Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Hansestadt Hamburg
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Hansestadt Hamburg
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- 5 (13.5.1938)
- Date
- 1938-05-13
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Jüdisches Gemeindeblatt Nummer 5 C~---\ JUDISCHER TEMPEL-VERBAND Der auf den 23. März festgesetzte Lichtbildervortrag von Herrn Oberrabbiner Dr. Italiener: Wie Rembrandt die Juden sah findet nunmehr statt: Mittwoch, 18. d.M., 20.15 Uhr, im Gabriel-Riesser-Saale des Tempels, Oberstraße 120. Der Vortrag beginnt pünktlich und ist unentgeltlich jedem Mitgliede des Jüdischen Religionsverbandes zugänglich. D«r Verstand. V--*-' bewundernswerter erscheint es uns Spätgeborenen, daß hier in Hamburg als einziger Stadt eine jüdische Gemeindeverfassung zustandekam, in welcher dennoch die Kämpfenden friedlich unter ein Dach geladen wurden und das einigende Band der Zusammengehörigkeit nicht völlig zerrissen ward. Es ist das Werk des Oberrabbiners Stern s. A., sein unendliches Verdienst, daß er die von Simon May s. A. vorgetragenen Gedanken gebilligt und durch die Gründung des Synagogen- Verbandes diese Gemeindeverfassung der Einheit ermöglicht hat. Sie haben sich, meine Freunde, zu Ehren dieses Mannes von den Sitzen erhoben. Sie haben damit seinem genialen Weitblick Ihfe Achtung und Aneikennung bezeugt. In Wirklichkeit bedeutet das Werk Sterns eine große, geschichtliche Tat. Während man überall sonst nach dem Vorgang Samson Raphael Hirfchss. A. für die selbständige Entfaltung der gesetzestreuen Gemeinden und ihrer Institutionen keinen anderen Ausweg sah als die völlige Losreißung von den Anhängern der neuen Idee, hatte Stern den Mut einer andern, eigenständigen Lösung des Problems, die es ermöglichte, alles, worin die Kämpfenden einig waren, als Grundlage der Zusammenarbeit ynd de? Zusammenstehens beizubehalten, für alle Angelegenheiten aber des Gewissens die distanzierte Redlichkeit dei Selbstbestimmung und kompromißloser Durchführung der Toiasatzung zu gewährleisten. Stern war eine kämpferische Natur, ein Mann des entschiedenen Ja oder Nein. Um so bewundernswerter erscheint uns Nachgeborenen daher diese von ihm inaugurierte Hamburger Gemeindeverfassung, in der seine rechte Hand abwehrend und schützend die Belange der Tradition gegen jede Entstellung sicherte, während die linke sich den Stürmern und Drängern verständnisvoll entgegenstreckte. Diese Verfassung ist daher auch ein Ausdruck des Vertrauens auf die Sieg- und Werbekraft unserer Ueberlieferung. des Vertrauens auf die breite Masse unseres Volkes, du doch immer wieder die Ausschließlicnkeit und das Recht der uns überkommenen heiligen Daseins-Verfassung im letzten bejaht Sie hat zur stillschweigenden Voraussetzung, daß alle assimilatorische Nachgiebigkeit nur eine Uebergangserscheinung ist. daß man bei einer Verneinung des Vätererbes nicht stehenbleiben kann, sondern bei geschichtlicher Besinnung die alte Liebe immer wieder empfunden, die alte Treue sich immer neu bewähren wird. Diese Verfassung bahnt, obwohl sie der Moderne ihr Sonderrecht und ihre Freiheit gewährt, ihr für die Sj-nagoge und für alle Ereignisse des Einzellebens die Möglichkeit der Aufrichtung eigener Formen und neuer Gestaltungen gibt, dennoch selbst den Weg Wer Besinnlichkeit und Zurückgewinnung. Denn diese Vereinigung zu gemeinschaftlicher Arbeit bewirkt, daß die feindlichen Brüder einander nahebleiben und sich aneinander in idealer Konkurrenz messen. Sie verhütet, daß der Drang zum . Ne.'en sich ins uferlose Extrem, ins Ungemessene steigere. Die Leidenschaft des Reformwillens wird gleichsam ins Joch geschirrt und dem jugendlichen Ikarus der Flug zur Sonne gehemmt, bei dem er die wächseinen Flügel sich doch nur verbrennen wird Auf der anderen Seite hatte diese Verfassung die segensvolle F0I3C worauf die Hamburger Gemeinde als einzige innerhalb der deutschen Grenzen stolz hinweisen kann, daiS alle ihre Institutionen nach dem Gesetz Mosches und Israels geführt werden. Jeder einzelne, der Obdach oder Unterschlupf in diesen Einrichtungen der Gemeinschaft sucht, braucht nicht erst die bange Gewissensfrage zu stellen: bedeutet das nicht für mich ein Opfer der Seele, eine Verleugnung meiner Pflicht gegen Gott? Das ist ein R u h m e s b l-a t t Unser« KehillQ. eine Leistung, für die ihr in dieser Stunde der Erinnerung die geschichtliche Anerkennung und der D.a nk von Tausenden ausgesprochen werden kann. Jeder von uns soll sich in dieser Stunde dessen bewußt sein, glucklich er ist, unter dieser jüdischen Gemeindeverfassung .Leben zu können, daß nicht schon von der Stunde der Geburt •an ihm der aufreibende, häßliche, bedrängende Bruderkampf an anderen Orten aufgezwungen wird'. Das Werk Sterns hat in unseren Tagen seine besondere Rechtfertigung erfahren, da sich die Devise des Einst als Illusion herausstellt, da vir eijkennen, daß auch der Freiheitsruf der Aufklärung „in Uebereilung" gegeben war, als ein Zu-früh im Völkergeschichtlichen, das, wie Frühlingsblumen im Winter, den eisigen Stürmen einer rauhen Gegenwart wieder zum Opfer fällt. Jetzt erst, da die jüdische Seele zurück ins Vaterhaus flüchtet, erweist die Verfassung des Vertrauens und der Gemeinschaft 'ihre ganze Weisheit und Kraft, ihre historische Berechtigung. IL Bevor ich, meine Freunde, zu der Frage übergehe, welche Folgerungen und Lehren der geschichtliche Rückblick für uns selbst zeitigt, lassen Sie mich ein Torawort aus unserem gestrigen Festabschnitt betrachten, damit wir im Spiegel des ewigen Gotteswortes unsere Zeit und unsere Lage desto besser begreifen. > Das erste Gesetz war unserem Volke verkündet worden im Morgendämmer der aufleuchtenden Befreiungssonne, eiri Gesetz, das für die Ewigkeit festgelegt wird als unabänderlich für alle Geschlechter und das doch voll unbegreiflicher, den Verstand herausfordernder Motive ist. Was kann es dem Gott, den Himmel ynd Erde nicht fassen, bedeuten, ob ich das Brot des Festes so oder anders bereite? Und gerade im Hinblick auf diese Unbegreiflichkeit, dieses Irrationale der religiösen Form spricht der große Meister zum Volk: „Bewahren sollt Ihr diese Sache als Chauk, als ein unabänderliches, wdnn auch unbegreifliches Gesetz." Der tiefe Seelenkenner fügt noch eine Botschaft hinzu, eine Botschaft, die nach dem Einleitungswort w'hojo eigentlich Glück versprechen müßte und doch so herb und schwer klingt. „Es wird sein" — so sagt er — „wenn zu euch eure Söhne sprechen: was soll euch diese Zeremonie?" Die Frage ist uns allen aus der Haggada bekannt. Sie ist dort die Frage des schlechten, entarteten Kindes, das sich der Gemeinschaft entzieht, die geschichtliche Bindung leugnet, nichts wissen will von seiner Zugehörigkeit zum Ganzen. Was wollte Mosche seinem Volke damit sagen? Wollte er ihm drohen mit den zukünftigen Gefahren, daß es Juden geben werde ohne Tora, ohne Einfühlungsvermögen in die -Eigenart ihres Volkes und seines Brauchtums? Oder wollte er ihm, wie die Gegenansicht meint, eine Verheißüng bringen? Welche Verheißung kann es sein, wenn unsere Kinder abseits stehen, mit abwehrender Gebärde fragen: Was soll elich dieser Dienst? Dennoch — es w a r eine Heilsbotschaft. Denn diese Frage selbst zeigt, daß die Jugend nicht achtlos an der frommen Vätersitte vorbeigehen kann, daß die religiöse Wirklichkeit des Judentums sie immer wieder zum Fragen und Forschen und Suchen herausfordert und reizt. Diese Frage ist unser Glück und Unglück, diese Frage, die nie verstummt, die herumgeht in unserem Volke und bei anderen Völkern: „Was -ist dies Mysterium, dies Geheimnis des Judentums?" Sie kann nicht zum Schweigen kommen, solange noch einer-am Gottesges'etz festhält, solange noch Mazzaus und Bitterkraut vor den Augen unserer Kinder liegen. An dieser Frage erweisen sie sich doch immer wieder als unsere Kinder . . . Meine Freunde! Das Peßachfest als Fest der Freiheit und der Menschenwürde hat eigentlich das am leichtesten verständliche, rationalste Motiv. Die Freiheit wird von allen, die Menschenantlitz tragen, ersehnt und erwünscht. Eigentlich hat die Menschheit erst durch Abschaffung der Sklaverei die wirkliche Humanität, die Anerkennung des Menschen als Menschen erreicht; wo immer Unfreiheit den Menschen in Ketten schlägt, da erwacht das sehnsüchtige Verständnis für diesen ersten Ruf unserer Religion, für die Losung des Peßachfestes mit elementarer Gewalt in den Herzen. Da ruft die Vernunft nach Freiheit als dem Urgrund des Menschseins. Diese rationale Idee der Freiheit verknüpft nun die Tora mit dem unbegreiflichen, irrationalen Symbole des Festes, mit dem Brot der Mazzaus, dem Brot des Elends, das zum Brot der Erlösung wird, weil Unfreiheit bei den Menschen immer damit begründet wird, daß ohne sie der Kampf ums Brot sich nicht entscheiden lasse. Gegen dieses Symbol wendet sich der Verstand der nachkommenden Geschlechter ynd spricht: was soll euch dieser Dienst? Das aber ist das Merkwürdige im Judentum, daß sein rationaler Gehalt, seine zu Herzen sprechenden Gedanken und Ziele mit der religiösen Uebung, mit bestimmten, zunächst unbegreiflichen Satzungen verknüpft sind, daß das Licht der Idee von dem Leuchter der lÄizwo getragen wird. Hätten wir die Mazzo nicht, die Idee der Freiheit wäre "längst vergessen. Die Seligkeit des Sederabends, an dem das heilige Mysterium Gottes über den Menschen kommt, weckt immer wieder unsere Kinder zum Fragen auf: warum essen wir nur Mazzaus?, worauf wir ihnen antworten: Knechte waren wir, und Gott hat uns befreit. Die Fremdheit, die Seltsamkeit, die Unbegreiflichkeit der Mazzo, sie waren die Bürgen dafür, daß in uns der herrliche, einzigartige Gedanke des Festes nicht vergessen werden kann. An ihr erwecken sich die Frage und durch die Frage das Verständnis für Sinn und Wesen des Judentums. Den Alten könnte der religiöse Brauch eine Selbstverständlichkeit werden, eine mechanische Uebung, ohne Wissen um die Gedanken und Erinnerungen, die sich hinter ihr verbergen; Dann kommt das grübelnde, das zweifelnde Kind, das kritisch die Seltsamkeit der väterlichen Uebung sieht, vielleicht durch sie abgestoßen und verletzt wird und nun höhnt: was soll euch diese Aeußerlichkeit, diese Zeremonie? An dieser herben,