Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Hansestadt Hamburg
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Hansestadt Hamburg
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 10 (15.10.1937)
- Date
- 1937-10-15
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Kälber! Schafherden! Junge Schäflein — ein buntes Leben in feinem kleinen, kahlen Dorf mit einem Gutsbesitzerhof mit vielen schlanken, hohen Bäumen! Und ein Elternhaus mit einer Stieftochter und mit einem Stiefbruder! Und die Mutter war gut zu allen, und die Bäuerinnen gewannen sie lieb! Und es begann ein Leben mit vielen Bauernjungen und mit einem deutschen Jungen namens Heinz, mit dem man rasch Freundschaft schließen konnte und dessen ' Eltern, aus einer deutschen Kolonie zugereist, mit dem Stiefvater befreundet waren. Der erwachsene Stiefbruder verfolgte die Stiefmutter und verleumdete sie. und nach einem Jahr etwa drohte er ihr in Gegenwart des Knaben: Er werde sie schlagen — diese kleine, liebe Frau, die alle Bäuerinnen schnell ins Herz geschlossen haben! Und der' Stiefbruder hetzte seine Schwester auf. Und die Stiefschwester — gutmütig und dumm wie ein Schaf — rief: ‘ Wenn eine kinderreiche Witwe, und sei sie noch so jung, sich wieder verheirate, dann sei sie eine . . . Aber der Vater hatte, da^ kann beschworen werden, von dritter Sette alles erfahren und empört geschrien: Noch sei er Herr im Hause! Wem seine Frau nicht gefalle, der möge gehen — sofort! Da wurde die Schwester rot und sagte, sie habe es nicht so gemeint. - Aber der Bruder . . .! In dem kochte es-heimlich weiter... Auch im Gemüt des Knaben woHte es nicht still und; ruhig werden — nein' Er war stets traurig, unlustig, sehnsüchtig — undtman nannte ihn bald einen Blöden, einen Idioten, und man lachte ihn aus’und zeigte mit den Fingern auf ihn! Aber eines Tages wurde ein jüdischer Lehrer aufgenommen. Der sagte: der Knabe sei sehr begabt; in ihm schlummerten Keime, die geweckt werden sollten! Das hatte der Stiefvater schon längst gewußt und oft gesagt: Das sei sein Kind, und er werde für ihn sorgen wie für jedes andere K:’1'!'* Darüber ätgerte sich der älteste Bruder, der Feind! Nie verließ der Knabe seine Mutter länger als eine Stunde! Wenn er mit d.en drei anderen Jungen vor dem Lehrer — in einer engen Bauernstube — saß und lernte, fielen i ihm die Mutter und der Stiefbruder ein. Er wurde ungeduldig, lernte nicht wußte nicht, was man zu ihm sprach, erwachte aber, wenn der Lehrer zornig wurde und die Mitschüler ihr höhnisches Lachen lachten. Er wütete ' heimlich und drückte die geballten Fäuste gegen den Leib. Der ..Fremde“ — so nannte ihn der Stiefbruder—- wurde einmal vom Lehrer geschlagen. Als die Mutter es erfuhr, fragte sic ihn — in Geeertwart ihres Kindes. — wo er den» Mut hernnhme. einer Waise wehzutun! Der Lehrer stutzte über diese Frage: seine großen, grauen, klugen Augen wurden feucht — von nun an änderte er sein Verhältnis zum „Fremden". Das mißfiel aber wieder dem Stiefbruder, und er verleumdete die Mutter in sehr häßlicher Weise beim Vater. Und der Stiefvater faßte eine Abneigung gegen den Lehrer und wollte ihn entlassen. Aber die kleine Frau bat: ..Laß lieber mich mit meinem Kinde gehen!“ Darüber schämte sich ihr Manri. und der Lehrer blieb — in einem Winkel, hinter dem langen, schweren, grünen Vorhang. hatte der Knabe diesem Auftritt1 beigewohnt. — ' *-„.«• Ein bitterböser Winter: Viel Frost! Viel Schnee! Viel Ae'rger und Verdruß und Aufregung! Vater hatte oft in der Stadt zu tun/feiste zu Anfang der Woche ab und kam am Wochenende zurück. Was sich in seiner Abwesenheit zwischen seinem ältesten Sohn und seiner Frau abspielte, erfuhr er nie. Aber jedesmal, wenn er nach Hause kam, sagte er zu seiner Frau: „Du siehst ja so blaß aus . . .?“ ■ Und jedesmal wich sie der Antwort geschickt aus. Diese Frau hat nämlich unermüdlich behauptet: „Sämtliche Zimmer im Palast des Paradieses sind zu jederx Zeit besetzt; nur eins steht leer und unbenutzt. Dieses Zimmer ist bestimmt’: für die beste Stiefmutter oder die beste Schwiegermutter!“ — Und da wollte sie dulden, viel über sich . ergehen lassen, sündenrein bleiben, um in dieses, „gewiß schon sehr verwahrloste Zimmer“ einzuziehen. Sie war stets entgegenkommend und nachsichtig gegen den wutschnaubenden Stiefsohn, dessen blaue Augen sich in der Aufregung ganz tief in den Höhlen verkrochen, dessen blasses, knochiges Gesicht plötzlich so entsetzlich mager werden konnte, dessen kleine, schmale Hand ungeduldig über das kurzgeschnittene, semmelblonde Haar fuhr. Er fing gewöhnlich spät in der Nacht an. wenn der Knabe schon im Bett lag. Die Stiefschwester versuchte, in ihrer i » i *-. dumm-schlichten Art zu vermitteln, gab es aper bald auf: Sie stand dem Bruder doch näher Der Knabe schlief nicht ein, blieb an der Seite seiner Mutter. „Entschluß“, in den er Heinz eimpeihte. — Und Heinz hidß diesen Plan gut. Denn auch Heinz bösen Feind . — Von nun an diesem „Plan“, der rücksichtslos ah seinem gequälten Herzen frißt, der schadenfroh am Blut seines immer blasser, immer gelber werdenden' Gesichts zehrt. ' Die, Einzelheiten erstanden vof ihm in einer eiskalten Nacht, in der alle Oefen plötzlich Stiefbruder ihn aus dem Bett zog legte, um sich selbst in das schon durchwärmte Bett zu legejn — die Einzelheiten verdichteten Sich, als der Stiefbruder einmal die geballten Fäuste gegen die Mutter erhob! ...; als der Fremden! kroch aus dem Bett unid ' Und da faßte ereinen hatte im Dorf einen bitterfrägt sich der Knabe m|t Aber dieser Bruder hatte audh besonders -liebenswerte Eigenschaften. Er spielte gern mit den Kindern und sorgte dafür, daß das eintönige Winteräeben sich erträglich, ja angenehm gestaltete! Zu Weihnachten lag der Schnee meterhoch: Ein scharfer, frostiger Wind trieb die Schneemassen zu großen Haufen. Eis bildete sich eine bläuliche Kruste über dem Schnee, der nup fest auf dem Boden lag: Nur kräftige Menschenhände mit großen Schaufeln hätten ihn einigermaßen bewältigen können. ' ilY> »ATW g a*is Und als die christlichen Dorfjungen in der Nacht dunjh diesen tiefen Schnee von einem beleuchteten Haus zum andern. von einer Hütte zur andern gingen, als die Jungen, in althergebrachter Weise, am Fenster stehen blieben, mit ihrgn hellen Stimmen sangen und Schellen erklingen ließen, wofür Sie Geschenke in Empfang nahmen, riß der Stiefbruder das Fenster auf, warf buntes Spielzeüg, Nüsse und Kuchen hinunter und reichte ein paar Flaschen Wein hinaus. Da jubelten die Bauernjungen laut, viel lauter,, als vor anderen Fenstern'. Oder-er rief viele Kinder hferbei und ging mit ihnen, Spuren von Wölfen zu su6hen, cjie.sich. wie er behauptete, bei starkem Frost aus den Wäldern schleichen, um verirrte Wanderer aufzufressen! j In diesem Winter war es ganz besonders schön!; Der Stiefbrüder hatte gute Einfälle. Er war auch der einzige im Dorf, von dem man etwas lernen konnte! Er liefo, bei besonders starker Kälte, drei' Faß Wein aus dem Kellfer herau/bringen, damit der Wein Frost abbekomme. Sobald sich eine Eiskruste gebildet hatte; ließ er den Wein abzapfen und in leere Fässer gießen. Diesen ersten abgezapften Wein nannte er „Sohn“. Den „Sohn“ ließ er wieder einfrieren, dann den nicht eingefrorenen Wein wieder abzapfen und nannte ihn „Vater“' — bis „Großvater“ und „Urgroßvater“ entstanden. Bei anhaltendem starken Frost gelang es ihm sogdr, „Ur-Urgroßvater“ zu erzeugen! -Jedes neue Erzeugnis war kostbarer als das vorhergehende! . j Dann wurde ein „Winterfest“ gefeiert! Jüdische Freunde ausden benachbarten Dörfern und aus dem Städtchen versammelten sich brachten Euter mit, die an langen Spießen über hellen Flammen gebraten wurden, wobei der Talg nur so herunterfloß und ein ergötzliches Zischen verursachte!; Es wurden große Töpfe Wein vom „Ur-Urgroßvater“ abgefüllt und große harte Stücke Zucker hineingeworfen. Die Gefäße wurden dann auf dreifüßige eiserne Gestelle über Flammen gesetzt. Allmählich fing der Wein an zu kochen, Wenn zartblaqe, I \ I