Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Hansestadt Hamburg
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Hansestadt Hamburg
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 10 (15.10.1937)
- Date
- 1937-10-15
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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l wartet darauf, angelächelt und angesehen zu werden .., Es ist eine entsetzliche Qual, darauf zu warten! Man möchte am liebsten herausplatzen und rufen: x „Ja! 'Ich, ich habe es getan! Sein Leben lang ergeht es einem so... Man halt sich stets für einen Verbrecher und stürzt sich zuweilen in' unverschuldete Katastrophen! Manche Menschen, manche Richter urteilen nach dem Gesichtsausd'ruck! Und — man gewöhnt sich selbst zu sein!. .. Kindes Lummer! ah siit Entsetzen! Werden, das Reifen eines Kindes mit solch einem erschütterten seelischen Fundament?! sich an, mißtrauisch gegen Was man nicht alles in dlas Herz, in das Hirn eiiyes säen kann! Man siit Leid! Man siit Gift! Man sät Ku Man sät Katastrophen'. Mar Und wie schwer ist das Kn Der Weg, den dieser nicht glatt und eben; es w bergiger, mit großen Steineiji Steinen, daß sie nur her können, ohne Schaden an scharfen Steine auf dem sei der Knabe diese lierkulisi ihm geben? Gewohnheit, ihr stilles Lie das eintönige Niederklatsch die Stiefel'ab, trat ein und den man dringend brauch' II. abe gehen sollte, war durchaus lr ein abschüssiger, gelährlicher, belagerter Weg — mit so großen Ikulische Kraft hatte bewältigen Körper und Seele! Diese vielen leinbar gangbaren Pfad!... Wird he Kraft haben? Wer wird sie Eines Tages stand der Knabe auf einem Stuhl am Fenster und blickte hinaus. Es regnete seit dem lrühesten Morgeh in Strömdn. und auf dem Hof bildeten sich Bäche. Im Zimmer war nur Graßmutter und summte, nach alter flehen; es begleitete so eigenartig en des Regens! Da vernahm man im Flur Großvaters Schritte. Er klopfte sagte, was man von einem Regen, , eben zu sagen pflegt’: ..Ein unbezahlbarer, kostbarer Regen!“ Und „Goldes wert!“ Dann sagte er «Gioßmutter etwas, ^ber nicht mit on leichter Heiserkeit belegten Stimme: Er sprach gedämpft — und das beunruhigte den Knaben; unbeweglich blieb er stehen, wie ein in die Erde eingerammter Pfahl, und lauschte! Irgend jemand wur.de ei wartet, und Großmutter sollte in dak Nebenzimmer gehen und Mutter sagen, daß... der dort .. . dort lag?!... Den er entsetzliche Herzklopfen! , Die Und Großmutter ging mit langsamen, schweren Schritten hinaus. Und der Knabe fühlte Großvaters kalte, feuchte Hände auf seinen warmen Wangen: „Du kriegst einen Vate \ Er ist ein guter Mensch und wird dich lieb haben!" Und — jener Vater .. gesucht hatte?!... Diests kleinen Füße versagten . .|. Da bettete Großvater den Enkel auf die große und sehr breite Truhe, die ein Sof;^ ersetze; sie wa’r mit einem langen, wollenen, handgearbeiteten Teppich bedeckt und mit grünen, roten und gelben Kopf- und Wandkissen ausgelegt. Und am Nachmittag schien’ .die Sonne herein, und der Tisch war festlich gedeckt und geschmückt! Großmutter hatte ihr'braunes Faillekleid an und trug eine große schwere go dene Brosche mit vielen vielen Diamanten auf der Brust. Großvater hatte seinen Gehrock angelegt, ging, in Großmutters Liedchen einstimmehd. um. den Tisch herum, rückte die kleine KaralTe mit dem süßen Wein, der so golden war wie die. Zitrone, bald dorthin, bald hierher, und stellte die große KarSFfe mit rotem Wein, der in der Sonne so durchsich lig war, in die Mitte des großen runden Tisches. — Und wo war die Mutter? ln ihrem langen, schmalen Zimmer! Sie saß auf dem Rand des Bettes und weinte... weinte... Nie wird ihr Kind dieses Weinen vergessen! Ihr- Kopf senkte sich immer tiefer — wie in Scham ... wie in Hilflosigkeit. . . Ihr Gesicht war in den Händeh vergraben. ..Mamma ... ich habe dich lieb! Ich habe dich sehr lieb, Mamma... Ich werde dich immer lieb haben?- Da trat die Großmutter vorsichtig ein, küßte ihre Tochter auf die Stirn, ihr F.nkelkind auf die Wange und trennte.die beiden unzertrennlichen Menschen voneinander Dann — gegen Abend —saß man im gioßen ZimrrfOr am Tisch. Großvater redete mit gütigem und wohlwollendem Lächeln. Ein fremder schöner Mann mitkurzem, braun» m Bart und dunklen ru'ntleh Augen — er sah’ aus wie ein Grieche aus der vorchristlichen Zeit --- warf lue’ und du ein Wort dazwischen.; Er arehte ein ’ftrotkrumel in seiner kleinen, etilen Hand und blifklp nur selten die andren an. Die vornehme, nicht allzuweiehe. aber angenehme Stimme dieses Fremden schmeichelte /sich auch bei dom Knaben rasch ein. Die beiden Herren untierhielten sich übet* OclchrtCnsachcn — Großvater setzte den Knaben aufs Knie und ließ ihn ein Wort wiederholen.- das gerade gefallen war: „Mai -- mo — ni — des“. Nur . mühsam konnte man dieses Wort nachsprechen Dabei hielt man Großvaters langi'n Bart in der einen Hand und führte die Spitze ijber die Bäckchen und über die kleine 'Handfläche dejanderen Hand — hin und her — Halbdunkel herrschte. Die beiden Mäpner sprachen nullt laut und auch kurz. Sie schienen in allen Fragen einig zu sein. Großvater 'redete in der Art des indirekten Examinicrens. Die Frauen, beide festlich gekleidet, hörten schweigend, zu Großmutters Augen waren sehr weit geöffnet, gingen hin und her. verweilten länger bei dem Gast: suchend, forschem). Mutter aber saß mit gesenkter» Blicken da. Sann sw? Grübelte sie? -Lauschte sic) einer inneren Stimme? Ihr sc-hopes Gesicht war vergeistigt! Als Großmutter die Glasetder Männer füllte, erhob' sich Mutter unerwartet. kbfz.lmit einem Ruck, und verließ, mix ziemlich rascheh Schritten, dias Zimmer! Großvater., der. gerade etwas gesagt hatte, machteeine kurze Pause und redete gleich weiter, aber ni» ht mehr so ruhig, nicht mehr so sicher wie bisher. Und der FrCmde sprach schnell dazwischen und lauter als vorhin. Der Knabe sah verwundert Großvater an und wollte vpn Großvaters Knie himmteg rutsehen. um der Mutter zu folgen — da fühlte erijdfiß er festgehalten wurde. Und er sollte ein Wort wiederholen, das der Gast ausgesprochen hatte: „Ho — mer“. — Viel, viel -spater entsannsich der Knabe: Der Gast hatte in seinerri stillen Disput auf einest eile im-Talmud hingewiesen, wo die streitenden Parteien sich auf, den heidnischen Diehter berufen. — Statt den. Namen des griechischen Dichter*: zu wiederholen, rief .der Knabe: Er wolle zur Mutter! Dadurch wurde*' die allgemeine. Verlegenheit noch größer! Aber: da erschien -die kleine liehe Frau im Hintergrund des Zimmers: mit einem sechsarmigen silbernen Leuchter. Sechs große, starke Kerzen brannten hell und verbreit»’’en viel Licht. Und Mutter näherte sich — mit ihrem le-chten. fast tänzelnden Gang — dem Tisch, und .'teilte du K<-r/< n, in »he Mitte-‘ — Und ein andermal — sii-horlioh waren inzwischen mi-hn-ve Wochen vergangen —,saß dieser Fremde wieder unter ihni'O. und Großvater,sagte schon d»i zu ihm un»l Großmut mr au--h Nur Butter schwieg und blickte weg. wenn i'r zu ihr redete Und im Herbst saß der Knalle in einem Wagen. <f< “ Mutter unrl dem Stiefvater gegenüber.- Man schwieg' und hörte dem Traben der Pferde und dem Genjiisi-h zu. das »Vr ziemlich rasch dahinrollende Wagen maihte »lern »'* beladene Leiterwagen folgten. — . Erst viel, viel späleterzählte die* Mutter ihrem K.nd m Vertrauen- , Die Geschwister des Wi'st< M'bcnen hätten y»-ri>rc'-t»-t: -1>- halie ihre anderen Kinder verleugnet Das war ein»- boshaft■' Verleumdung! Einen reineren, ehrlicheren un»f edlcn-n Menschen, eine bessere Mutter als »liesc kann i-s riiemai-- gegeben haben! - ' Diese Frau haben: später, ajs sie älter wurde, alle Menschen, die sie kannten, die ..Heilige“ genannt’ IIl. Und nun begann ein neues Leben, oif) Ix-lien voll bupter Abwechslung: Maisfeldcr! Tabaksplantagcn' Weizenfelder! Weingärten! Obstgärten! Kuhherden! Pferde! .Füllen.*