Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- 10 (28.2.1927)
- Date
- 1927-02-28
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Seile 8 Nr> 10 Wemeinbcblatt der Israelitischen Religio »Sgein ei ndcDrcsden ist etwas so leicht Beriedigtes. Ter (weist hungert oft, hi jenem Hunger, von dem der Prophet sagt, das; (wott ihn ins Land sendet: Bildung ist so oft satte Bildung. Sie verbindet sich so gern mit dem guten Wewissen, sie verträgt sich so rasch mit dem vielgestaltige, Interesse. Weift ist ein ganz anderes als sie. Alles Interesse schl es;t immer das Konipromih. Es geht in seinem Denken dis zu einer Linie hin. die es dann nicht weiter überschreiten will. So wird der Weist, der der Widerspruch gegen das Jntc reise ist. damit auch zum Widerspruch gegen das Kompromiß. Aber hier tut sich nun die Schwierigkeit. der Zwiespalt an : Ist nicht alles im Leben ein Ausgleich, ein Kompromist ' Sind wir Menschen dieser Erde, als Mensche», da wir doch nicht reiner Weist sind, nicht auch ei» rtompromist. gewisser»!as;e» das .Nompromis; zwischen Himmel und Erde? Ist sii, »ns nicht jeder Tag ein Kompromist. zum mindesten eines, das der Weist mit dem Körper schließt? Mus; nicht selbst die Nunst es so erfahren, sind nicht ihre Werke immer ein .Kompromist, das der Künstler mit der Materie. iim dem Ma mior, mit der Jarbe, mit dem Wort eingehen muß? Und uns; nicht die immaterielle Kunst auch, die Musik, sich dem No,,Promis; mit dem Instrumente säge»? Man hat die Wvtik den Versuch genannt, die Materie zu e»tmaterialisieren: aber a le Kunst ist dieser Versuch, ein Perjuch, .der letzten Endes dach nur mit jenem Kompromisse ende» kann. Und ist es nickt ebenso in aller menschliche» Verbindung? Ist nicht jeie Ehe schon ei» .Konipromis; zwischen zivei Menschen. Ist niht alle (weiiieiusctxnt so, welche Menschen znsammenschliestt, wie immer sie sich nennen mag. ob Parteigemeinschast, ob staatliche, ob religiöse (wemeinsckxist? Und ist nicht alle Stiiltiir auch im Wnrlide ein .Kompromist? Sind sie darum nicht alle zur Weistlosigkcit bestimmt, und ist anderseits nicht der Weiit dazu verurteilt, gegen sie alle zu tnmpsen? Es ist kein Zufall, das;, so oft Mensche» des Weistes gegen die Wemeinschast gekämtft lxiben, eben um des (weisteS willen. Und wird dieser Kamps, den der Weist führen will, der Weist, der doch auch in der Wohlfahrtspflege sein soll, nicht besonders zum Kampfe gegen das eigentlichste (Gefüge des Kompromisses. gegen dm Staat? Ist nicht das Zuendedenken ein Denken gege i ihn?' Er ist doch das graste Kompromist. Er will ein Erreichtes sesthalte». es konservieren und konsolidieren. Ei, Ltaat. der immer weiter dächte, iinmer Neues an den P atz des Alten setzte, würde sich selber vernichten, Im alten Wriechenland »var es bei dem Volke der Lokrer der Brauch, datz, »ver in der Volksversammlung die Aenderung oder Au Hebung alter Wesetze fordern wollte, darüber reden mutzte mi einem Strick'um den -Hals, an dem er dann ausgehängt w-rden sollte, wenn sein Verlangen nicht bei seinen Mitbürgern durchdrang. Dem Wesen des Staates war dieser Bra ich sicherlich nicht ganz fremd. Der Staat kann im (Wange der Jahre nur wenig Neues ertragen, wie ja auch die Mensä heit aus ihrem Wege nur wenige (wenies zu ertragen vermag, ganz wie unsere Erde in ihrer Entwicklung nur wenige Erdbeben zu ertragen imstande ist. Scheint es da nicht, dast der Weist, also auch der Weist der Wohlfahrtspflege, dazu lernrteilt ist, im Widerspruch gegen den Staat zu sein? Es scheint so zu seiik! über in Wahrheit verhält es sich doch nicht so. Ter Weist ist daS Schöpferische, das formende und <Gestaltende. Aber alleslAormen und Westalten, all dieses Schassen ist Schassen an einem Widerstrebenden. Der'Weist wird im Webote wirksam, und auch alles Wehrt kann erfüllt werden nur in der Ueberwindnng des Starren, des Sichcntgegenstellenden. Ter (»leist des Menschen kann nicht ins Leere hinein schassen; er dringt weiter nur im Kampfe mit einer Materie, die ihm Widerstand leistet. Wir könnten uns vielleicht eine Welt unserer Plxuitafie denken, in der er widerstandslos sich auswirkt. Jedoch ans unserer Erde, in unserer Menschheit ist Weist lfandelnd nur im Ringen mit den Widerständen. Das ist auch der (wrund, weshalb aller Fortschritt, alles ssormen »nd Bilde,; sich in der (wemeinschast, in diese». Beieinander und (wegeneinander der Menschen ni.ir voll neben kann, im .Kampfe mit all ihrem Widerstrebenden. Auch der Staat, »nd er vor allem, gewinnt damit seine Bedeutung. Auch er ivird damit gewissermasten die Materie des (weistes, auch er etnxis. uxis vergeistigt, versittlicht werden soll. Er ist das Starre, das gleich blechen will und die festen Schranke» setzt; ber (weist trdt an ibn heran, „in langsam, allmählich ihn zu diirchdringe», zu-formen und zu gestalte». Auch dem (weifte der Wohlfahrtspflege wird das z» seiner höchsten Ausgabe:'er soll zum (weiste des Staates wer den, Zinn Denken gegen ihn in dem Sinne, wie alles Westalten ein Denken gege» etwas ist. Damit ist jener Widerspruch »nd Zwiespalt auch behoben, der i», Kompromisse sich öffnete: denn wo der (weist formend nurkt, dort ist kein blostes Konipromist. Das bloste Koiiipromist ist ei» Ende der Bewegung. eine Bindung des (Wedankens: das Wirken des (weistes,in etivas ist ein iinmer erneutes'Beginnen,, ei» Denken von (wedanke zu (Wedanke. Ist es nicht aber eine;u Hobe Ausgabe, die hier der Wohlfahrtspflege gestellt ist? Es ist in der Tat eine Ausgabe, die uvit über das (wewölmliche »nd Alltägliche hinansgebt. Aber sie must gestellt sein, „in die (wesahr zu verhüten, welche jeder Wohlsahrtspslege naht, das; sie sich nämlich mit dem Wohltun begnüge, (wewis;. das Wobltu» ist ei» (wrostes: es braucht in diesem .Streife nicht gesagt zu werde», wie es der besondere Stolz des Judentums stets gewesen ist. Und das Wohltun ist ja auch nicht blost ein (weben vom Ueberslusse, es beginnt waprhast erst dort, wo der Mensch darin ein Opfer bringt, wo kr sich etwas versagt, um einem anderen (wutes zu erweisen. Allein iin Wohltun ivobnt eine Wesahr. Man tönnte sie stennen die (wesahr der Beschwichtigung der (werechtigkeit durch das Wohltun. Auch wo man die soziale (wegebenheit als Schicksal erachtet, übt man Wohltaten, und sie werden geüirt, auch wo nur die Nützlichkeiten malten. Durch Wohltun findet man sich mit dem Schicksal rund herum ab und findet sich ab mit der .Herrschaft der Interessen. Man (Kit de» Sklaven in den Jahrhunderten, in denen die Sklaverei bestand, auch Wohltaten gewährt, und man tiat sie uns Deutschen auch erwiesen in den Jahren der (wenxilt nach -ein Kriege. Und man hat dann sehr oft geglaubt, es nicht mehr nötig zu Halen, das Recht zu verwirkliche», da man ja Wohltaten gewüb t liabe. So ist die groste (wesahr alles Wohltuns, das; durch d,s Wohltnn die Forderung der (werechtigkeit be schwichtigt iverde: auch das Wobltu» kann das bloste Kompromist sei». Diese (wisabr ist die der Weistlosigkcit: den;, der Weist verlangt das Necht. (weist bedeutet weiter und weiter denke». Und Weiter!»enken, das bedeutet, dem Mitmenschen gegenüber. sich hi, eindenken in sei» Leben, in seinen Anspruch, in sein Menschenrecht. Alles Wohltun erhält seinen Sinn »nd DampINgelD - tägige Lieferzeit Anzug 2.- Mark Chemisch Reinigen von Kleidung A? Anzug 4J0 Mark Kunstplissee/Kunststopfen / Schneiderreparaturen