Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- 4 (28.8.1927)
- Date
- 1927-08-28
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 4 >! Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden! städtische Entwicklung. Ueberall int Bezirk des Großgrundl eigentums wnchs die Kaufkraft des Binnenmarktes für ini dustrieUe Produkte, wenn überhaupt, nur um sehr geringe * j Beträge. Auf der anderen Seite wurde die städtische Jndu-! strie dank der Verfügung über insgezählte ihr zuströmende! Arbeitskräfte geradezu treidhausmÜßig enttvickelt. Ihr ungeheuer vermehrtes Produkt mußtö sie, da der Binnenmarkt notwcildigcnveise versagen muhte, > ins Ausland abzustoßen versuchen. Ter stampf der kapitalistischen Staaten, der viel j berufene „Imperialismus" unserer Zeit, zulebt der unselige I Weltkrieg waren die notwendige Folge. Besonders hart wurde die Arbeiterschaft betroffen. Tie , Verödung des platten Landes bedeutete Verminderung! d e r Nachfrage nach industriellen Produkten und ,daher i Arbeitskräften, während gleichzeitig die Ueberschwemmung des städtischen Arbcitsmarktes init abgewanderten Land-! arbeitern die ungeheuerste Vermehrung des Angebots herbeiführte. Dick Folge konnte nur fein -Herabziebung der Löhne, günstigenfalls dieschmerzlichste Behinderung ibres Aufstieges. Von diesen Zusammenhängen konnte weder der lebte große! Theoretiker des Liberalismus, John Stuart Mill, noch Karl | Marr das geringste wissen. Wie gesagt, wurde das Golbscbe (besetz erst 1893 ausgcsvrochen, Mill aber starb 1873 und; Marr 1S83. Sie wären auch niemals imstande gewesen, es k j selbständig aufzufindeu. Tas Gesetz konnte nur in Teutsch-! lyud entdeckt werden, weil nur in! Teutschland die Bezirke I des (westelbischen) Bauerntums und des (ostelbischen) Großgrundbesitzes geographisch getrenntsind, und es könnte kaum - früher als 1893 aufgefunden werden, weil die Massenwande-! rung in Teutschland erst in den sechziger Jahren einsetzte und j zwei Jahrzehnte vergehen mußten, bis die statistischen Massenziffern die Teutung zuließen, sobald das Gesetz aber erst - : einmal gefunden und als international gültig erwiesen war, I war natürlich wie Aufgabe gegeben, es in die Theorie einzu-! bauen. Tiefer Aufgabe ist mein Leben gewidmet gewesen, und es bat sich herausgestellt, daß der Einbau einen Umbau, fast Neubau bedeutete. Ich kann hier! nur mit den kürzesten Worten darauf eingehen. Tas Ergebnis ist, daß. was bischer niemals recht beachtet worden ist, die Verkehrswirtschaft - gezwungen war, sich innerhalb eines Rahmens und geradezu gegen Hindernisse zu entwickeln, die das Feudalsystem auf- , gerichtet hatte: und daß infolgedessen schwere Störungen ein-! getreten sind, die man allgemein unter den Begriff der „kapi- ' talistischen Wirtschaft" zusammensiaßt. Wir dürfen heute sagen, daß alle Glanzseiten dieses ungeheuren Komplexes: die Fortschritte in der Beherrschung der Naturkräfte, die ungeheure Vermehrung des Reichtums durch verbesserte Technik usw., der Freiheit des Verkehrs zuzuschreiben sind, während! die schlimmen Schättenfeiten: die Krisen, der Imperialismus! und vor allem die unbefriedigende Lage der Arbeiterschaft, dein Fortbestand jenes Feudalrestes, der Bodensperre in der j Rechtsform des massenhaften Äroßgrundeigentums, auf I Schuldkonto geschrieben werden müssen. Hätte sie nicht bestanden, dann, so durfte man mit Fng schließen, hätte stch die ' Kaufkraft des Binnenmarktes für industtielle Produkte im gleichen Maße entfaltet wie die Produktivkraft der Jndusttie, und hätte das Verhältnis von Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt jederzeit so günstig für die Arbeiter ge-; standen, daß sie ihren vollen Anteil an der-Steigerung der! Reichtum schaffenden Kräfte erlangt hätten.! Diese Behauptung wird durch die jüngste Entwicklung in . den Vereinigten Staaten bestätigt, die ich Voraussagen konnte.! In einem Aufsatz vom Jahre 1906 (er ist in der Sammlung I meiner Reden und Auftätze „Wege zur Gemeinschaft", S. 163 ff. neu abgedruckt) leitete ich die Schattenseiten der amerikanischen Wirtschaftsentwicklung aus der Ueberschwemmung des dortigen I Arbeitsmarktes durch europäische Landarbeiter ab: find doch mehr als 2T> Millionen Europäer, und zwar ganz vorwiegend aus Ländern des Großgrundeigentums, während des 19. Jahrhunderts an der atlantischen Küste gelandet. Und ich sagte, es lvürde genügen, die Einwanderung auch nux ein Jahrzehnt hindurch zu verhindern, um dem amerikanischen Kapitalismus ein völlig neues Gesicht zu verleihen. Die Bedingung ist erfüllt worden, und die Prophezeiung ist ringetroffen. Vom Ausbruch des Weltkrieges an hat fünf Jahre hindurch keine Einwanderung, sondern im Gegenteil!einc starke Rückwanderung (europäischer Reservisten) stattgefunden, und seitdem hat man die überseeische Einwanderung in dem bekannten Maße abgedrosselt., (Leider nicht auch die Einwanderung über die Landgrenzen. Aus Meriko strömen die völlig kulturlosen Peons zu Hunderttausenden. ein.) Detznoch ist unter diesen günstigen Umständen der Turchschnittslohn der amerikanischen Arbeiter aus eine Höbe gestiegen, j die weder die sogenannte bürgerliche noch die marxistische Theorie auch nur versuchen können zu erklären, während sie mit der mcinigcn durchaus in Einklang steht. Ter Arbeiter hat heute gut mittelbürgerliches, für deutsche Begriffe nhhezu großbürgerliches Einkommen. Und dabei besteht eine Prosperität auch der Unternehmer, die das Wunder der Zeit ist und die nun schon lange Jahre an- Wir können für das durch unzählige Zwischenzollinien in lauter kleine Märkte zerfetzte Europa einen Aufschwung von der gigantischen Größe nicht erwarten, wie ihn das riesenhafte einheitliche Marktgebiet Amerikas erfahren hat. Aber / wir können erwarten und dürfen Voraussagen, daß wir die' Erscheinungen der, gegenwärtigen schweren Krisis, namentlich der ungeheuerlichen Arbeitslosigkeit, überwinden und zu , einer hohen Prosperität aufsteigen können, wenn es uns gelingt, gleichfalls die-Masseneinwanderung von Landarbeitern auf unsere Arbeitsmärkte abzrchremsen. Und dazu führt nur ein Weg: die innexe Kolonisation, die Siedlung. Aus diesen Bettachtungen geht hervor, daß der sein Vaterland liebende deutsche Jude, wenn er die Aktion des Frontkämpferbundes fördert, dazu mithilft, daß die Art an die .Hauptwurzel der deutschen Not gelegt wird. Aber er dient gleichzeitig auch den stärksten Interessen seines Judentums. Wir wollen hier nur kurz andeuten, daß die Siedlung sich unmittelbar richtetj gegen die überwiegende wirtschaftliche und soziale Machtstellung einer winzigen Zahl von Menschen, nämlich gegen diej schätzungsweise (eine Besitzstatistik haben die klugen Herren zu verhindern verstanden) etwa höchstens 12 000 Großbesitzev namentlich Ostelbiens. Diese Schicht aber ist es gerade, die!der Hauptträger und Förderer des Antisemittsmus ist, der uns das Leben vergällt und uns die Bürgerrechte verweigert. Es ist die alte Fabel vom Wolf und dem Schaf! Die wahren Urheber der sozialen Not klagen Unschuldige an! Durch nichts können wir wirksamer den Judenhaß bekämpfen, als indem wir dazu helfen, die Aufklärung über den wahren Schuldigen zu verbreiten: und das i Unvergängliche Erinnerungen verschaffen Ihnen selbstgemachte Photographien. / Deshalb sollte eine Kamera Ihr steter Begleiter sein. / Bei Anschaffung und Handhabung einer solchen bedienen Sie sich vorteilhaft meines Rates. / Photographieren stellt sich dann nicht teuer. Photo-Kino-Radiohaus Wünsche SäSErST‘neuen rIX;«