Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Hansestadt Hamburg
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Hansestadt Hamburg
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 10 (15.10.1937)
- Date
- 1937-10-15
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/6492321-5444751-5445103--063-4892553- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
I Kurze Einleitung nach mündlichen Berichten und . schriftlichen Aufzeichnungen der Mutter. Q)oi Mfcnä ... Jedes Kind aus der Nachbarschaft hatte einen Vater, der es bei der Hand führte, auf Spaziergängen mit ihm scherzte, ihm Geschichten verzählte, dies und jenes erklärte — nur dieses Kind nicht. ' Seine älteren Geschwister, zwei Brüder und zwei Schwestern hatten mit der Mutter um die Bahre gestanden, den toten Vater beweint, hatten auch zugesehen, wie der Vater in die Gruft gesenkt wurde — er, der von allen, die ihn gekapnt hatten, geliebt und wegen seines hohen Wuchses und wegen seiner schier abnormen Körperkraft der „Riese“ genannt wurde. Währenddessen lag der elf Monate alte Knabe in der Wiege und blickte aus seinen großen, dunklen Augen in die Weit. Und als die Mutter mit den Kindern vom Friedhof zurückgekehrt, ihn an der Brust hielt, saßen die vier Waisen um sie herum und sahen stum zu, wie aus ihren Augen Tränen auf das' Brüderchen rollten. Die Kinder verstanden noch nicht recht die Bedeutung des Todes. Doch der Schmerz, den sie auch schon während oei kurzen Krankheit des Vaters empfunden hatten, erdrückte ihren Frohsinn. Mit fast verklärtem Gesichfsausdruck hatten sie sich die Worte zugeraunt, die sie sagen hörten: -..Die Rose . Den Nachbarskindern erzählten sie wortgetreu und mit dem gleichen sorgenvollen Tonfall, was sie. während der Krankheit des Vaters, von der Mutter gehört hatten: Väterchen wäre nachts, bei starkem Frost, zu Pferd über Land geritten, hätte sich erkältet, und der Arzt hätte gesagt, es bestünde keine Hoffnung mehr! Erst später, nach einem langen Jahr, fingen sie an. sich über ihren großen Verlust klar:zu werden. Trotzdem sahen sie das I,eben in sonniger Freude erstrahlen! Eine kluge Mutter läßt gerade dann die Vernunft sprechen, wenn Gefühle am stärksten zum Ausbruch drängen. Sie sagt sich: Die Pietät für. einen geliebten Toten darf die ' Schritte Werdender in keiner Weise hemmen! Aber: wie erfüllt sie, unerfahren, verwöhnt von dem viel älteren Gatten, diese schweren Aufgaben, vor die sie plötzlich. unerwartet gestellt ist? Soll sie sich wieder verheiraten und „um des lieben Friedens willen“ auf Kosten ihrer JCinder Zueeständmsse'an die neuen Verhältnisse machen? Oder soll sie bei. ihren Kindern bleiben, wie die Glucke .bei den Küken, sie großziehen und sie dann ihren Weg gehen lassen? Die Jahre vergehen: Die Zeiten ändern sich. Man beginnt, rascher als unter normalen Verhältnissen* zu altem, ist oft gezwungen, bald bei diesem, bald bei jenem Kind Gnadenbrot zu essen, fällt‘den Schwiegersöhnen und Schwiegertöchtern zur Last und muß einen zuverlässigen Dienstboten ersetzen.- Schon bei der ersten Aufgabe versagt manche Mutter! Die ewigen Fragen des Jüngsten: „Wo ist mein Vater? Warum hat jedes Kind einen Vater und ich, keinen?“ —, •diese Fragen waren niederschmetternd, enthielten Unzufriedenheit und hauefiten .Bitternis aus. die keimende Verzweiflung barg. Jedes Kind „fragt“. Manche Kinderfragen drucken Neugier aus oder beweisen „Intelligenz“. Solche Fragen kann man noch einigermaßen richtig beantworten. Aber es gibt Fragen,'die nur eine Mutter mit kühlem Herzen befriedigen könnte: ..Ist mein Vater wirklich, wirklich gestorben?“ ML'iiii „Ja“. „Warum ist er gestorben?“ .„Weil er krank war.“ „Warum wurde er krank?“ „Weil er sich erkältet hatte.“ „Warum werden die Menschen überhaupt krank? Warunji macht sie der Arzf nicht wieder! gesund? Warum sterben die Menschen?“ I Wer ist imstande, auf solche fragen befriedigende An! Worten zu geben? \ Wer ist in der Lage, durch Antworten zu verhüten, dal nicht noch andere Fragen entstehen, die durch unauläng liehe Antworten — denn andere, ^erschöpfende, können wi ja nicht geben — Unzufriedenheit mit allem, selbst mit Got undd^ssen. Walten, wachriefen —j—■ —?! Ineses Kind kannte keine Laufen. Aber es sagte niemals klar ^heraus, was es eigentlich (wollte. Das verschleierte Etwas, das über seinem Herzen Hing, verhinderte jede un zweideutige Aeußerung eines Begehrs. Nur ein Beispiel: „Mutter, ich habe Hunger!“ ' i „Was willst du essen, mein Kind? Willst du frische Milcty mit Schwarzbrot?“ ( „Nein.“ „Willst dü Honigbrot oder Hüh^ierleber? „Nein.“ ' „Willst du Schokolade mit Butterbrot ogler Obst? „Nein.“ , - „Was willst du denn?“ „Essen .' .“ Schließlich aß der Knabe, wa wurde—; die andren Kinder sahen lächelten jenes Lächeln, das. frei Kinder mit ergeben treuem Herren zu lächeln imstandg sind- 1 Vater. d; auf den Tisch gebrach! dem Brüderchen zu und von Neid und Spott, nur er begraben.“ tot sei. käme man in dort In seinem fünften I^ebensjahre wäre« die Fragen noch quälender: „Warum liegt Vater im Grab? „Wenn ein Mensch stirbt, wird „Warum tut man das? Was m »cht der Tote im Grabe Natürlich wurde darauf auf „G^tt" und auf den „Himmel“ hingewiesen! Sterbe man deswegen, um in d|en Himmel zu gelangen? Gewiß nicht. Aber wenn man Himmel. Warum sterbe man erst? Kofinc man nicht ^anders in den Himmel gelangen? Nein. Es müsse so sein. Welchen Zweck habe das alles ’ Und an einem schönen Maimorgen. ' während einep Spazierganges: k „Wo ist das Grab, in dem mein Dort und dort... „Schläft Vater dort?“ ,.J-j-a ...“ „Er muß doch auch mal essen?“ Verlegenes Schweigen. t „Hat er denn nie Hunger?“ j „Wenn man tot ist. hat man keinen Hunger.' „Ist man immer satt? Ist man nie durstig?“ .„N—n—ie.. j Der Knabe hätte alle diese Antworten vielleicht geglaubt .wenn es sich um einen Fremden gehandelt hätte. Aber daß sein Vater... im Grabe liegt, dgs schien doch unmöglich, ganz unmöglich zu sein! . I Unser Haus lag außerhalb der Stadt und wurde, inji Sommer und im Winter, den ganzen Vormittag von der Sonne beschienen. Rechts vom Hause, in demselben Hof, lag das Haus der Eltern des Verstorbenen. Links stand ein Hauq. das nur zum Teil bewohnt war: Der jüngere Bruder deb Toten war im vorigen Jahr mit seiner jungen Frau dort eingezogen ' » * Der Hof war sehr groß. Die (Kinder konnten hier sehlgut spielen. Bis zum Tor durften sie laufen, weiter nicht! Dort lag. an einer'Kette, ein bissiger Hund; ließ Fremde nicht hinein und sah die, die er bewachte, verwundert an. wenn sie hinausgehen wollten. [ Das hohe Brettertor hatte zwei Pforten, je eine rechts und links. Das Pferd wurde durch die eine Pforte hinausgeführt, wenn einer der Männer ausreiten Wollte. Der Wagen wurde wenig benutzt, weil man höchste is zweimal in der Woche ausfuhr, so daß das Tor in der Mitte selten geöffnet wurde- J l I,