtschaft möglich ist. Obgleich Bärenklau vmi dem preußischen Staat, derfdas Gut zur Verfügung gestellt bat. gezwungen wurde, göoße Teile seines besten Bodens an eine Anzahl von außen lonimender Ostflüchr'inge unv. abzugeben., ist es dennoch gesungen, binnen wenig,-n fahren aus dem völlig verwahrlosten Objekt einen als solchen anerkannten Musterbetrieb zu gestalten. Tieses Verfahren bat keine der Mängel, an denen die alte Metbode litt. Tie Hypothekengläubiiger haben nicht hineinzureden, da die Abgabe von Land nur in der Gestalt der Erbpacht oder Erbmiete erfolgt, um jcpc Spekulation mit dem Grundstück ansznschalten, so daß keine, Geldbewegung nötig ist. Tie Gebäude behalten ihren Wckrt, die Betriebswirtschaft leidet kaum, wenn überhaupt. "Zeit geht keine verloren, und zunächst wir^ auch nur wenig Fruchtland für Wege und Raine seiner Bestimmung entzogen. Im Gegenteil: technisch ist das Verfahren auch 'aus dem Grubde dem alten weit vorzuzieben, weil hier die Leitung und die Kandidaten der Annedlung jedes Onadratmeter des Landes aus eigener Eriabrung aut das genaueste kennen und derart imstande sind, die Siedlungsstellen auf das zweckmäßigste zUrechtzuschneiden. Und, wie schon gesagt, hier werden quch die kapitallosen Landarbeiter „siedlungsfähig" gemacht.! - Solange noch ein lebensfähiges Ästest- oder Zentralgut besteht — und das wird in der Mehrzahl der Fälle voraussichtlich niemals verschwinden — dient es den einzdlnen Ansiedlern in der verschiedensten, aber immer sehr wirksamen Weise. Sie können ihre überschüssige Arbeitskraft gegen guten Lohn und Gewinnanteil im Zenlralbetrieb verwerten, haben in ihm einen außerordentlichpotenten Gqnossen in ihren selbständigen wirtschaitlicben Vereinigungen für Einkauf, Absatz usw., einen Nachbarn. der aut der Höbe der Technik steht und immer bereit ist, sie an seinen Vorteilen teilnehmen zu lassen, und in dem Beamten einen immer anwesenden^ technisch hochstehenden „Wanderlehrer". Hier stehen Groß- und Kleinbetrieb nickt nur nebeneinander und verwirklichen danrit die von allen Autoritäten als die beite anerkannte Verteilung des Ackerlandes, sondern sie wirken auch mit- und st'ir einander. Tick Kleinsiedler sind durch ein „genossenschaftliches ttoriett" vor fast allen Wechselfällön ihrer Existenz geschützt. Tas letzte Ziel der Aktion ist, auf dem Gelände des Gutes selbst soviel wie möglich auch Konsumenten landwirtschaftlicher Produkte in Gestalt von Handwerkern, Lehrern, Heilpersonal, Kleinrentnern usw. anzpsetzen, um die Zwischenhandelskosten zu ersparen, indem «tan den Produzenten mit dem Konsumenten in unmittelbare! Verbindung bringt. Beide teilen sich in die sogenannte Priisichere„ jener verkauft über, und dieser kauft dennoch unter dem Marktpreise. Es ist hier nicht der Ort, uin Iden Plan der Ansiedlung, der sie allmählich von der „Antejlwirtschaft" zur landwirtschaftlichen "Arbeiterproduktivgenosisenschast und Siedlungsgenossenschait enstvickelt, des nähetien darzustellen. Hier muß es genügen, zu sagen, daß der Versuch in Bärenklau alle Erwartungen erfüllt hat, die man angesichts der Kürze der Zeit und ihrer ganz besonders schweren ^Belastung durch Inflation und Teilation und die Preiskatastrophe der letzten Jahre hegen durfte. Tas erste gesteckte Ziel ist erreicht: die neue Methode der inneren Kolonisation ist in einem Modellversuch erprobt und als der alten Methode weit überlegen dargetan. Es ist jetzt Sache der öffenuichen Meinung, die Fortsetzung der Aktion mit größeren Mitteln zu fordern, und der öffentlichen Gewalten, sie auf größerer Stufenleiter durchzuiühren. um so mehr, als die Finanznot unseres Landes es verbietet, die sehr kostspieligen Methoden der Vorkriegszeit noch anzuwenden. ' Jeder neue Versuch bedeutet einen entscheidenden Schritt vorwärts zu dem großen Ziel, das uns gesteckt ist, der Erlösung Teutschlands und darüber hinaus der Menschheit selbst von jenem lebten Rest des alten Gewalt- und Eroberungsstaates, der unsere soziale Krankhqit verursacht. Eine spätere Zeit wird es der deutschen Judenheit danken, wenn sie sich mit an die Spitze dieser heilsamen Bewegung stellt. Sie kann aber auch ihr Sonderziel, die Versorgung der schon vorhandenen jüdischen Laudwirte und Gärtner und die so sehr wünschenswerte Umschichtung eines Teils der jüdischen Jugend, kaum anders als auf dem Wege der genossenschaftlichen Ansiedlung erreichen. Taniit soll natürlich nicht gesagt sein, daß man nicht hier und da einem einzelnen dazu verhelfen sollte, sich in günstiger Lage isoliert völlig selbständig zu machen. Aber schon religiöse Gründe fordern'im allgemeinen, daß mcfn jüdische Gärtner und Laudwirte in größeren Gruppen unsetzt; das geschieht am besten und billigsten durch Aussiedlung aus einem Großgut. Und vor allem ist es nur hier möglich, den jungen Nachwuchs gründlich für seinen geivählten Beruf auszubilden und ihm seinen Besitz fö zuzuschneiden, daß ihm Enttäuschungen erspart bleiben. Nur im Großbetrieb ist es dem geschulten Leiter möglich, die jungen ansiedlungslustigen Lehrlinge während der Ausbildungszeit felbst auf ihre Eignung zu dem Beruf zu prüfen und die ungeeigneten Elemente rechtzeitig auszuscheiden. Was dann übrigbleibt und zur selbständigen Ansiedlung gelangt, werden Menschen von erprobtem Können und Wollen sein, und sie werden im Verbände ihrer Religionsgenossen ihre religiösen und geselligen Bedürfnisse selbst für den unwahrscheinlichen Fall voll befriedigen können, daß die Nachbarn sich ihnen gegenüber feindselig verhalten. KSCH reinigt Herbstgarderobe Tick Geldmittel,-die zur Begründung eines solchen Modellversuchs erforderlich sind, sind nicht groß: etwa 200000 M. für die Anzahlung auf ein Gut von etwa 2000 Morgen gleich .->00 Hektar Mittelbodens und etwa 100 000 jN. Betriebskapital. Ties Geld wird, wenn bei der Auswahl des Ob-! jetts mit Sachverstand verfahren wird, sehr sicher stehen und ' sich nach Ablauf lveniger Schonjahre gewiß entsprechend verzinsen. Ein Großbetrieb, dessen Arbeiter am Ertrage stark beteiligt sind, hat alle Aussicht, dank des größeren Fleißes und der größeren Sorgfalt seiner Belegschaft, wesentlich besser abzuschneiden als eine landläufige, mit Lohnarbeitern ausgestattete Unternehmung. Und die einzelnen Siedler werden sehr leicht imstande sein, die Erbpacht aufzubrinaen, da ihnen ihr Land ganz unvergleichlich billiger überlassenIwerden kann, als es heute sogar den gemeinnützigen Siedlungjsgesellschaften möglich ist, die ein viel kostspieligeres Verfahren mit unvergleichlich höheren Generalunkosten durchführen. Unsere Bärenklauer Siedler zahlen für die Bodeneinheit weniger als die.-Hälfte des Pachtzinses, den das bisherige Perfahren bedingte. Zum Schluß noch eine Warnung vor gewissen Mißverständnissen. Erstens: wir halten unser Verfahren nicht für das allein mögliche. Wir sind entschieden dafür, dort, wo die Bedingungen dazu-gegeben sind, auch jüdische Einzelsiedler zuzulassen und namentlich schon verwurzelte Elemente durch Vergrößerung ihres Grundbesitzes zur mittelständischen Existenz zu heben. Wir sagen nicht: entweder oder, sondern: sowohl als auch. Und zweitens: niemand von uns jagt dem .Traume nach, eine grandiose „Berufsumschichtung" der deutschen Judenheit mit dem Ziele ins Auge zu fassen, sie zstni gröberen Teile aufs Land zu bringen. Das sind Phantasmen! Es wird uns völlig genügen, wenn wir denjenigen unserer Glaubensgenossen, die bereits Gärtner und Landwirte sind, und denen, die es auf Grund sorgfältiger Ausbildung und Lelbstprüfung werden wollen, den Weg zu eröffnen. Das Werk, das hier geleistet werden muß, übersteigt die Kräfte der deutschen Judenheit in ungeheurem Maße: ausführen kann es nur die deutsche Volksgemeinschaft als Ganzes, und wir erwarten von den deutschen Juden nicht mehr, als daß sie sich führend daran beteiligen, zu ihrem Segen und zu dem des Vaterlandes.