Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Hansestadt Hamburg · 1937-10-15 · 10 (15.10.1937) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Hansestadt Hamburg
Volume
13 (1937)
Issue
10 (15.10.1937)
Date
1937-10-15
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/6492321-5444751-5445103--065-4892555
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1 Farbenpracht des Blühens, Reifens und Gedeihens der Obstgärten. An niederen starken und an hohen schlanken Bäumen leuchten und blinzeln rote und gelbe Kirschen, gelbe und blaue Pflaumen. An verträumten Bäumen hängen schwerbeladene Zweige mit Aepfeln, Birnen, Quitten und Pfirsichen. Auf weiten Flächen der fetten, schwarzen Erde liegen Wassermelonen, die nach und nach zu großen Kugeln auswachsen. . In der Mitte eines jeden Gartens steht ein weißgetünchtes Bauernhaus mit je einer ..Prisbe“ — einer an der Wand angebauten I.ehmbank — rechts und. links von der niederen Eingangstür. Das Sehilfdach des bessäfabischen Bauernhauses ist in dichten Garben gebunden und ragt giebelartig in die Höhe. Großvaters Hau's wurde, wie jedes bessere Haus, von einem Schindeldach beschirmt , und — eines nachmittags brannte dieses Dach ab'. Großvater war zu einem kranken Bauern gerufen worden, dem er, ohne Arzt zu sein, zu helfen wußte, wie so vielen anderen Kranken. Großmutter saß im verdunkelten, schattigen Zimmer mit einer Handarbeit. Die Tochter las aus einem Buch vor und — hinter dem Hause hatte jemand ... ein Häuflein' trockener Maisstauden niedergelegt und sie angezündet... Kleine gelbliche Flarrimen entstanden und züngelten rosa, rot und bläulich hinauf und schwärzten die weiße Tünche der Wand und erreichten hur mühsam die ersten Spitzen der Schindeln. Endlich fingen aber auch die Schindeln Feuer, das sich allmählich rund um das. Dach ausdehnte. Das' ganze Dach stand bald in hellen, gelblichen, rötlichen und bläulichen Flammen. Trotz Windstille und Sonnenglut griff das Feuer zusehends um sich. Bald verbreitete sich im Dorf ein Brandgeruch, der immer stärker wurde, der immer weiter d»anc! Erschrockene Frauenstimmen, sorglose Kinderstimmen erschollen durcheinander. Und plötzlich hörte man Großmutters Stimme. Und Mutter schrie ganz laut auf und rief nach ihrem Kind: „Wo bist du?!" „Hier, hier bin ich!" Großmutter lief um das Haus herum, blieb an der Ecke stehen, rief die Tochter, die ihr Kind bei der Hand hielt: „Sieh mal — da. da!" Reste v m trockenen Maisstauden lagen noch über Kreuz in einem kleinen Häuflein und glommen. Etwas weiter lagen drei abgebrannte Streichhölzer .. . „Das k^nn doch nur von einer Kinderhand herrühijen“, meinte Großmutter.. Mutter staunte und schwieg- .. •letzt kam Großvater in Begleitung von mehreren Bauern. Man holte. Wasser in Eimern und Fässern, die der Regen gefüllt hatte. Viele, viele alte und junge Bauern kamen herzu, umringten das brennende Haus, sprachen laut, stritten sich in ihrem moldauischen Dialekt, während der „Kaufmann“, in unverständlichem Kolonistendeutsch zu seiner Frau, zu Gn 'i’ p.ter und zu deh anderen redete. Die Sonne glühte! Man wünschte Regen herbei! Man rief: ..Harken her! Heugabeln! Spaten! Aexte! I.eitern' Heitern’" Bald ragten hohe Heitern, von kräftigen Bauernburschen cchalfen, senkrecht in die Höhe. Man kletterte rasch' hinauf umi goß aus vollen Eimern Wasser auf das Dach —f daß es nur so spritzte! Das FeueY zischte! Ucber die weißen Wände liefen S’röme hernieder 'und hinterlicßen Spuren, die wie m li'i.'e Schatten großer Fiszapfen aussahen. D Si mm-n wurden immgr lauter. Fensterscheiben ki'io 11’ Die Harken rissen Teile von brennenden Schindeln :!• <!•«•' F.rde Man sprang zur Seite! Die Heitern wackelten! Ti i r.öschonden r,uf den obersten Sorossen schimpften! Es wurde rasch und mit wachsendem Erfolg gearbeitet: Gegen Aoe'irl war das Feuer gelfischt! Aber immer noch, kletterte man mit vollen Eimern auf die I.citern hinauf! "“Nur noch grauer, dann schneeweißer Damnf stieg hinter dem klatschenden Wasser auf. begleitet von leisem, kaum vernehmbarem Zischen. Der größte Teil des Daches war schwarz und strömte einen betäubenden Brandeestank über das Dorf aus! Der Knabe hatte die ganze Zeit abseits — zwischen Mutter und Großmutter — gestanden und die Rufe und Flüche und Ratschläge gehört: Schauder quälte und marterte ihn. besonders als rije Gefahr aufs höchste gestiegen war und Bauern und Bäuerinnen am wütendsten riefen und fluchten und weibliche', quietschende Stimmen ertönten. Und abends — man war ins kleine Nebenhaus gezogen -jlag er im Bett und konnte nicht einschlafen! Seiner Brusit, seiner Kehle entrissen sich Schreie! Das ganze Dorf branntV! Auch die herrlichen alten und jungen Obstbäume branntei(i! Die Scheunen und die Häuser Und die Hütten gingen in Flammen auf! Frauen und Kinder schrien entsetzt! Und sie Bferde wieherten! Und die Kühen muhten kläglich! Urid die Kälber schrien herzzerreißend — da griff’er ein! I] r rettete alle und alles! j Vom Dach riß er das Feuer mit bloßer Hand herunter und zertrat es mit dem rechten Fuß! Das Rind packte er bei den Hörnern und. zog es aus dem Stall! Auf die Pferde hi^b er mit knallender Peitsche ein und jagte sie aus den Ställen hinaus! Kleine . Kinder nahm I er auf den Arm — sie klammerten sich tim seinen Hals! Die Frauen zog er bei dbn Händen fort! Den feigen Bauern rief er fluchend, schreiend zu, daß $ie ihm folgen sollten! Nun war alles und jedes gereftet! Er trat in das Zimmer, in dem Mutter und .Großeltern saßen. Das Dicht blendete, man mußte die Augen bis auf einen schmalen Spalt schließen: dabei sah man seltsam!schöne rötliche Hichtfarben. ,.Es war schön, nicht wahr?1 : ' „Was denn. Kind?“ fragte Großvater. „Der Brand T..“ Großvater war entsetzt... Dias Feuer im Ofen sei schön, aber ein solches Feuer! Dann erzählte er vqn einem Brand, bei dem eine Bäuerin, die in deji Wochen gelegen habe, mit ihrem Neugeborenen und zwei kleirfen Kindern von zwei und drei Jahreri verbrannt sei —4 „verkohlt“ hatte Großvater gesagt, und da fröstelte der Knabe... „Wenn man doch feststellen könnte, wer mein Haus in Brand gesteckt hat“, schloß Grollvater mit einem prüfenden die Seitenblick . .. Und auch Knaben so seltsam an... Da wurde es ihm eng im Reizen Kehle! Sein Aussehen mußte denn während Mutter absichtlich etwas sagte, um die- Aufmerksamkeit von dem Kinde abzulenken. fragte Großvater: „Hast du vielleicht gesehen, Wand war’’“ Da sagte Mutter rasch: „Unsere Streichhölzer habe geholt. ..“ Der .Knabe staunte über die dessen seltsames Hücheln und der Mut.ter! Man verdächtigte beiden Frauen sahen den in der Brust, in der Sroßvater« aufgefallen : sein; ob jemand an der hinteren ich vorhin aus der Küche Worte des Großvaters, über jauch über die Verteidigung h n?! Und als er am nächsten Moffjen das kleine Häuflein abjge- Streichhölzer sah — —; ja. Nsjcht brannter Mäisstauden und 'die warum sollte es ein anderer so sorgfältig vorbereitet und lingezündet haben? Es war ja gar iicht.no schwer... Den ganzen Tag dachte er träumte er davon . . . Hätte man ihn noch einmal befragt, ob e r das Feuer langezündet habe, er hätte mit übef-zeugender Sicherheit gesigt: ...Ta. ich habe es getan!“...] I Und da ihn diese Angelegenheit sehr stark beschäftigte, „probierte“ er an der Hinter vand des kleinen Häuschens, doch mit gar keinem Erfolg! Die Maisstauden lagen zwar sehr schön übereinander Aber die Streichhölzer gingen ]aus — eins nach dem andern, und verbrannten sbgar seihen rechten Zeigefinger und den Daumen ... Das tat weh .. Und brachte die Ueberzeugung bei. daß andere, geschicktere Knaben — — — mit Feuer ges oielt hatten ...! Doch Großvaters Verdacht Und Großmutters gütiges Hücheln ... So etwas reizt angeborene Empfindlichkeit und macht für das Heben unsicher!].. Wenn später einmal etwas Aehnhches pasfciert und man ' wieder ganz unschuldig ist, fürchtet man, angesehen, angjelüchelt zu werden... Man

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.