Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Hansestadt Hamburg
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Hansestadt Hamburg
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 10 (15.10.1937)
- Date
- 1937-10-15
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Der zweite Hund, ein schwarzer Pudel, den der Wachhund tödlich haßte, kümmerte sich nie um das Schloß an den Pforten und am Tor; Er schob sich 'stets unter der’ rechten Pforte durch Im Laufe der Zeit hatte sich in der Erde eine Vertiefung gebildet, Und an den Brettern hingen krause, schwarze Haare — der Knabe^mußte es dem Tier nachgemacht und sich heimlich hinausgeschlichen haben... Wie hatte er sich sonst aus dem Hof entfernen können! Den ganzen Vormittag wurde das Kind gesucht! Auch der Pu'del war nicht zu finden! Sollte er dem Knaben gefolgt sein? Nachbarn wollten gesehen haben, daß beide über die große Wiese gegangen seien, die gegenüber dem Grundstück lag und über die man am schnellsten zu den vielen Schuppen gelangte, in denen der Verstorbene, wenn er nicht in den Wäldern weilte, den größten Teil des Tages zugebracht und das Herstellen von Rädern aller Art beaufsichtigt hatte. Da nahm der Großvater den Schimmel, schwang sich hinauf und ritt aus, sein Enkelkind zu suchen! Nach einer Stühde kam er wieder und berichtete, er habe nach allen Himmelsrichtungen geblickt, gerufen und gepfiffen, aber keine Spur — weder von Kind noch von Hund — finden können. Vor dem Tor hatten sich inzwischen viele Nachbarn: Männer, Frauen und Kinder, angesammelt und den klejnen, untersetzten _ Mann mit dem grauen Spitzbart auf dem niedrigen, weißen Pferd angesehen... Nur um seine Schwiegertochter zu beruhigen, ritt er wieder fort, rasch — als sei ihm etwas eingefallen ... <rt~ ’m Spät am Nachmittag brachte er das Kind. Der Knabe saß vor ihm auf dem Sattel; Großvater hielt die Zügel in der Rechten, mit dem linken Arm hielt er den Knaben umschlungen. „Weißt du, wo ich ihn. gefunden habe? Auf dem Friedhof ... Er ging von Grab zu Grab...“ Die Freude glich einer Trauer_ . Vierzehn Tage darauf kamen die anderen Großeltern und T-'was wollten sie? Nun, für eine junge Witwe sei es schwer, fünf Kinder zu erziehen. Sie kannten einen Witwer, der zwei erwachsene Kinder habe, aber ein wohlsitüierter, vornehmer und sehr gebildeter Mann sei. — Zu dem Verstorbenen hatten sie nur lose Beziehungen gehabt. Fleiß, kaufmännische Begabung, lauterer Charakter; das seien gewiß große Vorzüge! Aber die wahre, die schöne Welt sei doch die des Geist.es. Man hörte von diesem Mann überall nur Gutes und Schönes. Er trat für den Fortschritt ein und auch dafür, das Versäumte nachzuholen und zusammenzugehen mit jenen, die das gute Neue in sich aufnehmen: um es auszubauen und den Nachkommen zu vererben'. Dies verlange der Schöpfer von allen Vernunftbegabten, die Er mit gleicher Liebe und Innigkeit schütze, hüte und pflege. __ Der Schwiegervater vehwarf /uies&-—Ansicht nicht in Bausch und Bogen. — Aber: „aJJes mit Maß. mein Lieber!'* Sonst drohe gerade uns Juden *9ie schrecklichste aller Gefahren —: „Daß das historisch Unzerstörbare, .Wichtigste und Größte — die Religion,' die wir Juden als erste dem heidnischen Asien und Europa geschenkt haben, zumindest verdrängt werde “ Worauf der Schwiegersohn: „Niemals wird ein charaktervoller Jude seine hohe Vergangenheit vergessen oder gar verleugnen; er wird es auch dann nicht tun, wenn er, ein Gast, die: Sitten und Gewohnheiten seiner Wirte annimmt Er erfüllt nur seine große, heilige Pflicht, wenn er mit denen mitgeht, die allein die Macht haben, dem Geist des Fortschrittes alle Tore zu öffnen, also miterschließt den Born, aus dem . neuer, ' frischer Segen Hießt. ' .’ Bei solchen — und ähnlichen — Ergüssen pflegte Großvater den Kopf zu schütteln. r „Uns Juden hät man aus unserem Lande vertrieben. Gott hat das geduldet,, und Er duldet noch manches andere Unrecht. Soll' ich darum verzagen und im Glauben an den Messias verkümmern?! Soll ich nur fromm seih und auf all die herrlichen Früchte verzichten, die uns'allen, allen, allen zu gleichen Teilen geschenkt werden — vor dem .Geist Gottes und Seiner gütigen Seele? Soll ich nicht mithauen an dem großen Gärten, der auch die Zukunft unserer Kinder bereichern, verschönern wird?! In persönlicher und leidenschaftlicher Art soll er seine Ansichten vorgetragen und verteidigt und dabei doch versöhnend gelächelt und seine Gegner entwaffnet haben. Im ‘Blick seiner feurig schwarzen Augen und in seiner kraftvollen Stimme soll eine feine Skepsis zu ahnen gewesen sein, die freilich nur die Gattin am richtigsten, zu deuten verstanden hatte. „Fernstehende, auch Andersgläubige, Andersdenkende, haben sich von ihm angezogen gefühlt“, hatte Mutter einmal erzählt. — . Npn war er, kaum fünfunddrciftigjührig, tot. seine etwa achtundzwanzigjährige Frau -WitwoJ Und seine Kinder --—? : * * * . I Was nun folgt,- ist nach dem Gedächtnis niedergeschrieben. Nur Weniges ist den Erzählungen und! Aufzeichnungen der Mutter entnommen. Erste Etappe Ein jäher Wechsel war in dem Leben der-Wi.lwe eingetreten. Familienzwist zerschnitt alle Beziehungen z.u den Verwafidten des Verstorbenen. „Und eines Tages wurde der Haushalt aufgelöst- Die Witwe zog mit ihrem jüngsten Kind zu ihren Eltern auf das Land. Die anderen Kinder würden von Verwandten aufgenommen. . Die junge Mutter wußte, daß sie großes Unrecht damit tat. sich ausschließlich dem Jüngsten zu widmen Aber: „dieses Kind, das plötzlich so traurig, so zärtlich werden kann und sich um meinen Hals klammer!.‘den es nicht loslassen will, bedarf meiner mehr als die ai^dör. n K.mi r, deren Verhältnis zu mir von jeher ein kühles war. Ihe-cit Kindern hat die Natur ein starkes, selbständiges und gesundes Gefühl mit gegeben und sie befähigt, sich itl den schwierigsten Lebenslagen zu helfen. Hingegen dieser Knabe"; Der älteste Sohn :— aus' erster Ehe des Verstorbenen — und die älteste Tochter zeichnetert sic h durch Fleiß aus. Der ■ zweite Junge fiel durch seinen ausgesprochenen kaukasischen Typus, durch .seine klugen, guten Augen und durch sein gütiges Lächeln auf Das 'zweite Mädchen war eine ausgesprochene Schönheit von gewinnender^ Liebreiz: Ein großes Gesicht mit regelmäßigen Zügen, einem winzigen Muttermal auf der linken Wange und einem kleinen edlen Mund Die Ohren waren wie von geschickter KiinstJerhnnd geformt die Augen groß, braun und wundervoll!>yschattet von herrlichen, langen Wimpern. Besonders fiel das außergewöhnlich reiche braupe Haar ic'dern auf. Und klug war dieses Mädchen!- Ein, entzückendes Lächeln zeigte sich in ihren Trügen, wenn sie in ihrer .vornehmen, etwas spöttischen Arti wiedererzählte. was sie auf der'Straße oder sonstwo an komischen Szenen beobachtet hafte. — Während der Zweitälteste Bruder zum Grübeln neigte, unbewußt in Bildern redete, und. snater, in seiner versöhn!ichgh, subjektiven Art strenge I.ebensgrundsätze formulierte, zeigte'dio zweite Schwester ein ge- . pchicktes Nachahmungstalent von starker, bezwingender Komik! — „In den Augen und im Gesicht Ties Jüngsten aber prägte sich ein immer stärkerer ein immer1 schmerzlicherer Zugfies Leidens aus... Tiefes Weh bohrte in seinem Herzen, wühlte in seinem Seelchen, reizte sein Blut, das bei Schreck oder unerwarteten Geräuschen plötzlich aus dem Gesicht wich: Eine Wachsmaske mit zwei glühenden braunen «Augen stand auf einem gutgebauten Kinderkörper, die Blickesekundenlang star$ auf einen Punkt gerichtet...“ Die Mutter erkannte, daß. das Gemüt.dieses Kindes nach Erlebnissen lechzte, die Erschütterungen irgendwelcher Art nach sich zögen.” Und es kam ein erschütterndes Erlebnis, nach dem andern. — Die Sommerhitze setzt hier'zuweilen sehr früh ein. Begleitet von dem zaghaften Zirpen der Insekten Und dem schmachtenden Werben der .Vögel, ersteht die berauschende