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Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Hansestadt Hamburg · 1938-04-08 · 4 (8.4.1938) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Hansestadt Hamburg
Volume
14 (1938)
Issue
4 (8.4.1938)
Date
1938-04-08
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Jüdisches Gemeindeblatt Nummer 4 den Gedanken der Selbsthilfe erinnert, ist zu einem gewichtigen Bauwerkzeug unseres weidenden Nationalheims geworden. In den letzten 15 Jahren sind durch sie allein 825 000 £ aufgebracht worden, ein Betrag, der ausreichte, um-den für die Ansiedlung von tausend jüdischen Familien erforderlichen Boden zu er- .werben. Erst waren es einige wenige, die die blaue Büchse als Sammelmittel propagiert haben. Ein Bankbeamter in Rußland schrieb 1902 an das zionistische Zentralorgan ..Die Welt", er habe eine ..Palästina-Büchse" anfertigen lassen, hierauf einen Zettel mir der Aufschrift ..Keren Tumit (Nationalfonds) aufgeklebt, sie in seinem Büro angebracht und mit ihrer Hilfe beachtliche Spenden für den Keren kajemet gesammelt. Im selben Jahre berichtet der Sekretär des zionistischen Vereins in Schakay (Gouvernement Suwalki). er habe in verschiedenen Chedanm Sammelbuchsen angebracht und die Kinder veranlaßt, wöchentlich eine Kopeke von ihrem Taschengeld in die Buchse zu werfen. Weiter'habe .er in den Werkstätten der Herten- und Damenschneider Sammelbüchsen aufgehängt und die Inhaber bewogen, dafür zu werben, daß jeder, der ein neues Kleidungsstück von-seinem Schneider empfange, eine Münze in die Sammelbüchse werfe. Erst 1904. fast drei Jahre nach der Gründung des_KKL.. nimmt die Zentrale diese Anregungen auf, läßt KKL.-Büchsen herstellen und sorgt für eine systematische Aufstellung. Ueber der Größe der Aufgaben und dem Umfange des werdenden judischen Gemeinwesens in Erez Jisrael wird oft der unscheinbare Anfang vergessen. Die Erinnerung hieran geht verloren, die naiven und fast rührend anmutenden ersteji Vorschläge haben aber dazu geführt, daß die KKL.-Büchse heute ein Bestandteil des jüdischen Lebens und in jeder Familie der sichtbare Ausdruck der Palästina-Verbundenheit geworden ist Der KKL. ist volkstümlich geworden, weil er jedem, auch dem ärmsten Juden die Möglichkeit gibt, sich an der größten judischen Gegenwartsaufgabe, dem Aufbau eines jüdischen Gemeinwesens in Erez Jisrael. zu beteiligen. In einem Aufruf, den die Leitung des KKL im Dezember 1902 veröffentlichte, heißt es: Nicht bettelrv wollen wii mehr um Hilfe bei anderen, selbst müssen r Hand anleter.. um unser Schicksal abzuwenden und eine bessere 7. kunft fur die i_io:!e Masse unseres Volkes herbeizuführen. Was vor 35 Jahren eine neue Saite im jüdischen Leben anklingen ließ, ist heute zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Aber der Gedanke von damals ist heute noch so lebendig wie lr. -einer ersten Zeit. Die fünf Pfennige, die der mit Palästina verbundene Jude als eine kleine Steuer täglich in die blaue Buchse tut. mögen zwar geringfügig erscheinen, aber auch hier gilt der -Satz. der vor 35 Jahren in jenem Aufruf stand: Die größten Kräfte setzen sich aus kleinen Atomen zusammen, und die e.gantischen Kräfte der- Niagara-Falle bestehen auch nur aus Wassertropfen. Palästina horcht heute »uf das Echo seiner Sorgen und seines Kampfes, um die Fortsetzung des jüdischen Aufbauwerks. Jeder Jude hat die Möglichkeit, durch die blaue Büchse des KKL. auf den Anruf Erez Jisraels zu antworten.1) Der neue Schedule Der neue Schedule. der am 10. März herausgegeben und teilweise ungünstig beurteilt worden ist. bietet bei genauerer Prüfung für die jüdische Einwanderung nach Palästirfa Möglichkeiten beachtlicher Steigerung. Die Vollmacht des High Commissioners. den Umfang der Einwanderung nach politischen Gesichtspunkten zu bemessen, ist vorläufignoch nicht außer Kraft gesetzt, sondern verlängert worden und zwar mit der Maßgabe, daß diese Ver- 'J Vgl. den Aufruf Seite 5 längerung vorläufig für die nächsten sechs Monate (1. April bis 30. September) praktisch wird. Aus der Begründung dieser Maßnahme geht klar hervor, daß die englische Regierung willens ist, trotz der bisherigen Verzögerung die durch den Peel-Bericht eingeleitete Politik durchzuführen. Das Prinzip der ökonomischen Fassungskraft des Landes als Grundlage der Einwanderungsregulierung wird anerkannt, jedoch hinzugefügt, daß dieses Prinzip=auf den Teil des Landes angewandt werden soU. der mutmaßlich zu einem jüdischen Staat gehören wird. Da die Abgrenzung dieses Teiles von dem arabischen bisher noch nicht vorgenommen werden konnte (das wird zu den Aufgaben der neuen technischen Untersuchungskommission gehören, die im April nach Palästina gehen wird), ist es unvermeidlich, die Uebergangsperiode noch etwas zu verlängern und den Umfang der Alija besonders zu regeln. Das ist in kurzen Zügen die Begründung der neuen Bestimmungen. — Inhaltlich besagen sie folgendes: Die Erteilung von Einwanderungs-Visen an Kapilalisten (Kategorie AI des Einwanderungsgesetzes) soll großzügig gehandhabt werden und 2000 Visen im nächsten Halbjahr umfassen. Diese AI-Visen gelten wieder, wie früher, für Familien. In der Kategorie C (Arbeiter) werden 1000 Zertifikate ausgegeben werden, und es ist sicher, daß verheiratete Zertifika|tsempfänger mit- Frau und Kindern werden einwandern können, ohne daß diese Familienmitglieder innerhalb des Gesamtschedules besonders gezählt werden. DieKategorieDtVerwandte) ist diesmal nur mit 200 Zertifikaten bedacht worden, wobei bemerkt wird, daß diese Zahl für Härtefälle reserviert bleiben darf, da Frauen und Kinder, die bisher unter diese Kategorie fielen, nunmehr (wie oben dargetan) mit den Zertifikaftsempfängern ins Land kommen bezw. ihnen nachwandern körinen, ohne besonders gerechnet zu werden. Es werden demnach nunmehr in der Hauptsache Eltern über 55 Jahre auf die Kategorie D angewiesen sein. ' Die große und neuartige Chance des Schedules liegt darin, daß die Kategorie B des Einwanderungsgesetzes ziffernmäßig überhaupt nicht beschränkt ist. In diese Kategorie gehören alle diejenigen Einwanderer, die zur Ausbildung und zum Studium nach Palästina kommenr die Ausbildungsstätten de^ Jugend-Alija, der Wizo. die Hebräische Universität •Jerusalem, das Haifaer Technikum und eine Reihe anderer Erziehurfgsinstitutionen sind über B-Zertifikate zugänglich. Altersmäßig liegen hier die Voraussetzungen ganz verschieden; die Jugend-Alija schreibt ein Alter von 15—17 Jahren, die Wizo von 18—24 Jahren und andere Einrichtungen noch anderes vor. Wieviel Menschen also im kommenden Halbjahre auf B-Zertiflkate nach Palästina einwandern werden-, .ist nicht von der M*ndatsregierung abhängig, sondern allein von der Zahl der Ausbildungsplätze, die in den genannten und anderen jüdischen Institutionen frei werden bzw. neu geschaffen werden können. Man darf rechnen, daß derart erheblich mehr als 1000 Menschen werden zur Alija gehen können. Insgesamt wird demnach die Alija nach Erez Jisrael im nächsten Halbjahr 8000 b i s 10 000 Köpfe erreichen. Denkt man daran, daß diese Ziffer.in sechs Monaten erreichbar sein wird, während in den letzten acht Monaten die Ziffer von 8000 Einwanderern nicht überschritten werden durfte, daß ferner ' der Peel-Bericht in seinen . sogenannten Palliativvorschlägen eine Höchstgrenze von nur 12 000 Immigranten je Jahr vorschlug, dann ist ein gewisser Fortschritt nicht zu verkennen., der in dem neuen Schedule liegt. Er ist ein bedeutsamer Erfolg der zionistischen Politik, hoffentlich ein Zeichen dafür, daß Palästina auch weiter für das Wanderungsbedürfnis det- Judenheit in Deutschland sehr Erhebliches leisten wird, zumaldarüber hinaus Aussicht auf zusätzliche Zertifikate bestehj. die in den C- oder B-Schedule einzuordnen sind. Rabbiner Dr. Leo B o e r vc a l d - München: , TeSSddl / lest der Wanderung, lest der lamitie, lest der ffilfsbereitsdwft Also sollt ihr es essen: eure Lenden gegürtet, eure Schuhe an euren Fülien, und euren Stab in eurer Hand; in Eile sollt ihr es es.sen. 2. Mos. 12. H. Kein einprägsameres Symbol hätte für das Schicksal Israels gefunden werden können als die Vorschrift, mit deren Erfüllung das erste Pessachfest, das Pessach des Auszuges, begangen v.irden sollte. Das Einmalige ward zum Gleichnis; der Charakter unserer Geschichte ist dadurch bestimmt worden. ,.Für eure Gtschlechter sollt ihr es feiern, als ewige Satzung." i2 Mob. 12. 14.) Wie dem Erzvater Abraham als erstes Gebot das Y7 "frder Boiehl zur Wanderung, entgegentönte, sein und seiner Nachkommen Schicksal kennzeichnend, so ist das erste Wort an das w erdende Volk: eure Lenden gegürtet . . . und euren Stab in eurer Hand. Im Augenblick, da die Knechtschaft ein Ende hat — keine* Zeit friedlichen Ausruhen^, kein Augenblick behaglichen Hingegebcnseins, vielmehr — Bereitschaft zur Wanderung. Bereitschaft, nach dem Geheiß Gottes ein Neues zu suchen. So waTd unsere Geschichte ein steter, immer sich wiederholender Auszug. Was immer wir Neues erfahren haben, ein „Auszug<* mußte uns zu ihm führen. Nicht umsonst heißt es bei allem, was uns gegeben und aufgegeben ward: zur Erinnerung an den Auszug aus Aegypten, nicht: zur Erinnerung an die Knechtschaft. Die war überwunden, mit Gottes Hilfe; der Auszug blieb, nach Gottes Willen. Dieser Auszug, die erste Wanderung des Volkes Israel, ward das Symbol alles Wanderns, das wie ein Gesetz unseres Lebens uns .mitgegeben ist. Niemals haben wir uns lange ausruhen dürfen von dieser Wanderung. Für uns hat das Dichterwort eine doppelte Gültigkeil erhalten: Uns ist gegeben, an keiner Stätte zu ruhen. Wann hat sich für uns der Wunsch des Psalmwortes (132, 14) erfüllt: Dies ist' meine Ruhestatt für immer,

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