Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Hansestadt Hamburg
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Hansestadt Hamburg
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- 2 (11.2.1938)
- Date
- 1938-02-11
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdisches Gemeinüebh tt für das Gebiet der pC% Hansestadt Hamburg Das Gemeindeblatt erscheint Mitte jeden Monats * Bezugspreis 0.45 KM. vierteliahrl. einschl. Bestellgeld > Anzeigenpreis 8 Pf. die 8 gesp.mm-Zeile. Geschäftsstelle: Hamburg 36. ABC-Str. 57, Fernspr. 3407 71 Angemeldet beim Sonderbeauftragten des Reichsminisrcrs für Volksautkl8rung und Propaganda betr. Überwachung der geistig, und kulturell tfitigen luden im deutschen Reichsgebre\ Nummer 2 Hamburg, 11. Februar 1938 jli Jahrgang -/ t , / PräsidialausschuB und Rat der Reichsvertretung der Juden in Deutschland haben folgende Erklärung beschlossen: *, . Die Reichsvertretung der Juden in Deutschland hat in Zusammenarbeit mit den jüdischen Landesverbänden. Gemeinden und Organisationen sich bemüht, den Raum, der den Juden in Deutschland geblieben ist, mit Sinn und Inhalt zu erfüllen. In ihren Maßnahmen durfte sie sich auf die Zustimmung und Mitwirkung des weitaus größten Teils' der Judenheit in Deutschland stütz'en. So hat sie den geschichtlichen, oft so schwierigen Umwandlungsprozeß auf fast' allen Gebieten des jüdischen Lebens maßgebend beeinflußt. Seit Jahren steht die Auswanderung, die Schaffung von Einrichtungen, die ihr und ihrer Vorbereitung mittelbar oder unmittelbar dienen, im Vordergrund des S o r g e n s und Handelns der Reichsvertretung An die Steile der unruhigen und ziellosen Auswanderung wurde mehr und mehr das Prinzip der Ordnung und Planung gesetzt Die Reichsvertretung-sieht es als ihre Pflicht an, auch dem Verlangen nach Beschleunigung der Auswanderung Rechnung zu tragen. Sie sieht sich aber genötigt, vor übertriebenen Erwartungen zu warnen Die Möglichkeiten der Auswanderung hängen nicht nur von ihrem Willen und der Arbeit der Wanderungsorganisationen ab, sondern vor allem von der Bereitwilligkeit der anderen Lander, ihre Tore für die Juden aus Deutschland, ebenso wie auch für die aus Osteuropa, offen zu halten. Darauf hat aber die Reichsvertretung keinen bestimmenden Einfluß. Sie kann nicht Wunder tun und sie vermag nicht die Bedingungen, die ihrer Absicht in der Welt entgegenstehen, zu ändern Bei einer planlos sich vollziehenden Auswanderung kann sie eine Verantwortung für ihren geordneten Vollzug nicht übernehmen. , Die Reichsvertretung richtet in dieser Stunde einen Appell an die Palästinaregierung, den Juden in Deutschland, vor allem den ausgebildeten jungen Juden, die sich für den Aufbau Palästinas -einsetzen wollen, den Weg dorthin nicht zu verlegen. Sie richtet ihren Appell an die überseeischen Länder, insbesondere an die mit dünn besiedelten Gebieten, durch Gestaltung und Handhabung' der Einwanderungsbestimmungen eine größere Zahl nützlicher Einwanderer aufzunehmen. Ein erheblicher Teil der in ihrer Zusammensetzung stark uberalterten Judenheit in Deutschland ist aus.- wanderungsunfähig und wird seine Tage in Deutschland beschließen müssen. Soll er nicht der öffentlichen Wohlfahrt anheimfallen, so dürfen ihm die Erwerbswege nicht völlig verschlossen werden-. Auch die Fortsetzung geordneter Auswanderung — und nur diese hält die Einwanderungstore auf die Dauer offen — ist hur möglich, wenn die wirtschaftliche Existenzfähigkeit der Juden in Deutschland nicht noch weiter geschmälert wird Nachdem die Juden aus dem staatlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Leben und aus allen führenden wirtschaftlichen Stellungen aus- * geschaltet sind, bitten wir deshalb die Reichsregierung, daß der Verringerung der Erwerbsmöglichkeit.für die Judenheit in Deutschland Einhalt getan werde. Wir hoffen ferner, daß die Möglichkeit des persönlichen Verkehrs zwischen den Ausgewanderten und ihren Angehörigen, die in Deutschland zurückbleiben müssen, nicht unterbunden.wird. An die Juden in Deutschland wendet sich die Reichsvertretung mit der Bitte, Geduld zu bewähren und angesichts der gesteigerten Anforderungen, die an sie gestellt werden, nicht müde zu werden. Ohne L'ebensmut und Selbstachtung sind unsere Aufgaben nicht zu lösen. In der Erwartung, daß diese Erklärung mit V,e r s t ä n d iji i s , Vertrauen und Hilfsbereitschaft beantwortet werden wird, verbindet sich die Reichsvertretung mit jedem einzelnen Juden in Deutschland Qberrabbiner Dr. J. Carlebach: Martin Buber zum sechzigsten Geburtstage Martin Buber ist ein Genie des Gedankens wie der Sprache, ein Meister des ethischen Pathos. Er war zeitweilig der größte Repräsentant des Judentums in der allgemeinen Welt der Geister, wie vor ihm nur Berg so n, Hermann Cöhen und Franz Rosenzweig. In der jüdischen Welt des Ostens, des alten Bet hamidrasch, des originalen historischen Judeseins ist sein Name fremd geblieben, und mit Recht. Aber für die jüdischen Menschen zwischen den Welten, deren Grundstruktur die Disharmonie der in ihnen äufeinanderstoßenden Epochen ist, deren Weltverbundenheit sie in die Tragik der Auflösung alle* religiösen Werte hineinriß, für sie war Buber der Erneuerer des Glaubens an Israel und seinen Gott, der Wiedererwecker der ethischen Absolutheit des Judentums. Der geistigen Anarchie der modernen entwurzelten Juden hat er ein Ende bereitet, für sie war er, in Redegewalt und Aussehen gleich legitimiert, eine Prophetengestalt, ein mächtiger Künder der Umkehr. Gegenüber Hermann Cohen ward er!der philosophische Entdecker der Volksgemeinschaft, des jüdischen Stammes und Blutes als der Garanten jüdischer Lebenssubstanz. Gegenüber dem Zionismus, der in Land, Sprache und Volk den Inbegriff nationaler Merkmale sah, gab er die Weisung jüdischer Geisteskultur und sittlicher Erneuerung als Konstituanten und Voraussetzungen werthafter jüdischer Existenz. Allen Kindern seiner Zeit, den Besten seiner Zeit hat er die moralische Orientierung zurückgegeben. „Und wer den Besten seiner Zeit genug getan, der hat gelebt für alle Zeiten." ' - > '■■ * '■ ' " •, . ~ Der Vorstand des nelimonsverbandes hat Herrn Prof. B u t>e r zur Vollenduni; seines 60. Lebensjahres das nachstehende Glückwunschschreiben übersandt: .?*"'".*.', . Sehr, geehrter Herr Professor^ Wenn auch wir Ihnen zur Vollendung .Ihnes 60. Lebensjahres unseren Glückwunsch aussprechen. ,so soll er zum Ausdruck bringen, was Sie für die Juden Hamburgs bedeuten. Fast Jahr für Jarjr hat Jhr Weg Sie in unsere Mitte geführt, und so oft Sie unter uns weilten, haben»Sie über die Fragen, die die Juden heute bewegen, zu uns von der hohen Warte au» gesprochen, auf der Sie stehen und von der aus Sie die jüdische Welt überblicken. Insbesondere haben Sie in vielfachen Arbeitsgemeinschaften die Jugend unserer Gemeinde jn die Bibel und., damit in die jüdische Geisteswelt eingeführt und ihr Antrieb und Aufschwung gegeben. Unser Dank und unser Gruß am Tage Ihres Eintrittes in das siebente Jahrzehnt Ihres Lebcjns kann nur in dem Wunsche bestehen, daß Sie der Judenheit in Deutschland und damit auch derjenigen innerhalb unserer Gemeinde noch lange als ihr Lehrer und Führer und Deuter des Gottesworfjes erhalten bleiben. k ' In herzlicher Verehrung gez. Dr. Ernst Loiwcnberg. s /