Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Hansestadt Hamburg
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Hansestadt Hamburg
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 11 (12.11.1937)
- Date
- 1937-11-12
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Jüdisches Gemeindeblatt Nummer 11 r--- ISRAELITISCHER TEMP EL - VERB AN D Fest-Gottesdienst im Tempel, Oberstraße 120 Sonnabend, 11. Dezember, 9'/i Uhr morgens ^aus Anlaß des 120jährigen Bestehens des Israelitischen Tempel-Verbandes. 'Fest-Predigt: Oberrabbiner Dr. Italiener. Der Vorstand. manchem dünken, daß das Judentum einem unaufhaltsamen Auflösungsprozeß verfallen sei. Nur eine Umgestaltung, die eine Renaissance bedeutete, konnte Kettung bringen. Bisher war der Gottesdienst der ge- "trcuci'o Ausdruck der Gedanken- und Empfindungswelt des Judentum* * ec wesen, vom Gottesdienst aus sollte denn auch die Wendung zur N'eugcstaltung'.erfolgen. Die hohe Wertung des Gottesdien.-Hs war auch der Beweggrund .für Israel Jacobson und .Jacob Hertz Beer, einen neuen Gottesdienst zu schaffen und mit seiner Hilfe das Judentum in die neue Zeit einzuordnen. Aber die von ihnen geschaffenen gottesdienstlicnpn Umgestaltungen waren persönliche Versuche, denen der Rückhalt der Gemeinde fehlte. Auch die Entschließungen des Westfalischen Konsistoriums zur Neugestaltung des Gottesdienstes waren nicht aus den Gemeinden erwachsen und wurden als gewaltsame Eingriffe in ihre Rechte empfunden. Ifcrst der Hamburger Tempelverein war die erste Gern eji n d e der neuen Judenheit. In ihm-übernahm die Gemeinde die Vertretung und Verteidigung der neuen Ideen mit dem Willep. sie gegen alle Eingriffe zu schützen. Nicht Rabbi.nir. sondein Gemeindegenossen, der Kaufmann Salomon Cohn, der Kotarius Meyer Israel Bresselau, Seckel Isaac F i ji n c k e 1, M. M. Haarbleicher, Joseph W a r endo r f f u. a. waren die Anreger der neuen Bewegung und fanden in Hamburg die Gemeinde als Trägerin und Bürgschaft des neuen Gedankens. . , * Seheujbar handelte es sich bei der Begründung des Tempels nur um die Neugestaltung des Gottesdienstes. Tatsächlich aber bedeutete diese Neugestaltung nicht etwa die Anfechtung irgendwelcher veralteter Bräuche, nicht die Verwerfung einzelner überlieferter Auslegungen, nicht die neue Ausdeutung alter Schriftworte, nicht den erklügelten Ausgleich zwischen Glauben- und Wissen, sondern die umwälzende Revision der gesamten Gedankenwelt der Judenheit, die Umbildung seiner nat onalcn Hoffnungen in weltbürgerliche, die Vergeistigung seir er Sinnbilder, die Ausmerzung fremder Beisätze, die Rückkehr zur Religion der Propheten. Diese Rückkehr war aber k< m .Rückschritt, sondern die Heimkehr zum Judentum in seiner ISRAELITISCHER TEMPEL-VERBAND f Im Rahmen der im Winterhalbjahr 1937/36 stattfindenden Religiösen Feierstunden j spricht Im Zyklus „Das Jüdische Kn I t|i rprob I e m“ als zweiter Redner Herr Rabbiner Dr. Paul Lazafus - Wiesbaden über: Zwei jüdische Kulturzentren/’Aegypten — Spanien, Sonntag, 21. November, mittags 12 Uhr, im Großen Tempel, ObersHaße 120. Die Veranstaltung wird von Chorgesang eingeleitet und abgeschlossen. Sie beginnt pünktlich und ist unentgeltlich jedem Mitgkede der Gemeinde zugänglich. Der Vorstand reinsten Gestalt, die Renaissance der bibli^ihtn Weltanschauung in der Neuzeitl | Der Tempel hat sich jedoch, das ist sein besonderes Ehren- Zeugnis vor dem Richterstuhl der, Geschichte, von jeder leichtfertigen Modernisierung, von jeder gedankenlosen Reform ferngehalten. Seine Absicht war nicht die Lust am Neugestalten,. sondern der Wille, verwitterte Formen, abgestorbene^ Schalen vom Kern zu lösen, um dadurch ihn selbst lebensfähig zu erhalten. Fern von allen Entgleisungen der späteren Reformer hat er keinen Bruch mit der Vergangenheit! sondern die normale Weiterbildung, die natürliche Fortentwicklung des Judentums erstrebt. ,.Der Tempel wollte“ — um ein treffliches i Wort Dr. Maimon Frankels zu gebrauchten —|„in der Synagoge bleiben.“ In einer Zeit der Zersetzung und des religiösen Verfalles hat er.der neuen Judenheit das Gotteshaus erhalten. Das' Vorbild der Tempelgemeinde lebt in allen jüdischen Gotteshäusern fort; sie haben, eingestanden oder ni :ht, seines Geistes einen Hauch verspürt. Nach 120 Jahren des Bestehens der Tempel gemeinde darf die Geschichte ihren Urteilsspruch fällen.. Bereits! Salomon Holdheim hat 1841 in einem 'bedeutsamen Aufsatz die Neuzeitgeschichte des Judentums von dem Streite um den Hamburger Tempel datiert. E1 b o g e n irrt, wenn er qie Gründung des Tempels „eine nicht unwichtige Episode“ nennt. Sie ist keine Episode, sondern bedeutet eine neue Epoche| in der jüdischen Religionsgeschichte, um mit Holdheim zu sprechen: „Der Tempel ist unstreitig das wichtigste Moment in der Kulturgeschichtedes neuen Judentums.“ Selbst (jlraetz, der jein entschiedener Gegner des Tempels und seiner ersten Prediger war, muß diese seine Ewigkeitsbedeutung unumwunden zugeben: ..Er hat den hochangesammelten Wust der Jahrhunderte mit einem' Schlage, ohne'viel Bedenken, aus dem Gotteshause entfernt, das heilige Spinngewebe, das niemand anzutasten gewagt h^t, in jugendlichem; Ungestüm weggefegt und Sinn für geregeltes Weisen, für anständige Haltung beim Gottesdienste und für Geschmack und Einfachheit geweckt.“ - I So ist die Tempelgemt*nde die Mutter,gemeinde des neuzeitlichen religiösen Judentums geworden) Möge sie dieser geschichtlichen Sendung stets eingedenk bleiben! Dr. Bertha Badt-Strauss: Aus Gabriel Riessers Schreibmappe i Durch eine Verkettung der seltsamsten Umstände (und besonders durch eine freundliche Hand, die diese U/hstände zu nutzen wußte!) ist diese merkwürdige Mappe auf meinen Tisch gewandert — und da liegt sie nun und sieht mich an: dauerhaft und doch zierlich gebaut, außen grün und innen rot, gepreßter Kaliko mit goldenen Verzierungen —. unverkennbar, im Biedermeier-Geschmack der vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts, denen sie offenbar ihr Entstehen verdankt. Daß die Schreibmappe aus Gabriel Riessers Besitz stammt, bezeugt ein Brief, der sich in ihr vörfand; seit ich ihn las, kommt es mir vor, als sähe ich dieses Mannes gütige und tatkräftige ifand nach den Löschblättern greifen, um eine seiner glühenden und begeisternden Niederschriften abzulöschen, oder nach dem schmalen Bleistift, der neben Linetrl und Federmesserchen säuberlich hier aufgereiht ist. um rasch einen Gedanken festzuhalten... Der Brief aber, der sich in Riessers Schreibmappe vorfand, als ich sie sah. stammt aus dem Jahre 1888 und ist von Sophie Magnus, geb. I s 1 e r geschrieben. Sie war die Tochter des gelehrten und treuen Meyer Isler. des Direktors der Hamburger Stadtbibliothek, der nach. Gabriel Riessers frühem Tode die erste, noch heute nicht veraltete Biographie des Freundes geschrieben hatte1). Einem Freunde der Familie und des Judentums schickt die Tochter die Mappe, zugleich als Erinnerung ..an die beiden Männer, die so warm für die Sache des Judentums eingetreten sind“. Auch uns soll sie ein wenig von diesen .:) M. Isler, Gabriel Riessers Leben nebst Mitteilungen aus seinen Brieten. Mit Riessers Portrat. 2. Ausg. Frankfurt »/M. 1*71. beiden Männern erzählen: mögen uns ihre Zielie auch unerreichbar, vielleicht nicht einmal erstrebbar erscheinen — die Flamme der Liebe zum Judentum, die sie durchglühte —.sie brennt auch heute in den Herzen unserer Besten. ' "V Sicher ist es die ordnende Hand des Riesser-Biographen Isler gewesen, die in unsrer Mappe ein stattlich Häuflein von Briefen, vielmehr: Abschriften von Briefen Riessers zusammenlegte. Kaum wäre es sonst zu erklären, dafl sich aus diesen Briefen selbst schon fast ein kurzgedrängtes Bild des vielseitigen und unermüdlich tätigen Kämpfers und Anwalts aller Rechtsfragen ergibt. Obenauf legte wohl Isler die Einladung zur Gründung der „Erbkaiserpartei“, nach ihrem Gründungsorte auch Weidenbuschpartei genannt; wir denken dabei an Riesser, dem berühmten „Kaiserredner“, dessen Ansprache nach dem Urteil der fähigsten Köpfe „vielleicht das Großartigste war, was in der Reichsversammlung gesprochen wurde“. Dann folgen Riessers Briefe ah einen der Mitkämpfer aus der Paulskirche, den Professor B i e d e r m a n n*),. die von der Enttäuschung der Achtundvierziger beredtes Zeugnis ablegen. Urid Riesser erlebte damals zwiefache Enttäuschung — als deutscher Politiker und als Jude, der auch die in Hamburg angestrebte juristische Stellung nicht erreichen konnte. Davon zeugen die Briefe an 3) Karl Biedermann 1*12—1901,- seit 1838 Professor ln Leipzig, 1*48 Schriftführer der Nationalversammlung in Frankfurt a. M., schrieb u. a. Erinnerungen aus der Paulskirche, Leipzig 1*49.