Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Hansestadt Hamburg
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Hansestadt Hamburg
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- 2 (11.2.1938)
- Date
- 1938-02-11
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/6492321-5444759-5445111--119-4892604- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2 Jüdisches Gemeindeblatt Nummer 2 An der Spitze der Berufswdnsche unserer Mädchen steht heute das Handwerk. Während die dreijährige Handwerkslehre die Ausbildung des Lehrlings zur Gesellenprüfung vorsieht, müssen Fachschulen und Lehrwerkstätten die Ausbildung auf meiner bedeutend breiteren Basis tufbauen, da hier über das Ziel der Gesellenprüfung hinaus die elbständige Arbeit in dem Berufszweig angestrebt werden muß. Das bedeutet: Grundlagen legen nicht nur für die .Meisterarbeit, sondern zugleich auch für die in dem Gewerbe üblichen Spezialisierungen. Im Damenschneidereihandwerk. von dem hier die Rede sein soll, haben sich ganz bestimmte Spezialberufe herausgebildet, die auch im Ausland gehandhabt werden. Auf besondere Verarbeitungstechndken, wie sie einem Lande traditionsmäßig eigen sind, kann die gelernte Arbeiterin sich ohne weiteres umstellen. Die Fachbezeichnungen unterliegen zwar häufig verschiedenen Grundlagen und Abwandlungen, die sich aus bildete Kraft ■besonders, den Fachb vertraut Sache erw, anderset; Margarete Neumann, Leiterin der Jüdischen Fachschule für Schneiderinnen: Ausbildung und Tätigkeit im Damenschneidereihandwerk1) Die Gegenstände werden meist zugeschnitten geliefert. Die Arbeit muß so rationell wie möglich eingerichtet werden, damit die Aufwendung an Arbeitskraft, im Durchschnitt auf das Stück gerechnet, ein Minimum an Zeit, d. h. für den Unternehmer an Arbeitslohn, erfordert. Die Menge muß es bringen! Die Heimarbeiterin kommt nur dann zu einem Normalverdienst, wenn sie überlegte und angespannteste Arbeit im Geschwindtempo erledigen kann, „wenn jeder Handgriff sitzt". Bei Beobachtung aller notwendigen Bedingungen, die an eine derartige Arbeit gestellt werden können in bezug auf Sorgfalt und Sauberkeit, hat sie insbesondere kurzfristige Lieferungen zu übernehmen, so daß von einem achtstündigen Arbeitstag selten gesprochen werden kann. Wir kommen nun zu der dritten Frage: Auf welche verwandten Berufe kann die gelernte Schneiderin sich gegebenenfalls umstellen? Fast alle Berufszweige, die zum Gebiet des Bekleidungsgewerbes gehören, kommen hier in Betracht: Wäsche im allgemeinen.'Unterkleidung im besonderen, Korsettnähen (Maß- oder Industriearbeit), in Strick- und Häkeltechniken, Kleider, Kostüme, Jumper usw., Schürzenfabrikation, Berufskleidung, Pelzarbeiten, Anfertigung von Kleidergarnituren (Lingerie), Entwürfe und Anfertigung von Kleiderstickereien und solche für die Innenausstattung (Kissen, Decken usw.), Krawattenmustern und -nähen usw. Bei Anschaffungsmöglichkeit von Spezialmaschinen (Namensticken. Knopflöcher, Hohlsäume, Zierstiche, Plisse usw.) kann ein Nebenverdienst erlangt werden, wenn Beziehungen zu Konfektionshäusern oder ähnlichen Unternehmungen herbeizuführen sind. Die Ausbildung in der Fachschule für Schneiderinnen, wie Wir sie in Hamburg haben, erstreckt sich darum nicht allein auf die Führung zu einem Abschluß, der dem der Gesellenprüfung entspricht. Sie muß vielmehr abzielen auf den Zweck unserer Einrichtung: die Auswanderung Von diesem Gesichtspunkt aus legt sie darum den Hauptwert auf eine breite Berufsausbildung, damit die Möglichkeit zum weiteren selbständigen Aufbau und notfalls zu einer Umstellung gegeben ist Die Schülerinnen müssen befähigt werden, von sich aus ihr Leben auf die ihren Fähigkeiten gemäße Grundlage zu bringen. Sie müssen in der Lage seih, ihre Kenntnisse auf verschiedenen Gebieten einzusetzen, mit dem Mute und der Zuversicht des Könners, sich auf eine anfangs fremd anmutende Tätigkeit einzustellen, auch wenn diese eigentlich anders ist. als sie erwartet haben. Wer eine straffe Berufsausbildung aufweisen kann, sich Arbeits- und Lebensdisziplin erarbeitet hat, wird Ansatzpunkte zu seiner gewohnten Arbeit auf allen Gebieten finden. Der Arbeitsplan unserer Fachschule für Schneiderinnen sieht neber der praktischen Schulung vor Erarbeitung des Schnittzeichnens und der Schnittgestaltung, beginnend im ersten Ausbildungsjahr. Der Zeichenunterricht erzielt die Befähigung des zeichnerischen Ausdrucks in bezug auf die verschiedenen Teilgebiete der Modezeichnung, der Entwurfs¬ und Modellzeichnung, der Farbenanwendung. Er gibt bei besonderer Veranlagung und Ausbau der Fähigkeiten die Möglichkeit zur beruflichen Verwertung. Schnittzeichnen und -gestaltung kann zur beruflichen Anwendung dieses Teilgebietes führen. Die Grundlagen zur schöpferischen Arbeit vermittelt die Gestaltungs lehre, ein Gebiet, das lebendigen, erfinderischen Einsatz aller Kräfte verlangt. Hier werden insbesondere modische Kleinigkeiten hergestellt, wie: Gürtel, Kragen, Taschen, Verschlüsse usw. Theoretisch wird der Unterricht unterbaut durch Stofflehre (Warenkunde) und Sprachen (Englisch, Iwrit). Außerdem werden Geschäftsvorgänge, Buchführung, und alles zu einem Werkstattbetrieb Notwendige unterrichtlich klargestellt Kostüm- und Kulturkunde sind in den Zeichenunterricht einbezogen. Alle Techniken auf handwerklichem Gebiet werden eigenständig von den Schülerinnen erarbeitet (z. B. Stickereien entworfen, auf Stoff aufgetragen und ausgeführt), mit möglichst primitiven Werkzeugen, damit die Schülerinnen unabhängig bleiben von nicht überall vorhandenen Maschinen und Anlagen. Daß eine gutfundierte zwei- bis dreijährige handwerkliche Ausbildung zugleich auch allgemein-menschliche Bildungswerte in siph schließen muß, versteht sich am Rande. Von Beginn an schafft das gemeinsam erstrebte Ziel eine kollegiale Haltung, eine innere Bindung, die zu einer im besten Sinne festgefügten Arbeitsgemeinschaft führen. Der planmäßig aufgebaute Lehrgang mit in seinen Rahmen eingebauten Ausstellungen und Modevorführungen vermittelt den Schülerinnen Möglichkeiten, Organisation und Vorarbeiten für derartige Veranstaltungen kennenzulernen. Die beste und wohl auch die einzige Sicherung, die wir unseren jungen Manschen mitgeben können, ist eine gründliche, planvolle Ausbildung und Erziehung, die sie als Könner und Menschen vorbildlich in die neuenHeimatländerhineinwachsen lassen werden. chgebrauch ergeben. Für die gut ausgedles schnell zu überwindende Hindernisse, vor, der Auswanderung sich bereits mit gen in der in Frage kommenden Sprache at. Mißverständnisse, die aus dieser Tatn, können jedenfalls durch praktische Ausein- (Zeichnung oder Vorarbeit) leicht behoben werden. Unsere Schule tut ein übriges, indem sie den Englischunterricht an das Fachgebiet Schneidern an Hand von englischen Modezeitungen und englischer Fachliteratur anlehnt und so in den Fachwortschatz der Bekleidungsindustrie einführt. Der Laie stellt sich die Schneiderin meistens als eine Frau vor; die an der Nähmaschine sitzt oder am Zuschneidetisch steht — allein oder mit anderen, die in gleicher Weise beschäftigt sind. Äpn außen gesehen ein richtiges Bild! Soll jedochÄ'on der Berufstätigkeit .gesprochen werden, dann müssen folgende Fragen gestellt und beantwortet werden: L Welche Arbeitsmöglichkeiten bieten sich der handwerklich ausgebildeten Kraft' 2. Welche Spezialisierungen sind im Schneidereihandwerk üblich? 3. .Welche verwandten Gebiete des Bekleidungsgewerbes kommen, falls notwendig, durch Umstellung in Betracht? Die erste Frage ist am leichtesten zu beantworten: die in eine? regulären Handwerkslehre ausgebildete Kraft mit Gesellenprüfung ist befähigt zur Verarbeitung und Fertigstellung des von der Meisterin zugeschnittenen und der Kundin anprobierten Bekleidungsstückes. — Sie kann also als Gehilfin überall eine solche Arbeit übernehmen, in einem Maß-Salon, in der entsprechenden Abteilung eines Modehauses, oder sie kann in der Konfektionsindustrie Spezialarbeiterin werden auf Kleider, Mäntel, Röcke, Blusen, Kinderkleider. . Wohlgemerkt: in Großstädten. Mittel- oder Kleinstädte werden diese Möglichkeiten nur in Sonderfällen aufweisen — es müssen also vorher im Einzelfall genaueste Erkundigungen eingeholt werden, m kleineren Städten wird es sich um die übliche Maßanfertigung einfachen, mittleren oder eleganten Genres handeln Die eben ausgelernte Gehilfin aber ist nicht in der Lage, ' diese selbständige Arbeit zu leisten, denn weder hat sie gelernt, Schnitte anzufertigen, noch kann sie Anproben tornehmen — beides Fähigkeiten, die zur Lehrlingsausbildung nicht gehören, sondern eine Meistertätigkeit darstellen. Die zweite Frage betrifft die in der Schneiderei übliche Spezialisierung. Es sei noch einmal darauf hingewiesen, daß das Handwerk die Anfertigung des ganzen Stückes, vom Schnitt bis zur Fertigstellung, vornimmt. In der Konfektion dagegen finden wir die Aufteilung der Arbeitsvorgänge, in den Fabriken als Akkordarbeit aufgezogen oder vergeben durch Zwischenmeister in Faktoreien als Heimarbeit. In der fabrikmäßigen Konfektionsnäherei kennt man die Musterin, die Zuschneiderin, die Vorarbeiterin, die Rock-, Taillen-, Aermelnäherin, die Büglerin, die Putzerin (Fadenvernähen, Musterlücken ausbessern, verputzen), die Kragen-, Jabot-, Rüschen-, Garniturnäherin. Die Tätigkeit der Zuschneiderin unterscheidet sich wesentlich von der Arbeit der Direktrice, eine oft nicht bekannte Tatsache. Die Zuschneiderin schneidet mit Hilfe der Zuschneidemaschine nach Schablonen zu — eine mechanisch angelernte Tätigkeit, bei der es auf Genauigkeit ankommt. Wie das Handwerk kennt die Heimarbeit die Anfertigung des ganzen Stückes, in der praktischen Herstellung jedoch in Teilgebieten. Die Arbeit wird zugleich an Dutzenden derselben Art und Größe vorgenommen —, d. h: die einzelnen Teile werden zusammengesetzt: alle Rockteile. Besatzteile, Aermel, Kragen usw.. und zum Schluß die letzte Verarbeitung an allen Stücken geleistet ') Siehe die Anzeigen der Beratungsstelle, S. 10 dieser Nummer.