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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden · 1926-05-28 · 1 (28.5.1926) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden
Volume
2 (1926-1927)
Issue
1 (28.5.1926)
Date
1926-05-28
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nr. 1 Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden Alz ich den Friedhof besuchte-, war es Herbst. Auf den sauber gchaltmen Wegen, die an den Mauern entlang wie Gänge in alten, verschollenen Klostergärten die Gräber umziehen, lag das welke Laub hingestreut wie ein heiterer Reg:n goldener Münzen. Nicht an Tanaes schwülen Goldsegen erinnerte das in dirser von einer herbstlichen Sonne durchflossenen Stille; man dachte an eine Goldmarie, die hier ge. gangen und soeben, überschüttet vom goldenen Lohn der Frau Holle, zwischen den rankenden und leise wippenden Zweigen verschwunden zu s:in schien. So oft man arkch die Zweige zwischen und über den Gräbern auseinanderbog, immer wieder sah man in holdes, grünes, stilles Blättergewirr über schwärzlichen Steinen, die kaum noch an Grab und Trauer erinnern. lieber den Wipfeln glänzen einige Fenster der Häuser draußm. der dunkle, von bläulichem Herbstdunst umflossene Ttirm der Martin-Luther-Kirche streckt sich über den Laubkronen, und ringsum stehen Häuscrmauern, aber man vergißt es, so friedlich, so fern aller Stadtgeräusche liegt dieser Friedhof. Auf den Niauern bauscht sich das Geblätter des Weins, in dem reisende Trauben hängen. Tomatenstauden mit schweren. Frucht' an Frucht gepreßten Lasten roter und noch grüu?r Früchte wachsen entlang der Mauer. Verlockt vom zarten Reif, vom .Taft" der vom Safte geschwellten Weinbeeren, die wie überhauchte Pcrlentrauben in den Ranken hängen, blickt man siel; nach dem Hüter dieser Stille um. Aber nieinaad ist zu sehen. Man knipst sich vorsichtig eine einzige Bcerx ab und läßt die Traube hängen, die die Arb:it einer pslegebden Hand belohnt. Und man läßt eine der psnndschwcrein Tomatcuträuben am Stock einen Augenblick fang in der^Hand lasten und spürt in dieser sinnlichen Be. rührung der glatten, weichen, saflstraffen Haut der Früchte eine Berührung mit d-r ewigen lebendigen Natur, die auch die Stätten des Toten zu Stätten des Lebens macht. Kein Hütey läßt sich blicken, aber gehütet wird dieser Friedhof von sorgsamen Händen. Es ist eine Freude, zu sehen, in welch gutem Zustande d'r> Friedhof gehalten wird, ohne daß in das stille Walten der Zeit .verschönernd" eingearisfen wird. Zn diesen Grabsteinreiljen gibt es kaum ein künstlerisch uiitrseyljches Werk. Es sind mit Ausnahme einiger Grabmäler aus späterer, nicht mehr so stilsicherer Zeit schlichte, zum größten Teil fast gleich hohe Steine in einfachen, -aber manchmal sehr schönen Formen des Barock und der dem Barock folgenden Stilarien. Tie gewisse Gleichartigkeit dieser Grabsteine ist einmal aus die von den kurfürstlichen Behörden erlassenen Vorschriften, dann wohl aber auch darauf zurückzuführen, daß der Gemeinderat der israelitischen Religions« gcmeinde nicht nur die Aufschriften der Steine zensierte und nicht nur die Vorlegung der Zeichnung, sondern auch der Leichmsteine selbst vor der Aufstellung verlangte. Der schlichte Reiz der von tüchtigen Handwerkern gearbeiteten Steine wird meistens noch durch die eigenartige Ornamentik der hebräischen Schrift erhöht. Viele dieser Inschriften hat freilich die Verwitterung ausgelöscht, der der fast ausschließlich vcrlvendete weiche Sandstein ausgesetzt ist, aber dafür hat di« . mild: Natur den feineren Schmuck zarter Honiggräser um die Steine wachsen lassen. Tie Grabmäler stehen in lockeren, nicht ganz regelmäßigen Reihen, und diese Unregelmäßigkeit bringt eine reizvolle Bewegtheit in die annähernde Ähnlichkeit der mit der Schriftseite sämtlich nach Osten gerichteteck-Steine. Das Bild ist voller Harmonie, ohne langweilige Einförmigkeit. Es ist erfüllt von ruhevoller, tröstender Stimmung, in die das kindliche Zirpen huschender Meisen im Gezweig, das Rascheln einer schwarzäugigen Amsel im dürren Laub als vertrau, licher Lebcnslaut hineinklingt. Und über die Ahornwipsel hinweg und von ihnen locker verhüllt zählt die Uhrglocke der nahen Kirche die gehenden Stunden der Zeit in die versöhnliche Still?.! In diese Menschliche Gestaltung eines Fleckchens Erde hat die Natur sm stillen Laufe der Zeit mit sanft lockernder Hand einghpiffen. Sie nimmt sachte zurück, was der Mensch ihr abgewann, läßt einen Lindensamen mit flirrender Flügeldrehung zu Boden sinken, einen Ahornsämling Wurzel fassen. L. . ..... läßt Birkm sprossen, deren flüchtigen Samen der Wind vom Heiderand herdeitrug, und Akazien, Holunder und Ebereschen, von Vögeln verbreitet, um einsinkende Gräber wachsen und breitet so allmählich über die stille Versammlung dunkler Denksteine den lichten Fächer des virlschichtigen Laubes, der diesen kleinen Friedhof so reizend macht. Das gute, schlichte Gras wuchs längst über alle Wege und Gänge zwischen den Gräbern. Die saftigen Sedumdecken flössen gleichsam von den Hügrln herab und zu breiten Teppichen auseinander. Wolfsmilch blüht in kleinen, gelb gewipselten Wäldern. Und vor der hebräischen Schrift eines Grabsteines reckt die Königskerze^ aus tveißfilziger Blattrosette ihren blütengZchmückten Stab. Nur das leise Vergehen alles menschlichen Werkes Ivaltet in dieseni grünen Wiickel, den noch immer pflegende Hände betreuen. Gibt es ein schöneres Symbol des ewigen Werdens und Vergrhens als einen Friedhof, dessen Gräber langsam und leise zurücksinkcn in den Schoß der mütterlichen Erde? Es wird einmal eine Zeit konnnen, da nicht einer der Menschen mehr atmet, denn: diese Gräber heute noch eine Erinnerung an Menschen sind, die sie kannten, von denen sie hört:n, deren Namen sie tragen. Dann werden die Stämmchen zu Bäumen hochgewachsen sein. Und in ihrem Schatten spielen vielleicht Kinder um einen letzten Hügel, einen letzten Stein. Kränzeslechtend und glücklich, werden sie noch nicht wissen, daß Tenkmäl:r, die der Mensch errichtet, ihn selber noch eine Weile überdauern, um dann mich dahinzustnken, iveil sonst das bewohnte Gebiet der Erde längst ein einziger Friedhof wäre. Ich lege die Hand auf einen der Grabsteine, dessen rauhes Koni die h:rbstliche Sonne mild erwärmt hat, und denke daran, daß sein Vergehen einen tsefen versöhnenden Trost gibt: es ist das siegreiche Leben, das den Tod und seine Symbole fröhlich überwindet. Ter herbstliche Spaziergang durch di: Gräberreihen des grünen Friedhofes im stillsten Winkel der Dresdner Neustadt führte in die weiten Zeiträume dex Geschichte. Klio, die ernstblickcnde Muse mit Griffel und Schreibtafel, begegnete »ns zlvischen den wipp'nden Zweigen. Die morschen Akten erzählen die Geschichte des Friedhofes. Und Geschichte, dieses hochklingende Wort, heißt immer auch Ablauf mensch. licher Kämpfe, menschlicher Schicksale, deren Denkmäler eines der stille grüne Friedhof ist. Die Menschen, di: ihn anlegten, die Hände, die diese Akten schrieben, find längst dahin. Sie ruhen in diesem Stück kühler, grasbedeckter Erde, das ich beschrieb. In der stillen Nachtstunde ist es mir, als spürte ich ihrrn leisen Gruß. Ich lege die Aktenbände beiseite und öffne das Fenster. In den tropfenden Linden unten auf dem Platze regt sich ein Schauer im Laub. Hoch über den schlafenden Häusern weht die unendliche Zeit. Dresdner Raumkunst V. Reisewltz Billigste Bezugsquelle für erstklassige Möbel aller Art Villenetnrichtungen/Innenausbau Polstermöbel / Stoffe / Gardinen / Dekorationen Kunstgewerbe X KOHLEN Inh.i Tel.« »■ Brennstoff •Vertrieb Siegfried Pionkowskl «T e Pstsrstrsa« u « Tsl.i SSS47 •- — -• -• '.i,'I» RAUM! HU..1111; UmssiHii KUNSTii

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